Vor zehn Jahren veröffentlichte der frühere Sänger der Hardcore-Band „Million Dead“ sein Debüt: Frank Turner erschien als der Folk-Punk, als der er uns heute bekannt ist, auf der Bildfläche. Zur Feier des Albums erscheint eine Re-Issue mit bisher unveröffentlichten Tracks. Let’s time-travel – wir tun so, als wäre es 2007.

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Januar 2007. Das erste iPhone wurde in diesem Monat von Steve Jobs vorgestellt, die Finanzmärkte steuern mit offenen Augen auf die Katastrophe zu, das Wembley-Stadion ist noch eine Baustelle und Nelly Furtado war mit „All Good Things“ auf Platz 1 der deutschen Single-Charts. In London hat sich ein nimmermüder, gerade einmal 25-jähriger Musiker entschlossen, sein Debüt zu veröffentlichen. „Sleep Is For The Week“ heißt es und er erzählt darauf Geschichten. Geschichten, die Menschen bewegen und die ihm in den nächsten zehn Jahren 1711 Konzerte, mal allein, mal mit seiner Band „The Sleeping Souls“ bescheren sollen. Live-Erfahrung hat der Turner Frank mit seiner Hardcore-Formation „Million Dead“ gesammelt, aber als er irgendwann Bruce Springsteens Platte „Nebraska“ hörte, war’s irgendwie vorbei mit Hardcore und seine Geschichten wollte er als „Punk gone Folk“ erzählen.

Zeitreise 2007: „Sleep Is For The Week“

Aber wovon handeln diese Geschichten? Schon im ersten Song „The Real Damage“ erfährt man viel über Frank Turner in seinen schillerndsten Partyfarben als Twenty-something: Er wacht verkatert in einer fremden Wohnung auf, ohne Geld, dafür mit leerem Handyakku und ist bis zur letzten Zeile des Songs der Überzeugung, dass es Wochenende wäre. Nebenbei erschlägt ihn die Tatsache, dass er vielleicht die Hälfte seiner besten Tage schon hinter sich hätte. Wenn der wüsste, was in bis 2017 alles passiert…

In „Vital Signs“ singt er dann das erste Mal von seinem Land, auf dem er Fingerabdrücke hinterlässt. Von seiner Rastlosigkeit erzählt er, von seinem unerschütterlichen nötigen Optimismus, wenn er singt „I’ll be dead, but never dying/ And I say that with a smile/ It’s just my way of trying to stay alive.“ Die Erkenntnis aus dem Albumtitel, „Sleep Is For The Week“, kommt in den Lyrics vor und man könnte auch einfach „Sleep Is For The Weak“ reininterpretieren. Man hört deutlich die Gitarre, ohne die er in den folgenden zehn Jahren kein einziges Lied aufnehmen wird. Und wenn bei 2:23 min die Streicher einsetzen, dann hat der Turner einen da, wo es wehtut: im Herzen. „Romantic Fatigue“ ist sowas wie ein Liebeslied in einem kneipentauglichen Rhythmus. Recht schonungslos erzählt er da von den vergebenen oder verflossenen Liebschaften seiner Jugend. Es ist verwunderlich, wie sehr er wirklich durchgehende Geschichten erzählen kann: Die langen Abende an den Tresen der Welt haben sich schon 2007 ausgezahlt.

Und romantisch-sentimental kommt auch „A Decent Cup Of Tea“ daher, in der er einer Frau ein Denkmal gesetzt hat: In einer unpolierten Aufnahme und nur begleitet von seiner eigenen Gitarre besingt er die unglückliche Liebe zu einem Mädel. „Father’s Day“ liegt eine gleichfalls persönliche Geschichte zugrunde: Frank Turner besingt die eher schwierige Beziehung zu seinem Vater. Klar, man könnte behaupten, hier singe das lyrische Ich des Briten. Aber kommt das lyrische Ich auch auf die Idee, sich einen Iro mit der Küchenschere zu schneiden? Bis zur letzten Tour war „Father’s Day“ nicht nur eine Konstante, sondern auch immer ein Highlight auf Frank Turners Konzerten – nicht zuletzt wegen des Publikumschors am Ende.

Frank Turner hat eine enge Bindung zur See. (Irgendwann sollte er auch ein Album schreiben, das sich um Flüsse, eine Insel, Seemannsschuhe und allerlei Maritimes dreht, aber das wissen wir 2007 noch nicht.) Und so begleitet dieses melancholische Lied immer das alte Saying „Worse Things Have Happened At Sea“. Weil immer egal, wer oder was einen beschissen oder belogen hat, auf See sind schon schlimmere Dinge passiert. Der verzweifelte und zornige Turner zeigt hier auch das erste Mal sein Gesicht. (Was 2007 auch nicht weiß: Den verzweifelten Frank Turner lernt man vor allem auf „Tape Deck Heart“ 2013 kennen. Außerdem: Ein Anker oder ein Schiff mit „Worse Things Have Happened At Sea“-Schriftzug wird ein sehr verbreitetes Frank Turner-Fan-Tattoo werden).

Fetziger wird’s erst wieder bei „Back In The Day“, einem schnellen Folksong, in dem Frank Turner von Ferien in 1998 und davor erzählt. Dass Punkrock sein Leben gerettet hätte. Dass das Leben eigentlich super ist. Eine Fiedel  und ein Banjo unterstützen ihn bei seinem Versprechen, dass Attitüde und der Punkrock-Gedanke jedem seiner Songs innen wohnen werden. Darauf einen Schnaps. Oder zwei. Vom Punk zum Anarchisten ist es ja nicht allzu weit und so geht’s gleich weiter in den Jugend-Annalen des jungen Turners: „Once We Were Anarchists“ und den Problemen, immer politisch und korrekt zu sein. Man wünscht sich einen Song wie diesen jedes Jahr für die nächsten Jahre. Empört euch! Gebt nicht auf, auch wenn es ermüdend ist! Seid gegen den Stillstand! Steht auf und ändert was und macht’s besser!

„The Ladies Of London Town“ ist dann Frank Turners Liebeserklärung an die Girls seiner Wahlheimat.  „Must Try Harder“ ist eine ganz ruhige Nummer, in der sich der Turner selbst auf seine Zukunft einschwört –  entgegen aller möglichen Zweifel. Und dann gibt es noch „The Ballad Of Me And My Friends“. Ein Song, den man auch gut und gern die nächsten zehn Jahre sicher noch spielen können wird, weil er von uns singt. Von seinem Tourleben, von all den Leuten, den Konzertfotografen, Musikern, Bandkollegen und DJs und schließt mit den Worten, die hoffentlich jeder von euch bestenfalls schon einmal bei einer Frank Turner-Show mitgegrölt hat:

And we’re definitely going to hell,
But we’ll have all the best stories to tell.

Ende.

2017:  „Sleep Is For The Week“ Re-Issue + Bonus-Platte/ Download

Zehn Jahre sind seit alldem vergangen und die meisten seiner Songs funktionieren heute genau so wie 2007. Frank Turner erfreut sich immer noch mehr denn je an seinem Leben als Folk-Punk-Hero und tourt um die Welt und hat arschviel erlebt. 2007 war er Vorband von Biffy Clyro (, die im gleichen Jahr Vorband von Bloc Party waren. Verrückt!) Auf sein Baby, dieses Debüt, ist er immer noch besonders stolz. Deshalb wird „Sleep Is For The Week“ nun neu veröffentlicht, in einer schicken goldgelben Vinyl-Pressung.

Auf der Bonusplatte verstecken sich Schmankerl vom Turner Frank aus dem Jahr 2007. Ein ganzes Konzert im Pub „The Victorian“ in Swindon wurde aufgezeichnet. Ganze elf Songs gibt’s und wir verraten, wie die sich anhören.

Allein singt Frank Turner ein Cover der Über-Band Queen in Swindon. Und nein, es ist nicht „Somebody To Love“, das auf einer B-Seiten Compilation Jahre später zu finden ist. „I Want To Break Free“ gibt er zum besten. „The Real Damage“ , „Father’s Day“, „The Ballad Of Me And My Friends“ und „Worse Things Have Happened At Sea“ von seinem Debüt spielt er ebenso wie „St. Christopher Is Coming To Home“ von seinem Nachfolge-Album „Love, Ire And Song“. In Swindon kündigt er „St. Christopher Is Coming Home“ als neuen Song an und erzählt von den Aufklebers auf seiner Gitarre, weil die alte in Finnland geklaut wurde.

Man hört, wie das Publikum Frank Turner anfeuert, sein Glas in einem Zug zu leeren und man hört ihn dazu fluchen. Herrlich. „Smiling At Strangers On Trains“, „Nashville Tennessee“ und „Casanova Lament“ sind schließlich noch zwei Songs auf der Platte, die er nicht immer spielt, aber die er eben schon immer seit seinen Anfangstagen im Repertoire hat. Zu finden sonst auch auf der EP „Campfire Punkrock“.

Neben Queen coverte Frank Turner im Vic in Swindon auch „The Huntsman Comes A-Marching“ von Chris T-T, der einem Landkind, wie Frank Turner eins ist, aus der Seele spricht. „Thatcher Fucked The Kids“ aus dem Jahr 2006 ist heute vielleicht kein Song, auf den Frank Turner explizit stolz ist, aber es war sein kurzer Ausflug in die Welt eines Prostestsängers. Dem Guardian sagte er über diese Zeit: „I regret writing the song simply because I started getting a lot of people coming to my shows who didn’t give two shits about my music. […] writing that was almost dipping a toe into the world of being a protest singer. I tried it, I really didn’t like it, and so I did something else with my life.“ Fair enough. Aber der Song ist ihm immer noch wichtig, sonst wäre er nicht auf der Bonusplatte.

Diese Bonusplatte nimmt uns schonungslos mit nach Swindon in Südwestengland. Man wird Zeuge, wie das Publikum immer betrunkener wird und Frank Turner immer mehr um seine Aufmerksamkeit buhlen muss. Es werden Witze auf der Bühne erzählt und Mark und Daisy, bei denen Frank Turner damals auf der Couch nächtigte, bekommen einen speziellen Shout-out zum achtmonatigen Jubiläum. Wenn es also bis zur nächsten Frank Turner-Tour wieder zu lange dauert, einfach diese Platte auflegen und man ist mitten drin – im The Vic in Swindon, bei einer kleinen, feinen Frank Turner-Show.

„Sleep Is For The Week (10th Anniversary Edition)“ von Frank Turner ist ab 27. Januar über Indigo erhältlich.

Foto: PR, the music minutes, Unsplash