Es ist der Film, auf den man nie zu warten gehofft hat und der heute trotzdem anläuft: „T2“, die lang ersehnte Fortsetzung von Danny Boyles Kultfilm „Trainspotting“ aus dem Jahr 1996. Wie schon damals wartet der Film nicht nur mit großartigen Bildern und verqueren Charaketeren auf, sondern auch mit einem Soundtrack, der einem das Trommelfell wegpustet.

trainspotting 2

Wer „Lust For Life“ von Iggy Pop und „Perfect Day“ von Lou Reed nicht mit „Trainspotting“ verbindet, war 1996 entweder zu jung, zu alt oder nicht da. Dieser Soundtrack mit dem Junkie Mark Renton (Ewan McGregor) auf dem Cover und der orangen Schrift lag etwa so oft in Jugendzimmern, wie die Legende der „widerlichsten Toilette Schottlands“ und Rentons Tauchgang erzählt wurde. Underworld, Elastica, Pulp und Blur machten gemeinsam mit Iggy Pop und Lou Reed den „Trainspotting“-Soundtrack zu dem, was er bis heute ist: eine Legende.

„T2“ und dessen Soundtrack stehen dem Original in nichts nach. Im Film kehrt Mark Renton nach Edinburgh zurück, clean, aber mit nicht weniger Problemen als früher und findet dort seine alten Freunde vor: Sick Boy, Spud und schließlich auch Begbie, die alle miteinander nicht allzu hocherfreut sind über die Rückkehr des verlorenen Junkies. 20 Jahre lang hat sich Renton in Amsterdam ein neues Leben aufgebaut, 20 Jahre lang blieb Spud mal mehr, mal weniger heroinabhängig, 20 Jahre lang ging Simon „Sick Boy“ seiner Tätigkeit als Zuhälter und Krimineller nach, 20 Jahre lang saß Begbie im Knast. Immer noch folgt auf eine Chance der Betrug und immer noch sind es Freunde, die unser Leben ausmachen. Die Hauptdarsteller suchen im mittleren Erwachsenenalter immer noch nach ihrem Platz in der Welt, im Leben und wenn Sick Boy Mark Renton bei einem Ausflug in die Highlands mit“Nostalgia, that’s why you’re here. You’re a tourist in your own youth.” anmault, hat er ziemlich sicher ins Schwarze getroffen.

Man merkt, dass Regisseur Danny Boyle und seine Hauptdarsteller ein Team sind. Ewan McGregor (Renton), Ewen Bremner (Spud), Robert Carlyle (Begbie) und Johnny Lee Miller (Sick Boy) müssen sich nicht neu erfinden, sondern spielen ihre Rollen, mit denen sie alle den Durchbruch feierten, in einer 20 Jahre älteren Version. Um die 46 Lenze zählen sie inzwischen und das Leben haben sie immer noch nicht ganz verstanden. Boyle versteht es perfekt und immer unverkitscht, Erinnerungen an den ersten Teil aufleben zu lassen – sei es durch Farben, verschwommene Einspieler, Flashbacks, Klamotten oder Musik. Da wären wir beim Thema:  Musik.

„T2“-Soundtrack: Young Fathers meet The Clash

Natürlich kommt „Lust For Life“ auf dem Soundtrack vor. Wenn auch in einem Prodigy-Remix. Und ganz anachronistisch zu „Trainspotting“ eröffnet der Film nicht mit dem ganzen Song, sondern endet damit. Ein fulminantes Ende, das nur so vor vergangenen Bildern strotzt, so viel sei verraten. Weitere alte Bekannte sind Underworld mit einer neuen anderen Version von „Born Slippy“ und auch Lou Reeds „Perfect Day“ ist vertreten – in einer ruhigen Instrumentalversion in einem Setting, das einem sofort wieder bekannt vorkommt.

Wolf Alice kamen mit ihrem Song „Silk“ schon im Trailer vor und sind mit dem gleichen Song auch im Film prominent vertreten. Besonders schön ist, dass der Soundtrack gleich mehrere Tracks der Young Fathers beinhaltet: Das Hip Hop-Dance-Trio kommt aus der „Trainspotting“-Stadt Edinburgh und passt mit seinen beklemmenden, schnellen Beats perfekt zu Renton und Co. im Jahr 2017. Ebenfalls schnelle Beats haben die Rubberbandits aus Irland, die mit einem hektischen Song vertreten sind. Frankie Goes To Hollywoods „Relax“ sollte vermutlich das Mantra der vier alten Freunde sein, aber die Achtziger-Ikonen sind nicht die einzigen Pop-Klassiker, die in „T2“ vorkommen:

Es gibt eine Disko-Mitsing-Version von „Radio Gaga“ von Queen und Blondie schicken gute Vibes mit „Dreaming“. Mark Renton stöbert in seinem alten Kinderzimmer durch seine Plattensammlung und fischt die LPs von Iggy Pops besten Spezl David Bowie heraus. In einem Interview erklärten McGregor und Boyle, dass das ihre Verbeugung vor der im letzten Jahr verstorbenen Ikone ist. Ebenfalls schon lang verstorben ist Joe Strummer, der mit „(White Man) In Hammersmith Palais“ auf dem „T2“-Soundtrack verewigt ist. Schließlich laufen Fat White Family mit „Whitest Boy On The Beach“ im Abspann, in dem neben den Credits Aufnahmen von Häusersprengungen in Edinburgh gezeigt werden.

„T2″ ist ein filmisches Meisterwerk und vor allem eines, auf das man sich nicht zu hoffen gewagt hat. Er ist manchmal saukomisch, dann wieder beklemmend und spannend. Es ist keine aktuelle Gesellschaftskritik wie es“ Trainspotting“ war, das ein Bild von einer desillusionierten, verloren Generation von Schotten gezeichnet hat. Der Brexit passierte während der Dreharbeiten, kommt aber auch genau deshalb nicht vor – das Drehbuch war ja schon lange geschrieben. Bei „T2“ stimmt alles: Man erkennt die Charaktere und deren Charakterzüge sofort wieder, man kann die von Boyle verwendeten Stilmittel von Flashbacks, Setting, Kostüm und Farben deuten und sich an einem außerordentlichen Soundtrack erfreuen. Wie ähnlich der Aufbau mancher Szenen ist, kann man hier sehen (und die sind nur aus dem Trailer):

Schon klar, Mark, Spud, Sick Boy und Begbie sind nicht mehr 26 und denken heute manchmal schon an das Morgen. Aber sie sind auch nicht nostalgisch und wünschen sich nicht die alten Zeiten zurück. Sie machen weiter, weil man das halt einfach macht. Weil man aufsteht und hinfällt und wieder aufsteht. Weil man sich streitet und verträgt, weil man befreundet ist. After all, they chose life.

PS: Diesmal kommen übrigens wirklich ständig Züge vor. Ständig!

Foto: PR