Es gibt Alben, auf die freut man sich, schon, bevor man überhaupt den ersten Song hört. Mit gewisser Regelmäßigkiet produzieren die Avett Brothers für mich diese Alben. „True Sadness“ ist ihre neueste Platte und die hat es wieder geschafft: Ich bin musikglückselig.

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Seth und Scott Avett, Namensgeber und Masterminds hinter den Avett Brothers, haben sich mit ihren inzwischen neun Alben eine stetig wachsende und noch dazu loyale Fangemeinde erspielt. Seit ihrem 2012er-Album „The Carpenter“ haben sie sich noch ein weiteres Mastermind ins Boot geholt: Rick Rubin, bekannt für Produktionen von den Red Hot Chili Peppers über Johny Cash bis Jay-Z und die Beastie Boys, sitzt für die Brüder aus North Carolina und ihre Band an den Reglern. „The Carpenter “ (2012) und „Magpie and the Dandelion“ (2013) entfernte die Band schon leicht aus der alten Folk-, Americana- und Country-Richtung, doch mit seinem Hattrick sind die Avett Brothers mit Rick Rubin im Pop angekommen. Aber, behold: Diese Popnummer ist nicht schlimm, denn es klingt immer noch hundert Prozent nach den Avett Brothers.

Die erste Single aus „True Sadness“ kam vor einigen Wochen heraus: „Ain’t No Man“ heißt sie und sie zeigt die Avetts samt Cellist Joe Kwon und Drummer Bob Crawford bei einem Ausflug und am Schluss machen nicht nur die Band bei dem Folk-Song mit, sondern das Bordpersonal von einem Flugzeug, die anderen Passagiere und einfach alle. Es war der erste Vorgeschmack auf die poppigere Richtung, die die Avett Brothers wohl einschlagen wollen würden. Ein Stilwechsel ist aber auch nichts Neues, denn angefangen haben die inzwischen kurzhaarigen Dudes aus Concord in North Carolina im Grunge. Als Einflüsse für ihre aktuelle Platte nennen sie selber einen bunten Mischmasch aus u.a. „Queen, Tom Petty, Nine Inch Nails, Aretha Franklin, Gillian Welch, Walt Disney, Pink Floyd, Calypso aus den Fünfzigern und Country aus den Dreißigern“, so hat es Seth Avett auf der Facebook-Seite der Band beschrieben. Klingt wild? – Ja schon, aber eben auch gut. Verdammt gut sogar.

Zwölf Songs haben es aus der Avett-Rubin-Schmiede auf „True Sadness“ geschafft und wie immer überzeugen die Songs durch das eingängige Zusammenspiel und vor allem Zusammensingens der Avetts. „Ain’t No Man“ ist eine Gute-Laune-Nummer mit Mitklatschen, einer markanten Bass-Line und einem „Looohoooohoooove“ im Refrain. „I And Love And You“ erscheint tausend Jahre weg, soviel steht fest – jetzt gibt’s Happy Days. Allerdings nicht lang, denn „Mama, I Don’t Believe“, der zweite Song, schlägt die eher vertrautere Avetts-Tichtung ein: Streicher, Zwiegesang der Brüder und dann auch noch Mundharmonika! Keiner macht schönere Folk-Pop-Songs als die Avett Brothers. Und ganz ehrlich: Bei dem Song wurde mir klar, wie sehr ich auf diese Platte gewartet hatte. „No Hard Feelings“ ( später „Fisher Road To Hollywood“ mit großen Cello) wird dann gar noch ruhiger und die Avett Brothers schaffen es unglaublicherweise wieder, in den ersten drei Songs ihre komplette Bandbreite vorzuführen. Was für Musiker!

In „You Are Mine“ kommen auch Elektro-Beats vor, ich glaube, das gab es bei den Avett Brothers noch nie. Klappt aber! Eines der schönen, einfachen Liebeslieder, die einer der beiden Avetts für seine Frau schreibt und die auf keiner Platte fehlen dürfen. Mit „Satan Pulls the Strings“ sorgt die Folk-Pop-Formation schon seit geraumer Zeit für Aufsehen: Hier werden in einem Song gleich diverse Stile zusammengemischt und wer bis hierhin dachte, die Avetts wären die netten, immer braven Brüder von nebenan, wird eines Besseres belehrt. Ins Mikro schreien, bittesehr, geht auch bei einer Band, die gleichzeitig auf dem Banjo zupft. I like!

Sagte da nicht wer was von Calypso? Ja, doch: „Victims of Life“ ist da Zeuge dafür. Und für „Divorce Separation Blues“ stand der angesprochenene Dreißiger-Country Pate. Der titelgebene Song „True Sadness“ ist vielleicht die Hymne unseres Jahres: „No one is fine.“, singen sie da.  Darauf beruhe die „True Sadness“, die aber dann doch mit einer recht fröhlichen Melodie daherkommt. Alles endet auf einer groß angelegt orchestralen Note: „May It Last“ ist die vielleicht untypischste Avett Brothers-Nummer. Wie eine Alt-Pop-Ballade aus den Neunzigern. Abgefahren!

Einfaches Fan-Fazit: Spitzensong, Spitzenalbum – wenn auch poppiger als der Rest der großen Avetts-Revue bisher. Die Avett Brothers sind vielleicht immer noch am besten, wenn sie das tun, was sie am längsten tun und wofür wir sie bisher so sehr geschätzt haben: Seth und Scott machen gemeinsam ohne viel Schnick-Schnack Musik. Aber – ehrlicherweise – man muss mal was anderes ausprobieren und das Alte pflegen. Für immer wir es aber von meiner Seite aus heißen: „I And Love And Your Music.“

Es bleibt nur eine einzige große Frage übrig: Wann kommen die Avett Brothers endlich wieder nach Deutschland auf Tour?

„True Sadness“ von den Avett Brothers ist am 24. Juni bei American Recordings/ Universal Music erschienen.

Fotos: PR