Lang hat’s gedauert, aber hier kommt er: der zweite Teil unseres musikalischen Streifzugs durch die Weiten Kanadas. Diesmal mit Expertenwissen der kanadischen Bands July Talk und The Belle Game. Und einer Playlist mit Canada’s Finest zum krönenden Abschluss!

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Im November haben wir euch auf den ersten Streifzug durch Kanada mitgenommen, von Halifax bis Montreal. In der Zwischenzeit ging ein MacBook mit den Audiodateien der Interviews über den Jordan, aber neues Jahr, rekonstruiertes Zeugs – los geht’s: Diesmal von Toronto in der Provinz Ontario (aus der auch Ryan Gosling und Justin Bieber kommen) bis an die Pazifikküste nach Vancouver, British Columbia. Musikalisch erzählen uns hier July Talk aus Toronto und The Belle Game aus Vancouver was. Wir wissen immer noch nicht, wie die Musikszene in Nickelbacks Heimatstadt ist. Gott sei Dank.

Toronto, Ontario

Toronto ist eine ganz lässige Stadt: Am Lake Ontario liegt eins der großen kreativen Zentren Kanadas. Ein Highlight war zum Zeitpunkt meines Besuchs die Graffiti Alley; mir kam es vor als wäre Toronto auch das Street Art-Zentrum nördlich der USA. Vor allem blieb mir eine Einladung unserer Airbnb-Hosts zu einer Wein-und-Käse-Party im Kopf. Es gab vor allem Wein. Und Gespräche über Dinosaurier mit einem professionellen Online-Poker-Spieler und über den Bruder eines Anwesenden, der zu Schulzeiten mit Ryan Gosling befreundet war. Den Deutschen kann man aber auch echt alles erzählen! So oder so: Toronto ist ein guter Ort für Musik, nicht zuletzt nennen neben July Talk auch andere Musiker aus allen Sparten Toronto ihre Heimatstadt: Neil Young, Drake, The Hidden Cameras, Peaches, Deadmau5, Metric und Broken Social Scene sind hier zuhause und in Missisauga im Südwesten der Metropole wohnen The Dirty Nil und Billy Talent. Also sehr viele gute Künstler.

July Talk: Alternative Rock aus Toronto

Wir sprechen mit Peter und Leah von July Talk, ihrerseits grandioses Front-Duo der Band. Die Live-Shows der Alternative Rock-Band aus Toronto sind legendär, da wird alles gegeben: Leah Fay räkelt sich, schmiegt sich katzenartig an ihre Bandkollegen und singt überraschend kraftvoll für ihre vergleichsweise filigrane Person, Peter Dreimanis steht zumindest manchmal wie ein Fels in der Brandung mit der Gitarre am Mikro, singt mit seiner rauen Stimme und beansprucht sonst auch einigen Bühnenplatz für sich. July Talk haben letzten Herbst ihr zweites Album „Touch“ veröffentlicht, das sich mit anderen Themen als ihr Debüt beschäftigt (und das liegt nicht nur an der anderen Haarfarbe der Sängerin, auch wenn das in der Pressemitteilung besonders betont wurde): „Zwischenmenschliche Berührungen und Verbindungen werden darauf genauer unter die Lupe genommen“, erklärt Gitarrist und Sänger Peter Dreimanis.

Wenn es an besagten Berührungspunkten mangelt, was ist daran schuld? Smartphones etwa? Frontfrau Leah Fay ist einerseits dankbar über das mobile Internet und Smartphones, weil man leichter mit den Leuten, die weit weg sind (Kanada!), kommunizieren kann. Allerdings hätte unsere Gesellschaft es irgendwann einfach akzeptiert, dass die Leute durch die Welt laufen und dabei stupide auf ein Gerät schauen. Peter wirft ein: „Die meisten Dinge, die man im Internet machen kann, gerade in sozialen Medien, sind gut gemeint und sollen die Menschen näher zueinander bringen. In Wirklichkeit bewirken sie aber genau das Gegenteil, weil alle nur auf ihre Smartphones, Tablets und Laptops schauen.“ Das Internet ganz allgemein wäre einfach nicht kontrollierbar und Chaos.

Apropos „Chaos“: July Talk sind für ihre Bühnenshows bekannt. Es wird mit Wein und künstlichem Blut hantiert, auch echtes Blut kam schon zum Einsatz. Aber was war das Abgefahrenste? „Leah hat sich bei einem Festival in Kanada Blutbeutel in ihre Unterwäsche genäht und trug ein weißes Kleid. Mitten in der Show saß sie auf der Bühne und die Blutbeutel platzen: Blut war an ihren Beinen, in ihrem Schritt. Das Publikum wusste nicht, was es damit anfangen sollte… Aber wir machen das nicht mehr so oft. Jetzt sind  wir viel präsenter auf der Bühne und teilen uns dort den Raum“, so Peter.

Und wie ist das Spielen in der Heimatstadt Toronto? „Die Leute drehen durch, gerade wenn wir in kleinen Clubs spielen. Das haben wir vor dieser Tour schon länger nicht mehr gemacht“, schwärmt der Sänger. Und Musik aus Kanada so ganz allgemein? „Wir sind superstolz auf die ganze Musik, die aus Kanada kommt“, strahlt Leah. „Meine ganzen besten Freunde spielen in Bands und da teilt man gern die Erfahrungen, man sorgt sich um die Kollegen“, erzählt sie weiter. Irgendwelche Empfehlungen? Leah empfiehlt Lowell und liebt Leonard Cohen über alles und über seinen Tod hinaus. Peter beschreibt Weaves aus Toronto in den schillerndsten Farben. Wir verstehen das:

Vancouver, British Columbia

Weiter gehts zu unserem letzten Stopp: Vancouver! Die Stadt am Pazifik und neben den letzten Ausläufern der Pacific Coast Range-Bergkette ist nicht umsonst eine Städte mit der höchsten Lebensqualität weltweit. Man kann mit der Fähre in die Arbeit fahren, morgens zum Mountainbiken, Wandern oder Skifahren in die Berge und abends am Strand grillen. Man kann in der größten China Town nördlich von San Francisco allerlei Getier und auch anderes kaufen, im Stanley Park Totempfahle anschauen und einfach nur rumsitzen. Symbolisch für diese rundum verwöhnten Großstädter haben wir mit The Belle Game gesprochen.

The Belle Game: Experimenteller Dance-Pop aus Vancouver

The Belle Game aus Vancouver machen verträumte Pop-Musik. Bisserl Ambient, bisserl Dream Pop, aber doch mit recht gerade heraus gesungenen Songs. „Jung und experimentell“ sagen Katrina Jones und Andrea Lo selber über ihre Musik. Eine Nische würden sie füllen mit ihrem Sound, so die beiden weiter. Es gäbe sehr viel Musik in Kanada und auch ihrer Heimatstadt Vancouver, aber ihren Genre-Mix macht ihnen so schnell keiner nach. Ab und zu fühle sich Vancouver mit seinen gut zwei Millionen Einwohnern fast schon klein an, aber das erst geringe Alter der Westküstenmetropole wiege das wieder auf. Allerdings wäre eine feste Basis in Zeiten des Internets eigentlich fast überflüssig, so Andrea und Katrina. Die Künstler-Community und die Lebensqualität von VanCity machten es aber einem sehr leicht, einfach dort seine Zelte aufzuschlagen.

The Belle Game wurde von vier Freunden gegründet, die sich zum Teil schon seit dem Kindergartenalter kennen. Macht das denn die Arbeit miteinander leichter? „Ja, sehr sogar. Man ist ständig gemeinsam unterwegs, jegliches Level von Intimität geht im Bandalltag verloren. Auch die Arbeit an und mit Musik selbst ist sensibel und all das geht mit Freunden natürlich leichter“, erzählt Andrea. Wie ist denn das Verhältnis der kanadischen Bands untereinander? „Das ist toll! Es gibt eine Menge Unterstützung von den Kollegen. Die Kanadier halten zusammen. Wir sind mit allen Bands aus Vancouver befreundet und auch mit denen aus dem Rest des Landes“, sind sich die beiden einig.

Besonders eng sind The Belle Game mit Broken Social Scene befreundet, denn deren Gründer und Sänger Kevin Drew ist der Produzent des nächsten Albums von The Belle Game. Man habe sich bei einem Programm im Banff Center getroffen, sich gut miteinander verstanden, voneinander gelernt und schließlich gemeinsam das Album aufgenommen. Aber wann erscheint dann das Album? „Wir denken, dass wir eigentlich technisch fertig sind, aber wir feilen dann immer weiter. Aber es wird rauskommen und es wird gut sein. Irgendwann 2017 wird es erscheinen!“ – Na dann warten wir und freuen und schon!

Was bleibt? Kanada ist das zweitgrößte Land unseres Planeten. Von Halifax im Osten bis Vancouver im Westen hat Kanada so unfassbar viele gute Bands zu bieten, aus allen möglichen Richtungen, dass es vermutlich ein Jahr dauern würde, die Spitze des musikalischen Eisbergs durchzuhören. Auf unserem musikalischen Streifzug waren nicht dabei, aber einen festen Platz in unseren Herzen haben alle hier in der Playlist. Und da sind weder Michael Bublé noch Nickelback oder Shania Twain drin und wir haben trotzdem sicher noch einige vergessen. Fazit: Großes Land, große Musiknation! Immer mehr davon!

Foto: the music minutes