Reeperbahn Festival, du Overkill an Musik, Clubs, Menschen und Astra. Du herrliches, buntes und schönes Festival hast uns so viel Freude beschert, uns so viele Bands gezeigt und uns in den Backyard vom Molotow gequetscht, um gute Musik zu hören und die Abende ausklingen zu lassen. Es war ganz schön mit dir und deinen Venues. Was bleibt? Elf Interviews zu tippen und jetzt schon Vorfreude auf 2017.

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Im Gegensatz zu letztem Jahr war das #RBF dieses mal geprägt von Interviews. Die kompletten Einzelinterviews findet ihr hier in den nächsten Tagen.

Donnerstagfrüh, Hauptbahnhof München. Recht verschlafen trifft man bekannte Gesichter an Gleis 19, der ICE nach Hamburg fährt in wenigen Minuten ab. Ich, Ursi, habe mir viel vorgenommen, insgesamt stehen Interviews mit 13 Künstlern auf meinem Zettel (letztendlich werden es elf werden). Ein Konzertprogramm, von dem ich von vornherein schon weiß, dass es nicht zu schaffen sein wird – aber hey, der gute Wille zählt. Und dann geht bis zur Abreise zurück nach München am Sonntagmorgen alles ganz schnell: Ankommen, Schlüssel für die Wohnung holen, Reeperbahn, Bunker, Knust und Molotow und dann wieder ab nach Hause. Versuchen wir mal ein bisschen Ordnung in den Blur der letzten Tage zu bekommen…

Donnerstag beim Reeperbahn Festival: Rundherum ums Molotow

Kaum in Hamburg angekommen, geht’s auch schon zum ersten Termin. Ich treffe am Hamburger Berg Matthew Logan Vasquez, der vor allem als Frontmann der Band Delta Spirit bekannt ist. Seit seiner ersten Soloplatte ist er froh, allein sein Ding machen zu können und spielt an diesem Abend noch im Molotow. Wir sinnieren gemeinsam über den Status von Rock’n’Roll-Bands im Allgemeinen und von seiner One-Man-Show im Speziellen. Aber dann, hopp hopp, gehts schon weiter – auf ins Molotow am Nobistor am anderen Ende der Reeperbahn.

Ich treffe die vier Briten von Spring King. Spring King sind eine junge, sehr talentierte Band aus London, die die Beach Boys verehren und ähnlich wie ihre Vorbilder ernste Texte in nicht so ernste Melodien verpacken. Sie wollen, dass die Zuhörer und Zuschauer eine gute Zeit haben und erst beim genaueren Zuhören feststellen, dass es Spring King nicht nur um Spaß geht. Das Quartett um Tarek Musa ist vom eigenen Erfolg, den unter anderem Zane Lowe in seiner ersten Apple Music „Beats 1“-Sendung vorantrieb, immer noch überrascht und sie feiern jeden einzelnen Augenblick. Es ist ein sehr nettes Gespräch im Backyard vom Backyard, wir lachen viel und trinken das ein oder andere Astra.

Und in jenem Backyard geht es auch nahtlos weiter: YAK, das laute Musik-Phänomen aus Großbritannien,
warten auf der nächsten Bierbank. Im Gegensatz zu Spring King sind sich die drei durchaus bewusst, dass ihnen der Erfolg recht gibt. Sie haben mit „Alas Salvation“ ein großes Debüt abgeliefert, das vor allem später am Abend live eine Wucht ist: Oliver Burslem, Elliot Rawson und Andy Jones machen keine Gefangenen auf der Bühne im Molotow, sie feiern den Abriss.

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Sänger und Gitarrist Burslem springt beim dritten Song ins Publikum, in seinem komplett weißen Outfit könnte man ihm durchaus eine Ähnlichkeit zu Alex von den Droogs aus „Clockwork Orange“ zusprechen. Das Beste für uns Münchner: YAK spielen am 10. Oktober im Feierwerk und wer da nicht hingeht, ist wirklich selber schuld. Das wird so laut wie spitze!

Freitag beim Reeperbahn Festival: Zwischen Canada House, Biffy Clyro und Molotow

Nach einer kurzen Nacht und dem obligatorischen vormittäglichen Spaziergang zu den Landungsbrücken heißt es am Freitagmittag für mich: Auf zum Uebel & Gefährlich! Um 13.55 Uhr treffe ich auf der Dachterrasse die drei Jungs von Jagwar Ma. Die haben mir in den letzten Wochen mit „OB1“ nicht nur einen Dauerorhwurm geschenkt, sondern bescheren mir bei strahlendem Sonnenschein ein selten witziges Interview. Wir sprechen über ihre Live-Shows, über ihr neues Album „Every Now & Then“, das am 14. Oktober erscheint, über das Aufnahmestudio in Frankreich, Pilzesammeln und Ventilatoren. Es wird das mit Abstand absurdeste und lustigste Interview des diesjährigen Festivals bleiben. Dieses Trio ist phänomenal!

Kurz später stehe ich auf dem Balkon des Kukuuns, das auch in diesem Jahr beim Reeperbahn Festival wieder das Canada House beherbergt. Ein Showcase nach dem anderen von Nova Scotia bis British Columbia fegt hier über die Bühne. Mit mir auf dem Balkon stehen We Are Wolves, das Trio aus Montreal, das in den kommenden Wochen ihr neues Album“WRONG“ veröffentlicht. Wir sprechen über die kanadische Musikszene, ihren francophonen Hintergrund und den englischen Titel ihrer neuen Platte und die künstlerische Qualität ihrer Heimatstadt.

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Danach ist ein bisschen Zeit und ich schlendere Richtung Speicherstadt. Mein nächster Termin ist abseits des Kiez in einem Haus am Zollkanal. Dort treffe ich Fil Bo Riva, den Italiener, der an diesem Tag seine EP „If You’re Right, It’s Alright“ herausgebracht hat. Fil Bo Riva, der eigentlich mit Vornamen Filippo heißt, und sein Bandkollege Felix spielen einen Song von ihrem Debüt für uns ein und man schätzt sich dort, in der Akustik des Innenhofs mit den Autos der Straße im Hintergrund, sehr sehr glücklich. Die zwei spielen beide Gitarren und singen in einem Hausdurchgang. Filippo singt sich die Seele aus dem Leib: Seine EP ist eine musikalische Ohrfeige an eine Frau, wenn man so will. Und deshalb klingen die Songs auch so grundehrlich, so echt.

Fil Bo Riva ist ein überaus netter und besonnener Künstler, der mit seinem Kollegen Felix demnächst als Vorband von Joan As Policewoman auf Tour gehen wird und danach hoffentlich wieder einmal in München aufschlägt. Hier hat er gewohnt und gearbeitet, erst später verschlug es den Italiener mit Ausbildung in Irland in seinen jetzigen Wohnort Berlin. Was ihm denn in Deutschland allgemein am meisten fehle? „Gutes Essen“, meint er und beißt lachend in einen Apfel.

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Ich laufe zurück zum Canada House und warte auf meinen nächsten Termin: July Talk. Die kanadische Band, die eben ihr zweites Album „Touch“ veröffentlicht hat, spielt um 22 Uhr im Kukuun und vorher treffe ich Peter und Leah noch zum Gespräch. Sie verspäten sich, weil sie ihren Van nicht entladen konnten, sind aber trotz des Zeitdrucks extrem angenehme Gesprächspartner. Wir sprechen über seltsame Pressetexte, ihre krasseste Live-Show und natürlich das neue Album. Ihre Show lebt vom Spiel zwischen dem Gesangsduo. Leah dehnt vor dem Auftritt ihre Beine und eine Männergruppe neben mir raunzt noch „Was hat die denn vor?“

Kurz später wissen sie es: Sie räkelt sich, sie tanzt, sie schlängelt sich am Mikrofronständer empor. Sie ist eine irre coole Frau mitten in ihrer Jungscombo! July Talk sind für ihre Live Performances bekannt: Kunstblut, echtes Blut, verschütteter Wein – hier wird nicht mit Effekten gespart. Aber nicht nur die Effekte machen die Show aus, sondern vor allem die Leistung der Band: Die Energie, die July Talk live auf der Bühne freisetzen, kann auf keine Platte der Welt übertragen werden. Es ist ein Geben und Nehmen auf der Bühne, es ist die direkte Interaktion mit dem Publikum und die treibende Musik, die von Duetten zwischen Peter und Leah lebt. Muss man gesehen haben!

Am Freitagabend ist neben gefühlt 1000 anderen Konzerten auch die Warner Music Night. Drei Künstler spielen da eine Nacht. Eigentlich. Denn in diesem Jahr haben sich am Donnerstag zusätzlich die Herren von Biffy Clyro angekündigt. Die drei Schotten kommen zu sakralen Chorgesängen auf die Bühne und bleiben dort im Dunkeln wie versteinert stehen. Aber nicht lange: Sie eröffnen ihr Konzert mit „Wolves of Winter“ von ihrem aktuellen Album „Ellipsis“.

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Es hat den Anschein als wüsste mancher nicht, wer da auf der Bühne steht und welche Musik die da vorn machen. Aber der Biffy spielt sich ohne Verluste durch seine Alben und lässt für mich gar nicht so viele Wünsche offen – vor allem, als sie „Many of Horror“ und „The Captain“ anstimmen. Große Band, große Show vor nur 1.500 Menschen. (Vor mehr Publikum spielen die Schotten übrigens im kommenden Monat bei uns im Zenith auf.)

Samstag beim Reeperbahn Festival: Zwischen St. Pauli Kirche und Großer Freiheit

Und dann, flupp, ist es auch schon Samstag und damit der letzte Festival-Tag. Ich treffe mittags die ganz zauberhafte Österreicherin von Avec, wir unterhalten uns in der Hamburger Sonne und sie spielt in einem kleinen Park hinter der Reeperbahn ihren Track „Granny“ für uns ein. Toll! Da darf man sich jetzt schon auf die „Manic Street Parade“ in München freuen, wenn Avec dort auch spielt. Ganz toll! Über den Tag verteilt treffe ich noch eine Band aus Österreich: Schmieds Puls spielen am Abend in der St. Pauli-Kirche und vorher nimmt sich Sängerin Mira Lu trotz Terminstress noch Zeit für uns. Wir dürfen den ersten Song ihrer Performance aufnehmen und hey, was kann ich sagen? Ein irrsinnig schönes Konzert in einem einmaligen Ambiente.

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Auf der einen Seite gehörte der Samstag den Österreichern, auf der anderen den Kanadiern: Mit Ben Caplan aus Halifax und The Belle Game aus Vancouver führe ich in Cafés und am Knust meine Feldstudie zur kanadischen Musikszene im allgemeinen weiter und freue mich, noch zwei kanadische Künstler treffen zu können – Kanadas Musik von Ost nach West habe ich jetzt jedenfalls mit den Profis besprochen.

Es gibt ein Abendessen an der Schanze und schon da kann man erahnen, dass Der Grüne Jäger abends zu PUP aus allen Nähten platzen wird. Ich jogge über das Heiliggeistfeld am Millerntorstadion vorbei und die Reeperbahn hinunter und  lausche schließlich Schmieds Puls auf der Empore in der St. Pauli-Kirche. Durch einen einen Hausgang schleiche ich mich zurück zur Reeperbahn: Auf zur Großen Freiheit 36, Wild Beasts anschauen! Leider können die mich nicht so ganz überzeugen, es mag aber vielleicht auch einfach die Müdigkeit sein, die langsam, aber sehr sicher überhand nimmt.

Draußen gibts eine Apfel-Gurken-Schorle (Trinkt das nie! Schmeckt grausig! Hat nach Essiggurkenwasser geschmeckt! Wer möchte denn sowas? #gurkifizierung – so nicht!) und schließlich noch die Hälfte des Konzerts von Me + My Drummer. Kurz nach 23 Uhr werden meine Augen so schwer wie meine Beine und ich verabschiede mich zurück in mein Wohnungsidyll in Ottensen. Keine acht Stunden später sitze ich im Zug und fahre müde, aber sehr froh nach einem tollen Reeperbahn Festival 2016 zurück nach München.

Bestes Konzert: Alle, die ich gesehen habe, waren super. Alle. Aber vielleicht sticht Biffy Clyro doch etwas heraus wegen des überschaubaren Publikums.
Bester Moment: Vielleicht die drei Minuten auf einer Brücke in der Speicherstadt am Freitagabend. Die Sonne schien alles golden an und ich hab mich über das, was ich schon gesehen hatte und noch sehen würde, gefreut.
Beste Lehre aus 2015 für 2016: Man kommt gut ohne Lakritzlikör durchs Festival und auch das letzte Astra lässt sich leicht durch Fanta ersetzen.
Vorsatz für 2017: Die Nike Air Max einpacken. Meine Füße sagen jetzt schon danke.
Außerdem: Danke, liebes Reeperbahn Festival!

Fotos: the music minutes