Bitteschön, die Damen und die Herren, es gibt ein Frank Turner-Update. Vor seiner Solo-Show in Innsbruck hat er sich Zeit genommen und erzählt: Wie es so läuft und was so ansteht und wie es in Afrika zugeht, was die Joe Strummer Foundation dort erreicht und was man vom neuen Album erwarten darf. Wir sagen es noch mal: n-e-u-e-s A-l-b-u-m!

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Samstagnachmittag in Innsbruck: Frühsommerliches Wetter und beste Laune, denn Frank Turner spielt am Abend eins der letzten Konzerte im Weekender, dem Club der Tiroler Landeshauptstadt, der demnächst schließen wird. Das Besondere an der Show ist: Frank Turner spielt allein. So wie damals 2011, als ich ihn auch zum ersten Mal gesehen hab. Die Tickets waren schnell gekauft, die Reisegruppe zum Goldenen Dachl schnell organisiert. Umso größer war die Freude als letzte Woche die Bestätigung für das Interview mit dem Briten eintrudelte – über die Tour, vielleicht ein neues Album, den Film „Get Better“ und seine Zeit mit der Joe Strummer Foundation in Sierra Leone wollte ich sprechen (Wer die Blogeinträge von Frank Turner nicht kennt, möchte die fünf Teile bitte dann hier, hier, hier, hier und hier nachlesen).

Wie schon bei den letzten beiden Malen gilt: Audiofiles gibts in Englisch, für mehr Turner auf die Ohren, weil komplett lange Antworten. Hier also unser drittes Interview mit dem absolut nettesten Folkpunk-Troubadour, den man sich vorstellen kann.

„Positive Songs for Negative People“ und neues Album

Ich habe gerechnet: Genau 365 Shows sind seit unserem letzten Interview in Salzburg vergangen, quasi ein Jahr, wenn man in Konzerten rechnet. Seit damals ist eine Menge passiert. Du hast zum Beispiel ein sehr tolles Album, „Positive Songs For Negative People„, veröffentlicht, das du auch immer noch gern live spielst, oder?

Ja, absolut. In meiner Karriere ist es manchmal schon vorgekommen, dass ich eine Platte veröffentlichte und ein Jahr später hatte ich nichts mehr über sie zu sagen – weder gute noch schlechte Kritik. Aber bei diesem Album würde ich immer noch nichts anders machen. Das wiederum bedeutet für mich, dass ich jetzt was ganz Neues angehen kann.

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Aber du arbeitest an neuem Material, oder?

Ja, ich habe auch heute daran gearbeitet. (Korrekt, denn wir sitzen an einem Schreibtisch mit einem Buch voller Songtexte, Mikro, Kopfhörern und Laptop – ein Studio on the road also). Ich hatte ein komplettes Album bereits fertig, das ich irgendwann veröffentlichen werde: ein Konzeptalbum über Frauen, die vom Lauf der Geschichte benachteiligt wurden. Das ist akustisch mit Bluegrass-Einschlag. Aber dann drehte die Welt Ende 2016 durch und ich fühlte, dass die Welt vielleicht deutlichere Worte von mir als Songschreiber verlangt.

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Du meinst also… Trump und Brexit und alles seit den letzten 365 Shows?

Ja, genau. Zum ersten Mal in meinem Erwachsenenalter fühle ich mich geschichtlichen Kräften einfach ausgeliefert, denen ich mich selbst und allein gar nicht widersetzen kann. Wir können uns glücklich schätzen, dass uns das bisher noch nicht widerfahren ist. Das ist fast schon ungewöhnlich. Mir ist klar, dass ein paar Songs nicht die Welt verändern können – allerdings will ich die aktuellen Geschehnisse kommentieren.
Deshalb habe ich das Bluegrass-Album weggelegt und wieder zu schreiben begonnen: Ich habe zehn Songs, mit denen ich jetzt absolut happy bin. Ich habe fünf, bei denen ich mir unsicher bin, und dann fing ich heute morgen noch mit einem neuen an. Es macht Spaß! Stilistisch probiere ich neue Sachen aus: viele Beats, viele Synthesizer, viel elektronische Musik. Mir gefällt die Idee, eine Platte zu machen, die die Leute überrascht.

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Und wann soll das Album erscheinen?

Spätestens Anfang nächsten Jahres. Im Mai und Juni bin ich damit im Studio. Ich möchte gern mit Produzenten aus Texas arbeiten, deswegen: Schau ma mal. Dinge können sich ja immer noch ändern.

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„Get Better“ und „Lost Evenings“

Spannend! Du hast aber nicht nur ein Album veröffentlicht und einem neuen gearbeitet, sondern auch einen Film, „Get Better“, released.

Ja! Eigentlich ist es ja Bens (Ben Morse von den Sleeping Souls) Film, aber ja. Wir hatten sowas wie einen Live Broadcast in England und für die USA gibt auch Daten. Für Deutschland haben wir noch keinen Verleiher gefunden, in Deutschland ist das ein bisschen schwieriger.

Aber nicht nur Alben und Film – nein, du hast auch das „Lost Evenings“-Festival ins Leben gerufen, bei dem du im Mai an vier Tagen hintereinander mit anderen Künstlern im Roundhouse in London spielen wirst.

So ist es und schön langsam fühlt es sich auch real an. Jeder hat wirklich viel Arbeit reingesteckt. Ich hab jetzt angefangen, Setlisten zu schreiben und Lichtdesigns auszuwählen. Ich liebe das Roundhouse als Venue: Es ist in der Mitte von Camden Town, also quasi in meinem Zuhause, und ja, ich freue mich darauf!

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Mit der Joe Strummer Foundation in Sierra Leone

Aber neben all der Musik, den Platten, den Konzerten, dem Film und dem Festival hast du auch noch etwas ganz anderes gemacht: Du warst in Sierra Leone. Mit der Joe Strummer Foundation (Und wie es nicht besser passen könnte, war am vergangenen Samstag auch das 40. Jubiläum des The Clash-Debüts. In diesem Sinne: Joe Strummer forever).

Ja, ich war in Sierra Leone und das hat mich etwas durcheinander gebracht. Ich habe immer wieder mit der Joe Strummer-Foundation (früher Strummerville) gearbeitet. Viele verbinden mit Strummerville nur Spaß und die Parties, die sie organisieren, und das ist auch okay so, aber der ganze Erlös der Strummerville-Parties, und die sind ziemlich gut, fließt in ein Projekt. Way Out Arts in Freetown, Sierra Leone, ist auch nicht das einzige, das sie unterstützen. Sie fragten mich, ob ich nach Sierra Leone gehen wolle und ich hab zugesagt ohne groß darüber nachzudenken – bis wir in Casablanca am Flughafen waren und dachten „Wow, wir sind jetzt in Afrika!“ Wir waren für viereinhalb Tage dort. Mehr Zeit konnten wir nicht unterbringen und ich wollte auch nicht mehr Ressourcen der Stiftung in Anspruch nehmen. Wir haben einen großen Fundraiser gemacht und ich brenne jetzt wirklich für diese Sache.

Manche Tracks, die wir dort aufgenommen haben, haben sie mir zugeschickt und ich habe mit dem Sänger Meeky ein Video aufgenommen. Ich hab im Blog auch von der Musikschule Ballanta geschrieben und da sollen jetzt mit unserem gesammelten Geld ein paar der Way Out-Streetkids hingehen können. Meeky bekommt Gesangstraining und dann würde ich gern eine Studioversion von unserem gemeinsamen Song aufnehmen und ihn dann auch richtig veröffentlichen. Das wäre cool! Das alles ist aber auch noch nicht vorbei, sondern geht weiter. Ich wusste nicht recht, was ich von der Reise erwartete, aber jetzt weiß ich, dass ich dahin zurück muss.

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Hat es dich denn bleibend in deinem Alltag verändert?

Verändert schon irgendwie. Jeder weiß, dass die Welt ungerecht ist und Sierra Leone ein besonders armes Land. Es ist aber doch anders, dann wirklich dort vor Ort zu sein. Es macht einen gleichermaßen bescheiden und hält einem den Spiegel vor, in welcher Blase man doch selber lebt. Ich war davor in Afrika und auch in anderen armen Gegenden, obwohl Sierra Leone sicher das ärmste Land ist, das ich je besucht habe.
Es war schon seltsam, zurückzukommen und dann gleich eine Show in Dunkirk in Frankreich zu spielen. Ich habe Sierra Leone aber irgendwie immer im Hinterkopf. Ich habe immer schon versucht Charity zu betreiben, aber bei dieser speziellen Sache habe ich Einzelpersonen im Kopf; das ist ungewöhnlich.

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Erinnerst du dich an eine besondere Sache in Sierra Leone?

Die Reaktionen der Leute ganz allgemein. Es war toll, als die Kids zur Begrüßung meinen Song [„The Next Storm“] gesungen haben. Ich war skeptisch, ob Musik und jemand wie ich die richtigen Komponenten wären, um sie nach Sierra Leone zu schicken. Wenn man an Armut denkt, denkt man auch immer gleich an Essen und Behausung und Gesundheitsmaßnahmen. Was mich beeindruckt hat, war die Leidenschaft, mit der die Teilnehmer des Projekts bei der Sache waren. Am ersten Tag etwa, hat mich der Sänger Mash-P recht hart angepackt und gesagt „Way Out rettet unsere Leben! Wir wüssten nicht, was wir ohne tun würden und wie wir überleben könnten.“ Way Out behandelt diese ganzen Leute in Sierra Leone nicht wie Elemente einer Statistik, sondern wie Menschen – das macht die Organisation besonders. Vielleicht ist das die Zukunft von Hilfsorganisationen: kleinere Ziele, mit Menschen, nicht Statistiken. Ich weiß es nicht. Es ist toll zu wissen, an welche Personen unser und auch mein gespendetes Geld geht. Das hat was Erlösendes.

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Über Shows ohne die Sleeping Souls

Jetzt bist du zurück und hast gerade einen Schwung Solo-Konzerte in Österreich hinter dir, ohne deine Band, die Sleeping Souls. Trittst du immer noch gern allein auf?

Ja, schon! Es ist eine schöne Abwechslung. Ich bin dann ein bisschen freier, weil ich tun kann, was ich will. Aber nach drei Wochen allein auf Tour fehlen mir die Jungs schon auch. Nicht nur auf persönlicher Ebene, sondern auch auf musikalischer. Eine Gitarre und eine Stimme schränken irgendwann dann eben auch ein. Ich würde mit keiner anderen Band spielen wollen. Um jetzt noch mal auf den Anfang zurückzukommen: Ich werde die ganze Band und auch mich selbst, bei den Aufnahmen zum neuen Album ans Limit pushen. So weit aus der Komfortzone raus wie es geht! Ich bin gespannt, wie die Leute darauf reagieren. Das wird ein interessantes Album, weil wir auch versuchen Dinge zu tun, von denen wir nicht wissen, wie man sie tut.

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Du warst ja auch noch mit den Arkells auf Tour…

Ja, oh ja. Da ist eine Menge Liebe im Raum, sie sind eine phantastische Live-Band. Übrigens sind sie auch eine große Inspiration für das kommende Album: Sie haben einen Pop-Dance-Vibe in ihren Songs, der es mir wirklich angetan hat. Um noch mal darauf zurückzukommen: Ich möchte die Leute mit dem neuen Album überraschen. Ich möchte gern eine Pop-Platte machen, die textlich sehr zornig-politisch ist – das wird die Leute ein bisschen aus der Bahn werfen.

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Und dann war da noch das Konzert. Rund 90 Minuten lang gab Frank Turner den perfekten Alleinunterhalter auf der Bühne: So kennt man ihn und so mag man ihn auch besonders gern – er, seine Gitarre, seine Songs, kein Schnick-Schnack.

Show 2053, Innsbruck. Air harmonica! Sad to hear the Weekender is closing, great space for shows.

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Durch seine fünf Alben hat er sich gespielt: Wie schön, dass „The Ballad Of Me and My Friends“ vom Debüt dabei war und er „Love Ire & Song“ und „Richard Devine“ von der zweiten Platte gespielt  hat. Wie großartig, dass ich weiß, dass „The Road“ und „Try This At Home“ von „Poetry Of The Deed“ für immer in meinem Kopf (und meinem Herz) verankert sind, dass unter anderem „If I Ever Stray“, „Four Simple Words“ und „Josephine“ immer mit den besten Zeiten verbunden sind. Als Bonus hat Frank Turner einmal mehr „Somebody To Love“ von Queen gecovert und als Zuckerl oben drauf den neuen Song „1933“ gelegt. Wo die Idee für den Track herkommt, überlasse ich nun eurer Fantasie.

Er kann’s halt einfach. Mit Band oder allein – er kann es einfach. Und noch dazu macht er in der wenigen freien Zeit ein richtig fetziges Projekt, das sich zu unterstützen lohnt. Guter Mann, durch und durch.

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Foto: the music minutes