Sie polarisiert und politisiert. Auch auf ihrem fünften Album „Aim“ hintefragt M.I.A. auf clevere und direkte Art gesellschaftliche Missstände. Ihre Message unterlegt sie mit hypnotischen Hip-Hop-Beats und allerlei innovativem Weltmusik-Firlefanz.

m-i-a-pressebild-2016-cms-source-1

Grenzen, Politik, Identitäten und Privilegien – in „Borders“ thematisiert M.I.A. die aktuelle Flüchtlingsprobleamtik. Im dazugehörigen, von ihr selbst inszenierten Video zeigt die Musikerin Scharen von Menschen, die versuchen, über einen mehrstöckigen Grenzzaun zu klettern. Der Song war bereits letztes Jahr erschienen, als die Flüchtlingsdramen im Mittelmeer die Medien beherrschten.

Kurz darauf machte M.I.A. gemeinsame Sache mit H&M, um auf das Thema Wiederbenutzung und Recyclen von Kleidung hinzuweisen. Für die etwas fragwürdige Kooperation mit dem Billig-Mode-Unternehmen hagelte es zu recht Kritik. Nichtsdestotrotz ist „Rewear It“ ein großartiger Track.

M.I.A. drückt ihren Finger gerne mitten in die Wunde, dorthin, wo es wehtut. Immer wieder macht sie auf gesellschaftliche Missstände wie Rassismus, Diskriminierung und Polizeigewalt aufmerksam. Die aufwändig inszenierten Musikvideos unterstreichen jeweils ihre Botschaft. Gekonnt setzt die studierte Filmemacherin ihre musikalischen Ideen in starke Bilder um. In „Born Free“ aus dem Jahr 2010 zum Beispiel werden Rothaarige verfolgt und brutal abgeschlachtet.

Pop meets Politics

Wenn Pop auf Politik trifft, wirkt das manchmal etwas befremdlich. Während in westlichen Clubs Kids zu den treibenden Beats abgehen, ist der Leidensweg vieler der Protagonisten aus den Songs noch lange nicht beendet. Natürlich kann man es fragwürdig finden, wenn eine Künstlerin das tragische Schicksal tausender Menschen, die vielen Leidensgeschichten in schöne Bilder in einen vierminütigen Clip packt. Dennoch zeigt die Popmusikerin dadurch direkt auf ein Problem, benennt es und macht ein jüngeres Publikum auf solche brisanten Themen aufmerskam.

Auf ihrem neuen, fünften Studioalbum „Aim“ beschäftigt sich M.I.A. mit der Flüchtlingskatastrophe. Dahinter steckt mehr als bloße Attitüde. Die 41-Jährige weiß, wovon sie rappt. 1975 in London als Mathangi „Maya“ Arulpragasam geboren, wuchs sie – nachdem ihr Vater sich dem tamilischen Unabhängigkeitskampf verpflichtet hatte – in Sri Lanka auf. Erst zehn  Jahre später kehrte sie als kleines Mädchen in die britische Metropole zurück, auf der Flucht vor dem Bürgerkrieg in Sri Lanka.

Ob ein Refrain wie „Borders (What’s up with that?), Politics (What’s up with that?), Police shots (What’s up with that?), Identities (What’s up with that?), Your privilege (What’s up with that?), Broke people (What’s up with that?), Boat people (What’s up with that?)“ nun wirklich sehr aussagekräftig bzw. tiefgründig ist, sei dahingestellt. In anderen Tracks beweist M.I.A. Swag und ihr lyrisches Talent – etwa wenn sie uns GOD als Akronym von „gold and oil and dollars“ um die Ohren haut.

Kreatives Multitalent

aim_miaM.I.A. tobt sich nicht nur verbal, sondern auch künstlerisch gerne aus. Das kreative Multitalent, das am renommierten St. Martin’s College studierte und vor ihrem Durchbruch u.a. Cover für Elastica gestaltete, kombiniert Musik, Film und Grafikdesign zu einem Gesamtkunstwerk. So auch für ihr neues Album „Aim“. Die Cover von Singles und Album sind in Schwarz und Orange gehalten, überzeugen mit einem simplen, aber wirkungsvollen Artwork.

Auch musikalisch bleibt M.I.A. ihrem längst zum Markenzeichen gewordenen Sound treu, eine Mischung aus Elektro, Dancehall, Hip-Hop und Weltmusik. Das Resultat: basslastiger Global-Pop.

Die zweite Single „Go Off“ wird von einem hypnotischen Bollywood-Beat vorangetrieben. Für den Track schnappte sich M.I.A. den Dubstep-Experten Skrillex und ihren langjährigen Studio-Partner Blaqstarr. Letzterer zeichnet auch für den Remix des „Bird Song“ verantwortlich. Der minimalistische Track basiert auf einem schrägen Sample aus dem tamilischen Film „Aanandha Kummi“ aus dem Jahr 1983.

Auf der Deluxe-Edition von „Aim“ ist auch eine Version des „Bird Song“ von Diplo enthalten. Mit dem Hit-Produzenten, mit dem M.I.A. einst liiert war, arbeitet sie seit Beginn ihrer Karriere zusammen. Auf ihrem Debütalbum „Arular“ von 2005 hatte Diplo etwa beim Underground-Hit „Bucky Done Gun“ seine Finger im Spiel. Den vertrackten „Bird Song“ macht Diplo dank einem tanzbaren Beat etwas zugänglicher und geschmeidiger.

Maximal reduziert

Einige der Tracks auf „Aim“ wirken skizzenhaft, irgendwie unfertig. „Jump In“ kommt ohne großen Schnickschnack aus, lediglich M.I.A.’s geloopte Stimme. Sie selbst bezeichnet den seltsamen Track als „Competition zwischen ihrer Stimme und den Zwischenräumen des Beats“. Auf „Swords“ kommen Schwertklingen zum Einsatz, ansonsten kommt der Track recht eigenwillig daher. Auch „Fly Pirate“ ist ein recht verspultes Stück Musik.

mia__„Ali R U OK?“ ist ebenfalls ein aufs Nötigste reduzierter Track, unterlegt von traditioneller südostasiatischer Musik. Im Titel zitiert M.I.A. Michael Jacksons „Smooth Criminal“. Es geht um einen – von Calais, einem der im Rahmen der Flüchtlingskrise in Verruf geratenen Sammelorte – immigrierten Taxi-Fahrer, der hart für seine Träume arbeitet. „Tell em you’re taking off work today
“, bittet M.I.A. „Tell ‚em you’re not gonna be working late
.“ Seine besten Tage verschenkt er an seinen Boss, „all work and no play“.

In „Visa“, einem hibbeligen Elektro-Track, zitiert M.I.A. sich selbst. Der Song ist mit einem Sample von „Galang“ unterlegt. Ursprünglich hatte sie angeblich ein Sample von Elton Johns „Circle Of Life“ verwendet.

„Finally“ – einer der wenigen Songs mit eingängiger Pop-Melodie –  wurde von João „Branko“ Barbosa von Buraka Som Sistema produziert. „What haters say about me don’t worry me, I keep it moving forward to what’s ahead of me“, gibt sich M.I.A. selbstbewusst. Mit Kritikern und Neidern hat sie noch nie ihre Zeit verschwendet.

Für „Freedun“ holt sie sich Unterstützung eines ehemaligen Boyband-Mitglieds: Zayn Malik, der Bad Boy von One Direction, steuert den Refrain bei.

Das Resultat ist ein riesiges Puzzle, das schemenhaft Eindrücke der Flüchlingskrise zeichnet. Einige Puzzleteilchen fehlen allerdings, wodurch das Bild leider etwas brüchig und unfertig wirkt.

Foto: Universal Music