„Moonlight“ ist eine behutsam erzählte Coming-of-Age-Geschichte über das Leben eines schwulen schwarzen Mannes, getragen von großartigen Schauspielern, festgehalten in farbintensiven Bildern. Im Mittelpunkt steht der Identitätskonflikt des zerbrechlichen Helden.

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Schwarze Homosexuelle waren in Hollywood-Filmen bislang nur Randfiguren. Es gibt nur wenige Mainstream-Produktionen, in denen sie eine wichtige Nebenrolle besetzen – meist jedoch eher ins Lächerliche gezogen werden, etwa im Film „Too Wong Foo, Thanks for Everything! Julie Newmar“ (1996), in dem Wesley Snipes eine Drag Queen spielt, oder Chris Tucker in der Rolle von DJ Ruby Rhod im Film „The Fifth Element“ (1997).

Nachdem die Verleihung des weltweit wichtigsten Filmpreises vergangenes Jahr heftig kritisiert wurde, weil kaum schwarze Filmschaffende berücksichtigt wurden (#OscarsSoWhite), hat sich nun eine 1,5-Millionen-US-Dollar-Produktion mit einem ausschließlich schwarzen Cast und einem schwarzen, schwulen Protagonisten in der Königsdisziplin „Bester Film“ durchgesetzt.

„Moonlight“ war für acht Oscars nominiert – „Bester Film“, „Beste Regie“, „Beste Kamera“, „Bester Schnitt“, „Beste Nebendarstellerin“ und „Bester Nebendarsteller“ sowie „Beste Filmmusik“ – und wurde am Ende mit drei Trophäen prämiert. Es ist nicht nur der erste Film mit einem All-Black-Cast, sondern auch der erste Queer-Film, der bei den Oscars zum „Besten Film“ gekürt wird.

Kritiker rund um den Globus feiern „Moonlight“ als Meisterwerk. Man ginge als anderer Mensch aus dem Kino, schwärmt beispielsweise der „Rolling Stone“. Was macht den Film so besonders? Tatsächlich ist „Moonlight“ eine einfache, mit viel Einfühlungsvermögen erzählte Coming-of-Age-Geschichte in wunderschönen Bildern, getragen von grandiosen Schauspielern.

Behutsam schildert Regisseur Barry Jenkins in drei Kapiteln die Geschichte von Chiron.

  • „Little“

    06_Moonlight_c_A24_DCM-1024x683Im ersten Kapitel begegnet der kleine Chiron alias „Little“, dargestellt von Alex R. Hibbert, in einer Sozialbausiedlung in Miami dem Drogendealer Juan. Mahershala Ali, bekannt als Lobbyist Remy Danton aus der Netflix-Serie „House of Cards“, wurde für seine Darstellung als ebenso unnahbarer wie einfühlsamer Mentor bei der Oscar-Verleihung zum besten Nebendarsteller gekürt. Chiron, der 10-jährige schweigsame Außenseiter mit den traurigen Augen, der von seinen Freunden gehänselt wird, freundet sich mit dem Antihelden an. Der Drogendealer wird zu einer Art Ersatzvater, denn Chirons Vater ist, wie selbstverständlich, nicht präsent. Der stolze Mann mit kubanischen Wurzeln bringt Chiron geduldig das Schwimmen bei. Das ordentliche Haus des Drogendealers wird nicht zuletzt dank der Liebe und Fürsorge seiner Freundin, gespielt von Sängerin Janelle Monaé, zu einem Zufluchtsort für Chiron – inklusive warmen Gerichten, sauberer Bettwäsche und gemeinsamen Abendessen. „In diesem Haus gibt es nur Liebe und Stolz“, ermuntert Teresa den eingeschüchterten Chiron. Seine alleinerziehende Mutter Paula (Naomie Harris) indes möchte zwar, dass ihr Sohn liest anstatt den Fernseher einschaltet, rutscht aber selbst immer tiefer in die Drogensucht. In einer Szene beschimpft sie den 10-Jährigen als faggot, Schwuchtel. Sie ist mehr damit beschäftigt, wie sie an ihre Drogen kommt, statt sich um ihren Sohn zu kümmern. Eines abends sieht Juan Paula Crack mit einem seiner Kunden rauchen. Die beiden machen sich gegenseitig Vorwürfe, beide sind schuldig, beide sind gefangen in ihrer jeweiligen Rolle.
  • „Chiron“12_Moonlight_c_A24_DCM-1024x683Der Protagonist – jetzt dargestellt von Ashton Sanders, der zuvor eine Nebenrolle in „Straight Outta Compton“ hatte –  ist inzwischen ein schmächtiger Teenager. Er wird weiterhin von seinen Schulkameraden schickaniert. Juan ist tot. Am Strand in Florida kommt es zu einem zaghaften Kuss mit seinem einzigen Freund Kevin, der Chiron bereits als Kind zur Seite stand. Die beiden werden intim, eine erste zärtlich-sexuelle Erfahrung. In der Öffentlichkeit gibt sich Kevin jedoch als supermaskuliner, heterosexueller Aufreißer. Kurz darauf werden die beiden an der High School in ein Prügelspiel verwickelt, bei dem Kevin seinen Freund zu Boden schlägt. Die anderen treten auf ihn ein. Am Ende wehrt sich der 16-Jährige doch. Und zwar vehement. Er zertrümmert einen Stuhl über seinem Mitschüler Terrell, der ihn permanent quält.
  • „Black“

    18_Moonlight_c_A24_DCM-1024x683Nach seinem Ausraster kommt Chiron in den Jugendstrafvollzug. Er ist in Atlanta gelandet, nennt sich „Black“ – der Nickname, den Kevin ihm einst gab – wird zu Juan. Wie sein Ersatzvater dealt er mit Drogen. Auch optisch sieht er seinem Mentor ähnlich und ist dabei kaum wiederzuerkennen: Aus dem schlaksigen Kerl ist ein druchtrainierter Kerl geworden. Schauspieler Trevante Rhodes ist muskulös, stark und verkörpert ein hypermaskulines Abziehbild, bekannt aus vielen Gangsta-Rap-Musikvideos. „Black“ gibt sich street smart. Die goldenen Grillz genau wie die Musklen, die harte Schale sind ein Schutzschild nach Außen. Doch da ist immer noch derselbe unsichere, verletzliche Blick. Immer noch ist der introvertierte Protagonist auf der Suche nach sich selbst und seinem Platz in der Welt. Schließlich erhält er nachts überraschend einen Anruf von Kevin – als Erwachsener dargestellt von André Holland. Was folgt, ist ein zärtlich erzähltes Wiedersehen der beiden, die sich zehn Jahre nicht mehr gesehen haben. Während „Hello Stranger“ von Barbara Lewis aus der Jukebox dudelt, tänzeln die beiden zögernd und zaghaft umeinander herum. Kevin, der im Gefägnis zum Koch ausgebildet wurde, bereitet seinem Freund in seinem eigenen Diner liebevoll ein Essen zu. Obwohl Kevin geschieden ist und ein Kind hat, wird eine zaghafte Zärtlichkeit zwischen den beiden angedeutet.

Es sind lediglich Schnappschüsse aus einem Leben, die uns in zwei Stunden gezeigt werden. Dennoch hat man das Gefühl, der Hauptfigur sehr nahe zu kommen. Gezeigt werden die intimen Schlüsselmomente im Leben eines jungen Mannes – angefangen vom Schwimmtraining mit seinem Ersatzvater über den ersten Kuss am Strand bis hin zum Wiedersehen mit der ersten (und bislang einzigen) Liebe.

Die Handschrift von Barry Jenkins ist sehr subtil. Das Wiedersehen der beiden Freunde ist ein rührender, intimer Moment. Der Zuschauer ist hautnah dabei, sieht die Nervosität der beiden, das schüchterne Suchen nach Worten.

Mit beiläufigen Details skizziert er das soziale Umfeld. Die ärmlichen Verhältnisse, in denen Chiron aufwächst, werden durch nebensächliche Einzelheiten veranschaulicht, zum Beispiel ein Zeitungsknäuel, das Kindern als Fußball dient. Außerdem löst der 37-jährige Regisseur manche Handlungsstränge nicht auf, Ereignisse bleiben unerwähnt, wie etwa Juans Tod. Das kann in Zeiten von Kampagnen wie „Black Lives Mateter“ durchaus als politisches Statement verstanden werden: Ein weiterer schwarzer Mann, der sein Leben lässt. Ein Opfer von Rassismus, Polizeigewalt und Kriminalität. Eine Randnotiz, nicht mehr als eine anonyme Ziffer im System.

Auch als Paula ihren Sohn beschimpft, ihn als faggot bezeichnet, sind die verletzenden Worte nicht hörbar und werden von der Musik verschluckt. Damit deutet Jenkins an, dass es ohnehin Unsinn ist, was sie von sich gibt, alles verklebt zu einem Brei der Erinnerungen.

Miami Heat

06_Moonlight_c_A24_DCM-1024x683Bei der Auswahl der Musik legte Jenkins wert darauf, Clichés zu vermeiden. Zu hören sind nur wenige moderne Hip-Hop-Beats, dafür umso mehr klassische Arrangements, ein wenig 60-Soul und R&B. Songs von Boris Gardiner, Goodie Mob, Caetano Veloso, Aretha Franklin und Erykah Badu runden den Score von Nicholas Britell ab und unterstreichen die ruhigen, farbintensiven Kameraaufnahmen.

Das schicke, pastellfarbene Postkarten-Miami ist weit weg. Dennoch taucht Kameramann James Laxton die Bilder immer wieder in sanftes Türkis und Pink. Die Haut der Darsteller schimmert, leuchtet, das Publikum soll die Hitze Miamis spüren.

Reale Erfahrungen

Gedreht wurde in Liberty City. In diesem Wohnbezirk in Miami wuchsen sowohl der Regisseur als auch Autor Tarell Alvin McCraney, auf dessen Theaterstück „In the Moonlight Black Boys Look Blue“ das Oscar-prämierte Drehbuch basiert, auf. Die beiden besuchten sogar dieselbe Schule, kannten sich während ihrer Kindheit aber nicht. Beide haben Erfahrungen mit Drogenmissbrauch in der Familie.

In der Original-Story sind die Handlungen der drei Kapitel parallel angelegt. Es wird erst später klar, dass es sich beim Protagonisten um ein und dieselbe Person handelt. Daran anlehnend lernten sich die drei Hauptdarsteller erst nach den dreiwöchigen Dreharbeiten kennen, damit sie sich nicht gegenseitig imitierten. Was ihr Spiel verbindet, ist ihre Verletzlichkeit, ihre sichtbare Unsicherheit, der Schmerz und die Sehnsucht nach menschlicher Nähe und Geborgenheit der Figur.

Wer bist du?
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Im Mittelpunkt steht der Identitätskonflikt des zerbrechlichen Helden. „Who is you?“ wird Chiron immer wieder gefragt. Während er seine Identität als schwarzer Mann und die damit verbundenen Stereotype nicht verbergen kann, bleibt seine sexuelle Orientierung im Verborgenen. Lediglich nachts ist der introvertierte Chiron sich seiner Persönlichkeit sicher. Im Mondlicht schimmert schwarze Haut blau. Es ist ein Sinnbild dafür, Licht ins Dunkel zu bringen, sich etwas einzugestehen, vor dem man bislang Angst hatte, dass es jemand erfahren könnte.

Wie ist es, in einem betont maskulin und heterosexistisch geprägten Umfeld schwul zu sein? Jenkins inszeniert seinen Film bewusst nicht als Sozialdrama mit Ghetto-Romantik. Statt Gangsta-Gepose gibt’s Gefühle. Der Film zeigt die Menschlichkeit in einem sozial benachteiligten Milieu, die Warmherzigkeit hinter der rauen Fassade.

Afromaerikanische Homosexuelle werden nicht nur von der dominanten US-Gesellschaft marginalisiert, sondern auch innerhalb ihrer beiden Zugehörigkeitsgruppen. In der schwarzen Community sind sie Homophobie ausgesetzt, während sie in der Schwulenszene mit Rassismus konfrontiert werden.

Teresas Credo von „Love & Pride“ klingt wie der gemeinsame Schlachtruf der schwarzen Bürgerrechts- und der Schwulenbewegung – die beiden Gruppen haben jedoch trotz der Parallelen wenig Gemeinsamkeiten. Dementsprechend fühlen sich schwarze Schwule von beiden Kulturen entfremdet. Sie bewegen sich in zwei Welten, gehören aber nirgends richtig dazu. Dadurch wird eine äußerst komplexe und oftmals widersprüchliche Identität geschaffen, innere Konflikte sind die Folge.

Die Story berührt jeden, der sich schon mal in Frage gestellt hat, sich fremd oder ausgegrenzt gefühlt hat. Es geht ums Anderssein und die daraus resultierende Einsamkeit. „Moonlight“ ist ein wichtiges, eindringliches Plädoyer für Mitgefühl und Empathie. Ein sanfter Stups mit dem Zeigefinger.

„Moonlight“ startet in Deutschland am 9. März.