Auf ihrem dritten Album „Woman“ hüllen Justice ihren Krawall-Sound in eine fluffige Zuckerwatte-Wolke. Die beiden Franzosen entdecken ihre softe Seite.

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Es knarzt, kratzt und knallt nicht mehr so schön. Der Krawall ist weniger geworden. Die destruktiven Donner- und Blitzmomente machen Platz für warme, manchmal fast kitschige Melodien. Justice zeigen auf ihrem dritten Studioalbum ihre softe Seite. Die zehn Tracks auf „Woman“ sind sanfter, haben teilweise weniger Wumms als das ältere Material. Dennoch immer noch unverkennbar Justice.

Bekannt wurde das Pariser Duo vor knapp zehn Jahren mit einer damals neuartigen, kruden Mischung aus Elektro, Pop und Rock. Xavier de Rosnay und Gaspard Augé verpassten der Dance-Musik einen frischen Anstrich. Heute werden sie vor allem in den USA als Vorreiter von EDM gehandelt. Guetta-Geböller in gut. Innovativ und vielleicht ein bisschen avantgardistisch.

Mit ihrer Schrei-Hymne „We Are Your Friends“, einer Kollaboration mit Simian Mobile Disco, sorgten Justice 2006 für euphorische Club-Nächte. 2007 erschien ihr Debütalbum „Cross“, das u.a. ihren bis heute wohl bekanntesten Track „D.A.N.C.E.“ hervorbrachte. Vier Jahre später folgte „Audio, Video, Disco“. Jetzt, fünf Jahre danach, ist endlich Album Nummer drei fertig.

Kuschelrock-Softies?

Justice anno 2016 klingen weicher. „Unsere Musik hatte schon immer eine romantische Komponente, aber es ist das erste Mal, dass wir den Begriff Liebe in den Mittelpunkt rücken“, erklären die beiden Musiker in einem Interview. Diese Entdeckung ihrer sanften Seite wird auch auf dem Cover deutlich.

Ähnlich wie The xx bleiben Justice seit Beginn ihrer Karriere konsequent ihrer eigene visuellen Sprache treu. So ziert das Cover von „Woman“ ein Kreuz, das Markenzeichen der beiden französischen Elektro-Frickler. Während das letzte Album noch ein wuchtiges Zement-Kreuz auf Gras gebettet zierte, wird das Signature-Symbol dieses Mal von einer ölig-glänzenden, zähen Flüßigkeit umspült. Die fließenden Farben bieten einen Kontrast zum kantigen, groben Kreuz.

Bereits die beiden ersten Singles des neuen Albums, „Safe And Sound“ und „Randy“, machten deutlich, dass Justice ihren kruden Krawall-Elektro in Zuckerwatte gehüllt haben. Auch die Tracks „Fire“ und „Pleasure“ gehen in diese Richtung. Vier astreine Popsongs, die rasch ins Ohr gehen.

Im Videoclip zu „Fire“ machen Justice mal eben eine Spritztour mit Susan Sarandon, in einem schnieken Oldtimer. Das Musikvideo ist in Sepa-Tönen gehalten, der Weichzeichner passt perfekt zum neuen Sound des Duos. Und übrigens: Die 70-jährige Hollywood-Diva macht im lässigen Justice-Look eine grandiose Figur!

Für „Safe And Sound“ arbeiteten Justice mit dem London Contemporary Orchestra zusammen. Den Gesang übernahm ein Chor. Auf „Fire“, „Pleasure“ und „Randy“ ist der Falsett-Gesang von Morgan Phalen zu hören. Der US-Sänger war bereits auf dem Vorgänger-Album „Audio, Video, Disco“ von 2011 mit von der Partie. Er ist Mitglied des New Yorker Indie-Rock-Quartetts Diamond Nights und verdeutlicht die Vorliebe der beiden Justice-Jungs zur Rocker-Mucke.

Auf ihrem letzten Album huldigten die beiden Produzenten der Gitarrenmusik. Eine Art Überbleibsel aus dieser Ära könnte der neue Instrumental-Track „Heavy Metal“ sein, ein Tiefpunkt der neuen Platte. Das Elektro-Cembalo beschwört die Soundtracks trashiger 80s-Filme herauf, wirkt aber etwas prätentiös.

Retro-Sci-Fi-Sound

Auch „Stop“, ein langsamer, verträumter Song, der an das letzte Werk der französischen Dance-Erneuerer Daft Punk erinnert, könnte unbemerkt einen Retro-Sci-Fi-Movie aus vergangenen Jahrzehnten unterlegen. Die Prog- und Soft-Rock-Einflüsse sind unüberhörbar. Überhaupt steht das ganze neue Album im Zeichen der wilden Siebziger. Disco, Soft- und Prog-Rock treffen auf Gospel, Funk, R’n’B und Elektro.

„Love S.O.S.“ bringt Justice von anno 2007 mit der aktuellen Version der Band zusammen. Aus der hysterischen Synthie-Sirene, die Erinnerungen an den hibbeligen Noise-Track „Stress“ vom Debütalbum weckt, schält sich eine süßliche Melodie.

Man kann den Sound von Justice schrecklich finden. Geschrammel, Lärm, hohles pseudo-avantgardistisches EDM-Gebrüll. Unbedingt sollte man die beiden live erlebt haben. Auf der Bühne sind sie eine Wucht. Ihr Auftritt vor vier Jahren im Zenith kam einer Messe gleich. Zahlreiche Elektro-Jünger zuckten in Ekstase. Auch die neuen, melodiöseren und poppigen Stücke werden die Hallen zum Beben bringen. Und ein wenig Erholung nach massiven Tracks wie „Genesis“ oder „Let There Be Light“ kann schließlich auch nicht schaden.

Fazit: Auf „Woman“ findet sich der oder andere seichte, überflüßige Track. Ecken und Kanten sind gerundet worden, aber eine Kuschelrock-Platte ist „Woman“ natürlich nicht geworden. Einfach ein bisschen mehr Softcore als Hardcore!

Fotos: Warner Music