Die Musikszene von Kanada aufzuzeichnen ist ein Ding der Unmöglichkeit: zu groß das Land, zu hoch die Anzahl der Künstler. Wir nehmen euch mit auf einen Streifzug in zwei Teilen von Ost nach West und sprechen auf diesem mentalen Roadtrip mit Ben Caplan, We are Wolves, July Talk und  The Belle Game.

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Kanada ist riesig. Das zweitgrößte Land der Erde hat ungefähr viele gute Bands und Künstler wie es groß ist. Wir machen eine Reise von Ost nach West, von Halifax bis Vancouver und stellen vier Künstler vor, mit denen wir uns über ihre Musik und Kanada unterhalten haben: Ben Caplan (Halifax), We Are Wolves (Montreal), July Talk (Toronto) und The Belle Game (Vancouver). Als Bonus schicken wir noch Arkells (Hamilton) ins Rennen. Ready? Let’s go!

Halifax, Nova Scotia: Ben Caplan

Wir starten in Halifax in der kanadischen Provinz Nova Scotia. Die Stadt liegt direkt am Atlantik und weil Städte am Wasser immer künstlerisch aktiv sind, ist Mister Ben Caplan auch nicht der erste Künstler aus Halifax, mit dem ich spreche. Der erste war Paper Beat Scissors, der sowohl allein nur mit Elektrobeat-Computer als auch mit Band live agieren kann.

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Aber Ben Caplan ist diesmal dran: Ben Caplan, seines Zeichen der Künstler mit dem langen Bart, den langen Locken und der unverkennbar rauen Whiskey-Stimme, ist für seine Live-Shows bekannt. Der Folk-Blues-Klezmer-Barde legt unvergessliche Konzerte hin. Wie schafft er das mit seiner Band? „Am Ende eines Konzerts sind wir auf der Bühne ein offenes Buch. Wir geben alles. Mir ist es wichtig, eine Verbindung zum Publikum aufzubauen.“ Dass er nicht reinen Folk macht, sondern andere Musikstile untermischt, erklärt er so: „Diese Solo-Nummer nur mit Akustik-Gitarre funktioniert nicht für mich. Man muss etwas Einzigartiges schaffen, was die Leute fesselt.“

Mit seinem aktuellen Album, „Birds With Broken Wings“ ist der Kanadier fast konstant seit dessen Erscheinungsdatum im letzten Jahr auf Tour. Macht das noch Spaß? „Ja, schon. Aber ehrlich gesagt ist das auch ein Muss, denn ich weiß nicht, wie man in 2016 als Musiker Geld verdienen soll.“ (Nur nebenbei: Seit Beginn seiner Karriere als Musiker spielte Caplan über 1200 Shows.) 30 Musiker hatte er zu den Aufnahmen zum Album geladen, live schafft der Kanadier all das mit nur drei oder vier Kollegen auf der Bühne. Man müsse arrangieren können, so Caplan. Recht hat er und das kann er.

Wie ist das Künstlerleben in Halifax? „Richtig gut. Halifax ist eine relativ kleine Stadt, aber es ist die größte Stadt an der kanadischen Ostküste. Eine Menge Künstler, Visual Artists, Musiker und Filmmenschen, kommen dorthin. Man kann gut dort arbeiten und auch entspannen.“ Und wie ist das Musiker-Dasein in Kanada? „Das ist super. Wir müssen [im Gegensatz zu unseren US-Kollegen] nicht zwingend ein Genre auswählen. Wir spielen nicht gern nach Regeln und mischen alles zusammen wie und bis es uns gefällt.“  – Gefällt uns auch!

Montreal, Quebec: We Are Wolves

Weiter geht es nach Montreal, der größten Stadt der Provinz Quebec. Wer einmal in dieser Stadt war, wird den bestimmten Vibe nicht so schnell vergessen: Alle sprechen französisch! Im Winter ist es sauwindig und verdammt kalt! Sie waren 1976 nach München der Ausrichter der Olympischen Spiele und haben ein Stadion, das irgendwie nie fertig wurde. Auf ihrer Autorennstrecke darf man Rennrad fahren. Die Stadt ist sehr, sehr schön und hat den Anschein, als würde hier jeder „irgendwas mit Kunst“ machen. Aus Montreal treffen wir die Vierer-Combo We Are Wolves. Natürlich haben sich da Bandmitglieder an der Kunstakademie kennengelernt!

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Wenn man nachliest, welche Musik We Are Wolves machen, dann kann schon mal eine wirre Beschreibung wie „Fun Noise Punk Artsy Post-Core Pop“ herauskommen.  Macht das Sinn? „Ja“, meint die Band, all diese Einflüsse würden in ihren Songs irgendwie vorkommen. We Are Wolves erfinden sich regelmäßig neu, im Herbst ist ihre neue Platte „WRONG“ erschienen: Das ist nicht nur ihr erstes Album, auf dem die Francokanadier nur auf englisch singen, sondern auch das auf dem sie New Wave-Pop einschlagen. Es wäre an der Zeit gewesen auf englisch zu singen und außerdem gäbe es kein Äquivalent für einen Titel auf französisch, der zu der Platte passen würde. „WRONG“ ist ein Abbild der inzwischen zwölfjährigen Bandgeschichte:

We Are Wolves benutzen immer noch elektronische Elemente in ihrer Musik, aber setzen die viel feiner ein als am Anfang ihrer Karriere. Bei einem Song achten sie live besonders auf den richtigen Einsatz von Elektronica: „Paranoid“ von Black Sabbath. Es ist das einzige Cover, das We Are Wolves spielen und es ist ein Fixpunkt ihrer Sets. Es mache Spaß, mit dem Song zu arbeiten und man kann es nicht verhauen, denn das Original ist ja überragend, so die Band. Sie spielen einfach ihre Version, die sich immer ändert.

We Are Wolves sind aus einer ganz anderen Stadt als zum Beispiel Ben Caplan: Montreal ist artsy, hier leben die Künstler. War das nur mein Eindruck oder ist das echt so? „Ja, doch, auf jeden Fall“, bestätigen We Are Wolves. Sie erklären weiter: „Alles ist sehr ‚bohemian‘. Die Musikszene ist sehr bunt gemischt, alle Genres und Subgenres und deren zukünftige Strömungen sind vertreten. In Montreal kann man sich das Leben und Wohnen noch leisten, es ist also ein stetiger Flow von künstlerisch aktiven Menschen aus ganz Kanada und auch den USA in der Stadt zu spüren. Dann gibt es natürlich auch noch die Musik, die französisch ausgerichtet ist und so einen ganz anderen Bereich als der Rest von Kanadas Musikszene abdeckt“.  Sänger Alexander Ortiz führt weiter aus: „Man merkt, dass Kunst jeden in Montreal betrifft und somit auch die Musik beeinflusst. Wir haben uns zum Teil auch an der Kunstakadmie getroffen, wir sind jetzt professionelle Künstler!“ Okay, also einer machte vor allem Videoinstallationen und Visual Arts, einer Malerei und Grafikdesign und einer hörte mit der Akademie auf und skateboardete die ganze Zeit.

We Are Wolves sind eine lebensfrohe, bunte und künstlerisch ambitionierte Combo. Sie können sich ein Monat lang in ein Studio (im gleichen, in dem übrigens Nick Cave gerade vor ihnen aufgenommen hat) einsperren und an ihrem Album arbeiten. Sie verändern sich die ganze Zeit und lassen sich von den verschiedenen Strömungen in ihrer Heimatstadt Montreal inspirieren. Sie lieben Karaoke und wenn sie eine Musikrichtung für sich erfinden dürften, dann wäre das „Mutant Pop“, sind sie sich einig: eine sich immer verändernde Pop-Musik, die weder ihnen noch ihren Fans langweilig wird.

So, angekommen am Ende unseres kleinen Streifzugs durch das zweitgrößte Land der Welt. Die Interviews mit beiden Bands wurden während des Reeperbahn Festivals aufgezeichnet. Den zweiten Teil gibt es gegen Ende der Woche.

Fotos: PR, Ursi Schmied