Mit ihrem frisch-fröhlichen Indie-Pop liefern die Crystal Fighters einige Spätsommer -bzw. Frühherbst-Hits. Musikalische Muntermacher kann man in diesen grauen Tagen gut gebrauchen. „Everything Is My Family“, das ditte Album der Briten, kommt zum richtigen Zeitpunkt.

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Mit „You & I“ lieferten die Crystal Fighters 2013 einen kleinen Sommerhit. Für mich kam der Song ein wenig zu spät. Und zwar ganze drei Jahre und zwei Monate. Selber Schuld, denn ich hab das Stück erst jetzt entdeckt. So hör ich den sommerlichen Gute-Laune-Song halt im grauen Nebel – ist eh perfekt gegen den Herbst-Blues. Passenderweise erscheint dieser Tage das dritte Album der britischen Indie-Band.

Auf „Everything Is My Family“ bleiben die Crystal Fighters ihrem Stil, den sie bereits auf ihrem Debüt „Star of Love“ von 2010 zelebrierten, treu. Eine lebensbejahende Mischung aus tanzbaren Indie-Disco-Beats, Weltmusik-Anleihen und jeder Menge Pop. Die Band um das Kerntrio Sänger Sebastian „Bast“ Pringle, Gitarrist Graham Dickson und Multi-Instrumentalist Gilbert Vierich sagt, das neue Werk sei „mehr Sonnenschein“ als alles, was sie bislang gemacht hätten.

Tatsächlich scheint den meisten der mitreißenden Stücke die, mit Verlaub, Sonne aus dem Hintern. „Good Girl“ zum Beispiel wird von einem dancigen, pumpenden Beat vorangetrieben, ein Chor veredelt den hymnischen Refrain. Das Stück entstand an der britischen Südküste, an einem Lagerfeuer am Strand.

Globale Einflüsse

In den drei Jahren nach dem Release ihres zweiten Albums, „Cave Rave“ (2013), kamen die Band-Mitglieder ganz schön rum. Frontmann Sebastian verbrachte viel Zeit im Baskenland. Auch die Kanarischen Inseln und Mittelamerika standen auf seiner Reiseroute. Orte, an denen das Leben größtenteils draußen stattfindet. Hier spielte der Musiker an einem Lagerfeuer auf seiner Gitarre herum, ohne von Smartphone und anderem technischem Schnickschnack abgelenkt zu werden. Sein Band-Kollege Graham verbrachte indes Zeit in Neuengland und Peru.

Die Auszeit hat der Band gut getan. Schließlich musste sie im September 2014 einen schweren Schicksalsschlag hinnehmen, als ihr Drummer Andrea Marongiu auf Tour an Herzversagen starb.

Das neue Album schäumt regelrecht über vor neuer Energie. Musikalisch finden sich Inspirationsfetzen von Folk über Synthie-Pop bis Minimal Techno und House. Hinzu kommen ethnische Stile aus diversen Ecken der Welt. Ein musikalischer Karneval der Kulturen. Das Resultat ist ein jegliche Genres sprengender Global Pop, ähnlich wie der Sound von M.I.A. Weltmusik 2.0 quasi.

Die zum Dauerrausch aufrufende Single „All Night“ hat dank ihres euphorischen Refrains und den Feel-Good-Vibes das Potential zum Spätsommer-Hit. Innerhalb weniger Wochen erzielte der Song knapp zwei Millionen Streams.

„The Moondog“ dagegen ist ein psychedelisches, sehr verspultes Liebeslied. Das Stück wurde im Traum geschrieben, meint Gitarrist Graham. Der Refrain wurde ihm angeblich von einer Frau in Peru vorgesungen. Gegen Ende artet der Song in ein Musical-esques Finale aus.

Auf „In Your Arms“ sind die Crystal Fighters dann kaum wiederzuerkennen. Das Stück schrammt schon haarscharf an der Grenze zum Dubstep-Charts-Gedöns vorbei. Beim Anhören musste ich sogar checken, ob aus Versehen der Shuffle-Modus aktiviert wurde. Aber das sind tatsächlich die Crystal Fighters.

Die Band, zu der übrigens auch die beiden Sängerinnen Laure Stockley und Mimi Borelli gehören, jongliert wild mit Genres, lässt sich mehrere Etiketten gleichzeitig aufkleben. Sie selbst beschrieben ihren Sound mal als eine Art Zeitreise von Velvet Underground und den Gipsy Kings in die Pyrenäen in den Achtzigern, um mit Produzenten wie Skream, Madllib und Luciano zu arbeiten.

Dieser sehr offene, liberale Zugang zu diversen Musikstilen mag einigen zu angestrengt klingen. Immer wieder werden die Crystal Fighters als Hipster-Band bezeichnet. Wie auch immer. In Zeiten wie diesen kann ein wenig Offenheit, ein vielseitiges Spektrum an Stilen sicherlich nicht schaden. Und ein bisschen Sommer-Feeling im Oktober hat ohnehin noch niemandem geschadet!

Live-Spektakel

crystal_fighters_jackson_grant_creditEinige der Stücke wie das mitreißende „Ways I Can’t Tell“ sowie das orientalisch angehauchte und in Prog-Rock-Ekstase endende „Fly East“ wurden speziell hinsichtlich der Live-Shows geschrieben.

„Wir können es kaum erwarten, die Titel live zu spielen“, grinst Graham. Sein Kollege Sebastian ergänzt: „Wir schreiben Songs, zu denen wir im Studio abgehen wollen. Und wenn es uns zum Tanzen bringt, feiern andere die Stücke möglicherweise genauso.“

Wer sich selbst ein Bild machen will: Ab Ende Oktober sind die Crystal Fighters auf Deutschland-Tour.

Das neue Crystal-Fighters-Album „Everything Is My Family“ erscheint digital am 21. Oktober. Physisch ist es ab 28. Oktober im Handel erhältlich.

Crystal Fighters Tour 2016:
28.10. Köln, E-Werk
29.10. Frankfurt, Gibson
31.10. Hamburg, Docks
01.11. Berlin, Tempodrom

Fotos: Jackson Grant