Gefühlt hat jeder alles über Father John Misty und sein neues Album „Pure Comedy“ geschrieben. Zu Recht. Das Album ist ein Meisterwerk.

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Father John Misty ist weder ein Pater noch heißt er John. Eigentlich heißt er Joshua Michael Tillman und wer sich wundert, wieso er bei vielen befreundeten Künstlern als Trommler auftritt: Das hat er gelernt und professionell bei den Fleet Foxes seinerzeit betrieben. Aber diese Zeit liegt schon ein wenig zurück und am 7. April hat Tillman unter seinem aktuellen Pseudonym Father John Misty ein neues Album auf den Markt geworfen: „Pure Comedy“.

Balladen und Schimpftiraden, Klagelieder und Popsongs – das alles gibt auf „Pure Comedy“. Der Opener ist auch gleich der titelgebende Track: Father John Misty rechnet darin eiskalt mit den „godless animals“ ab – uns, der Entertainment-Gesellschaft, die auf dieser Platte laufend einstecken muss. Aber man muss – wie immer bei Father Johny Misty – genau zuhören: Seine ernsten, kritischen Texte verpackt er in Ironie und schließt sie weich in groß angelegte Klangwelten ein. Es gibt immer das Piano, manchmal das Saxophon, eine Instrumentenvielfalt zu einer ausgereiften, oft verträumten Melodie wie man sie vielleicht von Rufus Wainwrights „Release The Stars“ aus dem Jahr 2007 kennt. Für elektronische Elemente wie auf dem Vorgänger-Album „I Love You, Honeybear“ ist diesmal kaum Platz. Macht nix, gar nix!

Feuchte Träume von Taylor Swift und Political Correctness

„Total Entertainment Forever“ sang Tillman zum ersten Mal bei Saturday Night Live. Wie er da schwofend auf der Bühne stand und von feuchten Träumen von Taylor Swift erzählte, brachte ihm und seiner Musik vermutlich mehr Buzz als er sich selber hätten vorstellen können. Und doch, auch hier kritisiert er ganz offen. Keine Sorge, das harmlos-gediegene Bühnen-Outfit war da nur eine Falle!

Allerdings hält Father John Misty nicht nur der Unterhaltungsbranche und uns als Kosumenten einen Spiegel vor: In der „Ballad of The Dying Man“ besingt er den ultimativen, politisch-korrekten Analyisten. „Oh, who will critique them once he has left?“ – fragt er da. „Them“ sind die Idioten, die Dilettanten, die Narren. Ob er sich mit „he“ selbst meint? Man weiß es nicht. Tillman selbst hat eine sehr deutliche Meinung zu den aktuellen Weltgeschehnissen: „Trumps Private Pilot“, ein Song im Original von Tim Heidecker, coverte Father John Misty bedeutenderweise am 7. November 2016, gebracht hat es nichts mehr. Von Twitter und Instagram hat sich der Amerikaner immer wieder einmal verabschiedet und gibt sein Privatleben nicht für alle Welt rund um die Uhr preis.

„Birdie“ und „When The God Of Love Returns There’ll Be Hell To Pay“ sind zwei der wirklich ruhigeren Stücke auf „Pure Comedy“ (die ganze Platte ist eher ruhig, Radau sucht man vergeblich – irgendwie klar). In letzterem geht er mit keinem Geringeren als Gott selbst ins Gericht: „Try something less ambitious next time you get bored“, verlangt er da. Die Menschheit scheitert – wegen der dauernden Unterhaltung, der scheiternden Politik, dem Kapitalismus, sucht es euch aus.

Tillman wird manchmal zum Zyniker, wenn er denkt, Ironie werde dem ganzen nicht mehr gerecht. Das liegt aber auch einfach daran, dass er selber schlau ist und lieber Freud liest als sich „Keeping Up With The Kardashians“ anzuschauen.  Country-esk wird’s bei „Smoochie“ und einen Ausflug in Father Johny Mistys Inneres kann man in „Leaving LA“ machen: 13 Minuten lang singt er da in einem Stream-of-Consciuosness-Song von sich selbst, ein Streichorchester setzt mit ein und ja, man ahnt, in welche Richtung sich „Pure Comedy“ mit diesem Song Nummer 6 ausrichtet: Richtung episches Erzählen, Richtung Joshua Tillman.

Hipster oder Hippie? Father John Misty ist beides

Mit Sonnebrille, Vollbart und langen Haaren sorgte Father John Misty 2015 mit „I Love You, Honeybear“  so richtig für Furore. „Chateau Lobby #4“ hat mich aufgrund seiner Grandeur umgehauen, „I Love You, Honeybear“ bekam ein irres Video verpasst und als Tillman 2016 „Real Love“ veröffentlichte, ging mein Herz auf. Schon klar, um den noch 35-jährigen Musiker wabert immer eine Wolke aus Intellekt und Besserwissen, aus Hipness und Hippie-Dasein. Das alles ist aber alles andere als eine Schande, sondern sein gutes Recht: Weg mit dem Scheffel, ab ins Licht! Dass das manchmal anders rüberkommt, sieht er aber auch ganz locker, zum Glück:

Er mag vielleicht ein nicht ganz einfacher Interviewpartner sein und auch ungewollt in den Hipster-Himmel gelobt worden sein, aber in den letzten Monaten hat kaum ein anderer so schöne, lyrische Texte in so fließende, harmonische, weit ausladene Melodien verpackt. Father John Misty erzählt ganze Stream-of-Consciousness-Romane in seinen Songs, seine Stimme fleht und klagt und lacht gleichermaßen. Insofern stimmt das „Father“ im Künstlernamen also doch: Er predigt. Und keiner predigt schöner als Father John Misty, das steht auch fest. Außerdem trägt kein anderer mit einer ähnlichen Selbstverständlichkeit eines Father John Mistys Slipper, weiße Socken und einen Schnauzer.

„Pure Comedy“ ist eine ruhige, tolle, wunderschön harmonische Platte. Man kann genau zuhören und hinter die schönen Melodien blicken und bei Tillmans Kritik aufhorchen. Und man kann genau wegen dieser wunderschönen Melodien und dank Father John Mistys sonorer Stimme auch einfach nur vor sich hinträumen, wenn man „Pure Comedy“ lauscht.

Father John Mistys Botschaft ist allerdings klar: Im ersten Song auf dem Album, „Pure Comedy“, proklamiert er schon: „Each other is all we have got.“

Und weil Father John Misty ein so außerordentlicher Musiker mit groß erzählten Geschichten ist, haben wir hier noch unsere zehn Top-Tracks von Father John Misty.

„Pure Comedy“ von Father John Misty ist am 7. April bei Bella Union/ PIAS erschienen. 

Foto: PR