Mit „Stranger Things“ hat unser Mediadealer des Vertrauens einen neuen Hit geliefert. Mit stets willkommenem Grusel treibt uns dieses Sci-Fi-Horror-Schmucktück aus dem Hause Netflix in neue Dimensionen des Binge-Watching-Wahnsinns und befeuert dazu aufs Angenehmste einen 80s-Pop-Kultur-Nostalgie-Flash. Diese Serie ist hervorragend und hat dazu ein sehr wertvolles Geschenk im Gepäck: die Musik ist eine Wucht!

strangerthings_title_quer

Ein Mann im weißen Laborkittel hetzt atemlos durch düstere Gänge, flüchtet panisch in den vermeintlich rettenden Aufzug und schon ist es passiert. Noch keine Minute läuft die Show, da hat sie ihr erstes Opfer. Weg ist er, der wackere Forscher, davongeschleift von… Ja, wovon, das wird noch zu klären sein. Fest steht, es gehen seltsame Dinge vor sich im U.S. Department of Energy.
Schnitt in den Keller der Familie Wheeler. Dort verlieren sich Mike Wheeler und seine Kumpels Will Byers, Dustin Henderson und Lucas Sinclair wiedermal in tagelangen Fantasy-Rollenspielen und fighten sich aufs Engagierteste durch ihre strategischen Manöver als ginge es um ihr Leben. Wenig später tut es das tatsächlich, denn von den drei Kids, die auf ihren BMX Bikes den abendlichen Heimweg antreten, kommen nur zwei zuhause an. „The Vanishing Of Will Byers“ heißt Folge Eins. Und so beginnt es…

Was jetzt beginnt ist ein weiterer, ganz großer Wurf der Serien-Schmiede Netflix und so gut gemacht, dass es selten schwerer war, etwas nicht in einem Rutsch durchzuschauen. Bei den 8 Folgen mit ihren jeweils knapp 45 Minuten liegt das durchaus im Bereich des Machbaren, auch ohne Risiko der umgehenden sozialen Verwahrlosung. Ich hab’s nicht ganz hinbekommen, es aber zumindest an einem Wochenende durchgehauen. Passt auch.
Man wird von Minute Eins förmlich eingesogen in dieses Paralleluniversum, das mit allem aufwartet, was der geschmackssichere Cineast (Gibt es eigentlich schon ein Pendant für die Serienwelt? Sicher bald.) zu schätzen wissen dürfte: Der starke 80ies-Style, der mal subtile Grusel, mal ansatzweise splatterige Horror, die gute Portion Übernatürliches, die wunderbaren Charaktere und Schauspieler, die so klassische wie stimmige Erzählweise im perfekten Tempo und, natürlich, der Hammer-Soundtrack.
Alles zusammen erschafft eine Welt, die trotz der offensichtlichen Fiktion, die beim erfundenen Städtenamen losgeht und beim eigentlichen Kernthema der Serie endet, so absolut real wirkt, dass man sich dort am liebsten Mal umschauen würde in Hawkins, Indiana um bei ein paar der Gesellen an der Haustür zu klingeln.

strangerthings_boys_quadratDie Charaktere

Bei Sheriff Hopper z.B., der in seiner leicht desolaten Abgerissenheit trotzdem von Anfang an nicht verbergen kann, welch cooler Hund er eigentlich ist, und der im Laufe der Geschehnisse zu Höchstform aufläuft. Zusammen mit Joyce Byers, der Mutter des verschwundenen Will, die nicht mehr nur am Rande des Nervenzusammenbruchs wandelt sondern bereits in der zweiten Folge schon gut 3-4 hinter sich gebracht hat. Ein starker Auftritt unserer Neunziger-Ikone Winona Ryder, die da als vom Schicksal gestreifte, alleinerziehende White-Trash Mom um ihren vom Erdboden verschluckten Sohn kämpft, wie eine Getriebene. Nur fürs Camel Ketterauchen bleibt nebenbei ein bisschen Zeit. Da wird schonmal die Hütte mit 4 Kilometer Weihnachtsbeleuchtung verkabelt (drinnen!) oder mit der Axt die Frontfassade eingedroschen (man fühlt sich hier und da an die leicht psychotischen Hornbach-Spots erinnert). Der Mutterinstinkt ist kein Humbug, sie weiß sofort, das hier stinkt gewaltig und weil ihr (erstmal) keiner glaubt, muss sie halt selber ran.

Das sehen auch die Freunde des fehlenden vierten Buddies so. Wie großartig diese Kids geschrieben und gecastet wurden und wie hinreißend sie das Ganze spielen, ist eine echte Schau. Auf der Hawkins Middle School werden die nerdigen „Loser“ von den stumpfen Pausenhof-Rambos drangsaliert, aber wehe wenn sie losgelassen mit ihren klobigen Funken und BMX-Rädern!
strangerthings_hug_querDustin, mit viel Witz und fehlenden Frontzähnen („I told you a million times, my teeth are coming in! It’s called cleidocranial dysplasia.“) ist wohl der heimliche Star der Truppe, aber der sensible, hibbelige Mike und der toughe Lucas machen das Trio komplett. Zusammen verkörpern sie das, was so viel mehr ist, als die Summe seiner Teile. Wahre Freundschaft. Diese drei sind pures Gold, nicht nur weil es so ungeheuer viel Spaß macht ihnen zuzuschauen, sondern weil man sich auch immer mal an seine eigene Zeit mit 10-12 Jahren erinnert. Wie man drauf war, welche Freunde man hatte und was man alles so gemeinsam (mit)gemacht hat. Lange bleiben sie jedoch nicht zu dritt, denn sie bekommen Zuwachs von einem höchst mysteriösen Mädchen, das, scheinbar vor etwas Schrecklichem geflüchtet, in Mikes Keller Unterschlupf findet und der Bande nach anfänglicher Skepsis kräftig unter die Arme greift. Bei deren Mission den abkömmlichen Freund aufzuspüren sind die übernatürlichen Kräfte von Eleven, so ihr Name, dabei die willkommene Geheimwaffe. Dieses zierliche Persönchen mit dem rasierten Kopf sagt mit einem Blick aus ihren riesigen Augen mehr als manch ausgewachsenener Schauspieler in einem zweieinhalb Stunden Oscar-Epos. Die hat noch was vor.

Doch auch bis in die Nebenrollen ist die Show hervorragend besetzt. Mikes Teenie Schwester Nancy startet als hübsch angezogenes, emsig lernendes High School-Püppchen mit einem Faible für den schwer aufgeföhnten Schul-Beau Steve und mausert sich langsam zur kompromisslosen Slasher-Braut, die Lieutenant Ellen Ripley in Alien stolz gemacht hätte. Zusammen mit Wills Bruder Jonathan, einem mittelmäßigen Sonderling mit großem Herz (nicht nur für den vermissten Bruder sondern eben auch für sweet Nancy), gehts nach ausgiebigem Baumarkt-Einkauf auf Monsterjagd.

Sobald sich die diversen Rückblenden, vor allem in die Richtung, aus der Eleven Reißaus genommen hat, in die Handlung mischen, gewinnt alles Kontur und die Ereignisse nehmen Fahrt auf. Aus dem Ruder gelaufene Regierungsexperimente, Vertuschung und Schadensbegrenzung um jeden Preis, das volle Programm.
Mehr soll an der Stelle nicht verraten werden, denn das würde nur dem Schauvergnügen schaden.

Die Macher

The Duffer Brothers, wie die Macher der Serie in den Credits firmieren, sind wohl Baujahr ’84, die Serie spielt im Jahr 1983. Sie haben also ein paar Hausaufgaben gemacht in Sachen 80ies (vielleicht hat ihnen ja Winona Ryder geholfen, sie war damals immerhin schon 12.).
Welche Liebe zum Detail die Herren da an den Tag legen hinsichtlich Ausstattung und auch mal subtile mal offensichtlichere Verbeugung vor diversen Genreklassikern ist schon bemerkenswert. Der Look der Serie lässt unweigerlich an Spielberg Klassiker wie „E.T.“ oder „Die Unheimliche Begegnung der Dritten Art“ denken, dazu kommt der Vibe von „Stand By Me“ und „Die Goonies“ sowie eine gute Portion „Poltergeist und „Es“. Aber immer wieder sind auch kleine Refenzen versteckt: Die Fahrzeuge und Uniformen der Polizei in Hawkins sind die gleichen wie bei „Der Weiße Hai“, das Plakat wurde im Stil alter Klassiker wie „Zurück In Die Zukunft“, „Indiana Jones“ und „Star Wars“ gestaltet, der Titel-Schriftzug ist der von „Final Fantasy“. Im Wheeler’schen Gaudi-Keller hängt ein Poster von „Das Ding aus einer anderen Welt“ und natürlich liegt ein Modell des Millenium Falcon rum. Auch schön: der zahnlose Dustin kreischt immer höchst aufgebracht „Lando, Lando!“, sobald er einen Verräter wittert (ein solcher war bekanntlich Lando Calrissian im Star Wars-Universum). Man könnte weiter aufzählen, aber besser selber ein wachsames Auge drauf haben.

strangerthings_playliste_tapeDie Musik

Perfekt ergänzt wird der ganze 80ies-Spaß durch die passende Musik. Da reihen sich The Bangles und Modern English an Joy Divison und New Order. Corey Hart grüßt mit „Sunglasses at Night“ und daneben Dolly Parton vom „The Bargain Store“. Der psychedelische „White Rabbit“ von Jefferson Airplane darf natürlich auch nicht fehlen, genauso wenig wie Tracks von Echo & The Bunnymen, The Seed und Foreigner.
Das Herzstück des Soundtracks ist allerdings „Should I Stay Or Should I Go“ von The Clash. Die inoffizielle Hymne der beiden Byers Brüder trägt uns wiederkehrend über die 8 Folgen. Es gäbe definitiv schlechtere musikalische Anker. Und, dass ich das noch erleben darf, endlich hat es Totos „Africa“ in einen Soundtrack geschafft! Das ist ja überhaupt das Beste.
Diese Songs hat Netflix netterweise schonmal in einer Playlist für uns Musikjunkies kompiliert, weshalb wir uns hier das Zusammensuchen erfreulicherweise sparen können. Nicht alle Songs, die man in den Folgen zu hören kriegt, sind hier enthalten. So fehlt z.B. Peter Gabriels Version von David Bowies „Heroes“, die wie maßgeschneidert über dem Ende der dritten Folge liegt. Aber für den kalten Entzug nach dem Finale ist diese Sammlung wirklich mehr als ausreichend.
Und Nachschub ist schon unterwegs! Denn es gibt ja auch noch die Originalmusik, für die zwei Teile der Band SURVIVE aus Austin verantwortlich sind und die trotz aller synthiemäßiger 80er-Nostalgie auch einen coolen, zeitgemäßen Touch hat. Teil Eins dieses Scores erscheint schon am morgigen Freitag. Zumindest digital, die CD Variante folgt am 16.9. Teil Zwei wird digital am 19. August und auf CD am 23. September nachgeschoben. Ich schrei jetzt schon mal laut nach Vinyl, allein schon wegen des geilen Artworks!

Bis Season 2 kommt – ja, die ist quasi schon angekündigt. Wohooo! – hier also schonmal der Musik-Fix. Viel Vergnügen und Hail to the Freaks!

 

„Stranger Things“ streamt auf Netflix. Teil 1 des Original Score erscheint digital am 12.8., auf CD am 16.9. und Teil 2 am 16.8./ 19.9. via Lakeshore/Netflix.

Fotos: Netflix / https://www.facebook.com/StrangerThingsTV/