Anderson .Paak – aber bitte mit Punkt – gilt als jüngstes Talent aus der kalifornischen Hip-Hop-Schmiede. Ähnlich wie bei Kendrick Lamar schmiegen sich in seinem lässigen Laissez-Faire-Sound Soul und Jazz an moderne Beats.
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Ein frisches Lüftchen weht von Malibu rüber: Nach Frank Ocean und Kendrick Lamar macht sich ein weiteres kalifornisches Jungtalent auf, um von der US-Westküste aus die Pop-Welt zu erobern. Ganz lässig umgarnt uns Anderson .Paak mit seinen laid-back-Tunes.

Ähnlich wie Rapper Kendrick Lamar auf seinem Album „To Pimp A Butterfly“ kombiniert Anderson .Paak geschmeidige Hip-Hop-Beats der G-Funk-Schule mit smoothen 60s-Soul  und 90s-R’n’B und streut ein paar verspielte Jazz-Elementen ein.

Aufgewachsen im südkalifornischen Oxnard – einer Stadt, die angeblich für einen Viertel der kalifornischen Erdbeer-Ernte verantwortlich zeichnet –, machte Brandon Paak Anderson erstmals mit einer Handvoll Releases unter dem etwas windigen Pseudonym Breezy Lovejoy von sich reden.

Um die Kosten für die Aufnahmen seines Erstlings „O.B.E. Vol. 1 “ zu finanzieren, arbeitete der junge Musiker auf einer illegalen Marihuana-Plantage. Diese wurde jedoch von den Behörden zerschlagen.

Der Sänger, Rapper und Produzent war daraufhin hoch verschuldet, so dass er mit seiner Frau und seinem heute fünfjährigen Sohn einige Zeit obdachlos war. Shafiq Husayn von der Hip-Hop-Combo Sa-Ra aus Los Angeles verschaffte ihm einen Assistenten-Job als Songrwiter und Produzent, wodurch er Zugang zu einem Tonstudio erhielt. Danach war der 30-Jährige als Schlagzeuger mit „American Idol“-Finalistin Haley Reinhart unterwegs.

2013 veröffentlichte er schließlich via bandcamp.com eine Cover-EP unter seinem neuen Künstlernamen Anderson .Paak – der Punkt steht laut eigener Aussage fürs Detail. Auf „Cover Art“ finden sich sechs Neuinterpretationen von den Yeah Yeah Yeahs, den Whites Stripes, The Beatles, Neil Young und, kein Scherz, Toto. Großartig: Folk- und Rock-Klassiker wie „Seven Nation Army“, „Hold The Line“ oder „Blackbird“ als soulige, jazz-durchtränkte und von Hip-Hop-infizierte Tracks.

Dahinter steckt ein ausgeklügeltes Konzept: Anderson .Paak erinnert damit an weiße Künstler der 50er Jahre, die sich schamlos bei den Songs ihrer schwarzen Blues- und R’n’B-Kollegen bedienten, damit kommerzielle Erfolge feierten, die Urheber jedoch nicht entsprechend entschädigten. Anderson .Paak kehrt diesen Prozess um.

Vor zwei Jahren erschien dann das Debütalbum „Venice“, gefolgt von zwei weiteren EPs, „The Anderson .Paak EP“ und „Link Up & Suede“. Letztere weckte das Interesse eines Pop-Impresarios, der bereits Kendrick Lamars Karriere förderte: Dr. Dre signte den Newcomer für sein Label Aftermath Records.

Letztes Jahr dann der Durchbruch im großen Stil. Auf „Compton“, dem seit über einem Jahrzehnt erwarteten neuen Album von Dr. Dre, war Anderson .Paak auf sechs Tracks vertreten.

Es folgten spannende Kollaborationen, etwa mit dem kanadischen Produzenten Kaytranada sowie mit Rapper Mac Miller, mit dem das luftige „Dang!“ entstand.

Gemeinsam mit dem Produzenten Knxwledge, mit dem Anderson .Paak die EP „Link Up & Suede“ aufgenommen hatte, kam unter dem Projektnamen NXWorries ein ziemlich unpolitisches Album mit Pimp-Fantasien heraus, das im Oktober dieses Jahres erschien. Mit Macklemore & Ryan Lews entstand „Dance Off“, mit Shootingstar Chance The Rapper reimt Anderson .Paak auf „Blessings“ und auch beim neusten Werk von A Tribe Called Quest hatte er seine Finger im Spiel.

ap-5Dazwischen legte der Durchstarter sein zweites Studioalbum vor. „Malibu“ erschien bereits im Januar dieses Jahres. Dank seinem Namen, den er sich inzwischen gemacht hatte, konnte der Newcomer einige Hochkaräter im Studio um sich versammeln. So sind Produzenten wie 9th Wonder, Madlib, Dem Jointz und Hi-Tek mit dabei. Als Feature-Gäste konnte Anderson .Paak ScHoolboy Q, Talib Kweli, Rapsody und The Game gewinnen.

Mit Kaytranada entstand der verspulte und federleichte Tanz-Track „Lite Weight“. Das gefühlvolle „Put Me Thru“ ist eine elegante Retro-Soul-Nummer mit Gospel-Elementen. „Room In Here“ ist ein jazzig angehauchter Hip-Hop-Bouncer mit dezenter Piano-Melodie.

Mein Lieblingssong ist „Am I Wrong“. Ein entspannter Feel-Good-Club-Track mit dezenten House-Einflüssen, der in der Mitte das Tempo kurz runterbricht, bevor nochmals aufgedreht wird: Spätestens beim Oooh-Oooh-Singalong-Refrain und den Bläsern gibt es kein Halten mehr.

Mühelos sprechsingt sich Anderson .Paak mit seiner samtweichen Stimme durch Genres und Zeiten: von Jazz und Hip-Hop über 60s Soul und 90s R’n’B bis hin zu House. Das Resultat ist eine neue, luftige Version von West-Coast-Rap – befreit von hohlen Gangsta-Posen, dafür mit Malibu-Feeling. Als ob Outkast, Stevie Wonder, Theophilus London und D’Angelo zusammen im Studio abhängen.

Seine innovative Mixtur brachte Anderson .Paak auch gleich mal eine Gramy-Nominierung ein. So ist er mit „Malibu“ in der Kategorie „Best Urban Contemporary Album“ neben Hochkarätern wie Beyoncé und Rihanna im Rennen um den begehrten Musikpreis.

Unterstützt wurde er bei den Aufnahmen von The Free Nationals, mit denen bereits die Cover-EP entstand. Die Band begleitet den Musiker auch live – vermutlich auch, wenn er nach kleinen Shows im Februar nächstes Jahr nach DEutschland zurückkehrt. Dann tritt Anderson .Paak als Support von Bruno Mars auf (u.a. am 14. Mai in der Olympiahalle in München).

Foto: Membran/Presse