Es wird mal wieder Zeit für eine gepflegte Filmempfehlung. Heute startet in den deutschen Kinos ein gängigerweise wohl dem Horror-Genre zuzuordnender Streifen namens Green Room, den ein Drittel von uns bereits vor einigen Wochen bei den diesjährigen Fantasy Film Fest Nights gesichtet hat. 
Ein brachialer, fieser, gewitzter, ausgeklügelter und trotzdem gut verdaulicher wie kurzweiliger Film, der eine darbende Punkband ins Tour-Martyrium des Grauens begleitet und mit einer harten Story, cleveren Wendungen und astreinem Soundtrack aufwartet. Dazu mit einem famosen Cast. Unter anderem Sir Patrick „Captain Picard“ Stewart als Chef einer hinterwäldlerischen Neo-Nazi-Konzert-Kaschemme. 

greenroom

Green Room (auch Greenroom) bezeichnet vor allem in der englischen Sprache den („Warte“-)Raum, Aufenthaltsbereich eines Theaters, eines Studios oder eines vergleichbaren Ortes, in dem sich Darsteller befinden, die noch nicht oder nicht mehr auf der Bühne oder vor der Kamera stehen.“

Wir dachten ja immer, das hieße „Backstage“, aber sei’s drum. In ebendiesem Green Room spielt sich im gleichnamigen Film gar Schauerliches ab. Jeremy Saulnier, der schon beim letztjährigen Fantasy Filmfest mit seinem Debüt „Blue Ruin“ begeistert hat, (Er hat’s mit Farben. Man wäre fast auf’s nächste Jahr gespannt, hätte er nicht selbst Hoffnungen auf eine mögliche Farb-Trilogie direkt begraben.), schickt eine Punkband am Existenzminimum schnurstracks in die Live-Hölle.

Pat, Reece, Sam und Tiger, die nie wissen, wie sie auf ihrer halbseidenen Tour die nächste Tankfüllung bezahlen sollen, kommen kurz vor knapp über zweieinhalb Ecken an den lebensrettenden Gig, der sich nur leider als das pure Grauen heraustellen soll. „The Ain’t Rights“ landen am wahrlich letzten Ort, wo eine Band ihrer Gesinnung und ihres Namens aufschlagen sollte, im Line-Up einer astreinen Neo-Nazi-Live-Spelunke in den Wäldern Oregons. Der vermeintliche rettende Einfall des Radiodudes – „You know, I know a guy, who knows a guy…“ – schickt die Kombo direkt in ihren allerschlimmsten Alptraum.

Die Vorzeichen stehen schonmal nicht ganz so gut, als die vier eine Coverversion von „Nazi Punks Fuck Off“ der Dead Kennedys zum Besten geben, aber als hinter den Kulissen eins der Fascho-Girls ihr jähes Ende findet, und die Band dann auch noch maximal unglücklich in den Tatort platzt, da ist nicht mehr viel zu retten.

Der Green Room wird zur Sicherheitsverwahrung der fix und fertigen Musiker, die Szenerie zum Kammerspiel. Ab jetzt geben sich psychologische Katz-und-Maus-Spielchen und rohe Gewalt die Klinke in die Hand. Alles stilecht begleitet von einem peitschenden Soundtrack von Napalm Death bis Slayer. Dass Regisseur Saulnier selber einst in einer Punkband gespielt hat, hat sicherlich nicht geschadet.

Neben Anton Yelchin (der „Chekov“ der Star Trek Neuauflage) und Alia Shawkat (Arrested Developments Bananenfreundin „Maybe Fünke“) als eine Hälfte der Protagonistenband liefern vor allem Imogen Poots (die einfach sauviele Filme macht und am Ende weiß man trotzdem nie, welche waren’s denn jetzt?) als gehörig verkorkste Springerstiefel-Braut und Patrick Stewart (der echte Picard!) als Neo-Nazi-Venue-Chef gar formidable Performances ab.
Dazu Pittbulls, Macheten, Teppichmesser, fies übersteuerte Amps und das heiligste aller Survival Tools, Gaffer Tape. Das tut ehrlicherweise oft ganz schön weh, fast schon physisch, aber es ist eben auch stark umgesetzt und es macht – leicht abartigerweise – direkt Laune, mit welcher Dynamik sich hier gegenseitig gnadenlos die „Spieler“ abgejagt werden – fast wie bei einer verschärften Gotcha-Partie.

Wer diesen Neo-Nazi-Punk-Thriller nun wiederum zu einer Parabel auf die aktuell ohne Frage bedenklichen Geschehnisse hochstilisieren will, der kann das versuchen, wird sich aber ehrlicherweise schnell schwertun. Dass das Neo-Nazi-Milieu, ob nun in Oregon oder Bad Oldesloe eine abartige und brandgefährliche Bewegung ist, das sollte wohl nicht erst durch diesen Meuchel-Marathon einleuchten (zumal die Gefahr, mit der wir uns aktuell konfrontiert sehen, sicher nicht primär von den im Film hochstilisierten, waffenschwingenden Ultras ausgeht).
Das Genre hat sich schon immer an den unterschiedlichsten Daseinsformen des Schlechten und Gefährlichen bedient um die „besten“ Bösewichte zu finden. Und das müssen schon lange nicht mehr nur mutiert monströse Kreaturen sein (Zumindest äußerlich). Nicht zum ersten Mal tragen die Schurken also Glatze, Springerstiefel und fauliges Vokabular im Mund.

Am Ende bleibt also eher die Frage, wie kann auch nur ein vernünftiger Mensch heute noch auf die Idee kommen, es mit einer Punkband auszuprobieren?
Nein, im Ernst, ein Glück, dass es immer noch so viele tun, und dabei auch noch ordentlich was rum kommt. Kaum auszudenken, die „The Ain’t Rights“ dieser Welt würden allesamt beim ersten Holpern die Flinte ins Korn werfen. Ein Elend wäre das!

Und euch fragen wir jetzt zum Schluss und aus gegebenem Anlass, welches ist eure Band (oder auch zwei) für die einsame Insel? Warum? Weil diese Frage nicht nur schwer interessant ist, sondern am Ende nicht nur im Film einfach ziemlich essentiell.


„Green Room“ startet am heutigen 2. Juni offiziell in den deutschen Kinos (Universum Film).

 

Foto: PR