Tim Vantol ist einer von den Guten: Der Niederländer macht ganz authentischen, erdigen Folk-Rock-Americana-Sound à la Brian Fallon oder Chuck Ragan. Am 21. April veröffentlicht er sein neues Album „Burning Desires“. Zum Glück kommt er damit im Herbst live vorbei!

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Beim Reeperbahn Festival 2015 hatten wir nicht mit Tim Vantol gerechnet und dann stand er da auf der Bühne am Spielbudenplatz und jeder hörte ihm zu. Kein Wunder, denn in einem Jahr spielte der Niederländer einmal 150 Shows, ein alter Hase auf den Bühnen. Noch dazu war er Opener für Chuck Ragan und im Herbst 2015 auch zum ersten Mal solo unterwegs: Seine damalige EP „If We Go Down, We’ll Go Together“ war damals vor allem sein Werk und in der Milla hat seine München-Show mindestens so gut wie in Hamburg beim Festival funktioniert. Jetzt darf man sich über sein neues Album freuen!

Von sich selbst und seinem Musikerdasein sagt der extrem nette Tim Vantol:

Ich bin ein einfacher Mann. Ich bin weder der beste Musiker, noch der beste Songwriter auf der Welt. Es gibt Millionen Leute, die besser Gitarre spielen oder ihre Stimme kontrollieren können als ich. […] Man muss nicht der begnadetste Künstler sein. Aber letzten Endes ist es deine Story. Und es gibt niemanden, der sie besser erzählen kann.

Und erzählen kann Tim Vantol. Geschichten für seine Zuhörer und Geschichten von sich, der eigenen Reise und dem eigenen Leben.

Neues Album: „Burning Desires“

Zehn Songs sind auf „Burning Desires“ und sie haben so viel versprechende Titel wie “ ’67 In Broken White“, „Restless“ und „We’re Not Gonna Make It“. „Till The End“ war die erste Single und die ließ sich schon gut an: Drei fetzige Gitarren-Akkorde und Drums und man fühlt sich zuhause, noch bevor Tim Vantol anfängt zu singen. Wenn er das dann tut, dann klingt das nicht nur sehr schön, sondern auch so, dass man ihm gern zuhört. Wie einer der anderen Chuck-Ragan-Revival-Tour-Alumni erzählt er vom Unterwegssein(auf jeglicher Art) und verrät schon eins seiner Mantras: „I keep going until I can go no more“.

In „Why Shouldn’t You“ erklärt Vantol einmal mehr, von wo er kommt und dass er gerne unterwegs ist. album_vantolEs ist seine Hymne an die Freiheit, die mit Mandoline ganz sommerlich, gut gelaunt und Südstaaten-rockig daherkommt. Man darf in Song Nummer zwei bereits vermuten, dass es sich bei Tim Vantol und auf seiner Platte viel um Bewegung handelt; ganz im wörtlichen Sinn um laufen und gehen und aber auch im übertragenen, à la „wohin will ich und woher komm ich“. Im musikalischen Gesamtkonzept des Holländers nicht nur schön anzuhören, sondern auch spannend. Denn es ist diese erdige, ehrliche und authentische Musik, die mir einfach nie fad wird.

Ruhiger wird er – entgegen dem Songtitel – erst bei „Restless“, da wandert dann eher der Geist als der Körper. Aber auch das kann Tim Vantol. Seine Stimme klingt in den lauteren, schnelleren Tracks ebenso gut wie in dieser ruhigeren Nummer. Passend (und einmal mehr ganz untypisch für die Niederlande) ist die Country-Gitarre im Hintergrund. Funky, passt aber! Passt außerdem auch zu vermutlich fast jeder US-Fernsehserie, die südlich von Washington spielt.

Flanell-Rock mit Country und Folk

Tim Vantol hat das mit dem Country-Folk-Einschlag kapiert: „We’re Not Gonna Make It“ handelt von Freiheit und hört sich mit seinem Rythmus, der Mandoline, der Country-Gitarre und dem zweistimmigen Gesang an wie eine Nummer aus dem weiteren Umfeld der Avett Brothers. Erst wenn Vantol von „Freedom Is A Beauty“ singt, kommt wieder der für alle aus dem Ragan-Clan typischen Folkpunk raus. Vor allem einer aus dem Dunstkreis von Chuck Ragan fällt mir ein: Dave Hause. Der Barde aus Philadelphia, der kürzlich erst in München zu Gast war, hat nicht nur eine ähnliche Stimme wie Vantol, sondern auch ähnlich fetzige Songs, die nicht ganz so rau klingen wie manche andere.

„Lost The Unknown“ hat einen schönen „Ohhhh“-Mitsing-Chorus, der bei den Konzerten ganz prima funktionieren wird. „Let It Rain“ ist Tim Vantols intimste Nummer auf der Platte: Nur er und seine Gitarre (und gegen Ende Streicher)– und natürlich funktioniert das auch. Wunderbar funktioniert das! Der titelgebende Track ist ein schnelles, etwas zorniges Lied: Tim Vantol singt vom Machen anstatt dem Machenlassen. Man möge doch lieber was unternehmen, anstatt vertanen Möglichkeiten nachzuweinen. Und klar, er ist nicht der erste, der das erkannt hat und davon singt, aber man kann es auch echt nicht oft genug sagen.

Und dann kommt man über kurz oder lang auch schon beim Schluss-Song an: “ ’67 In Broken White“. Es ist für mich das schönste Lied. Nicht, weil es ein Liebeslied an ein eierschalenfarbenes (oder so!) Auto ist, sondern weil sich Tim Vantol hier anhört, als würde er vor einem stehen. Er und die zwei Streicher am Ende. Außerdem  führt das Lied nach kurzer Pause zum vielleicht schönsten Ende eines Albums, das man sich wünschen kann. Ich verrate nichts, sonst ist der ganze Hidden Track dahin!

Tim Vantol und die Berge: eine Lovestory zum Album

Und Tim Vantol hat zu dem ganzen Album auch noch eine Spitzenstory auf Lager: Er hat viel von seinem Wohlstandsplunder verkauft und hatte mit weniger Ballast wieder Lust auf das Leben Unterwegs. Also machte er sich auf in die Berge, weil mega (muss man uns ja nicht erzählen). Eines Nachts wurde es dann aber etwas zu abgeschieden: Tim Vantol und ein Begleiter hatten sich beim Bergsteigen verschätzt und waren bei Einbruch der Dunkelheit immer noch oberhalb der Baumgrenze. Professionelle Alpinisten wären wahrscheinlich nicht in T-Shirt und kurzen Hosen losgegangen, doch selbst die hätten ein Notlager in einer Felsspalte wohl einem Abstieg im Stockdustern vorgezogen. Zum Glück hat Herr Vantol das überlebt und kann inzwischen über diese extreme Alpin-Erfahrung lachen, der alte Holländer. Seine große Erkenntnis aus der Extremwanderung: „Um zu wissen, was man hat, muss man manchmal einen Schritt zurücktreten.“ Und daraus ist dieses Album entstanden.

„Burning Desires“ ist ein paar Dinge:

  • eine sehr feine Platte, die mit voller Wucht in die Americana-Folk-Rock-Kerbe schlägt
  • ein Album, das ungefähr nullkommanull nach Holland klingt (ich sage nur: Mental Theo und die Hermes House Band!)
  • ein schönes Ding, von einem sehr netten Menschen
  • zehn Songs, 36 Minuten vielseitige, nicht immer gewöhnliche, sondern manchmal country-eske Musik
  • eine Platte, die live extrem gut funktionieren wird.

Große Solo-Tour im Herbst

Da sind wir auch schon beim letzten Punkt: Tim Vantol kommt! Und zwar nach der Festival-Saison im Herbst auf ausgedehnte Solo-Tour. Sichert euch Tickets für diese Daten:

29. September – Bremen, Tower
30. September – Hamburg, Logo
01. Oktober – Berlin, Musik & Frieden
02. Oktober – Hannover, Lux
03. Oktober – Dortmund, FZW
04. Oktober – Leipzig, Conne Island
05. Oktober – Stuttgart, Universum
06. Oktober – München, Strom
07. Oktober – Köln, Club Bahnhof Ehrenfeld
09. Oktober – Wiesbaden, Schlachthof/Kesselhaus
10. Oktober – Dresden, Beatpol
11. Oktober – Nürnberg, Stereo
12. Oktober – Marburg, KFZ
13. Oktober – Weinheim, Café Central
14. Oktober – Konstanz, Kulturladen
15. Oktober – Neunkirchen, Reithalle

Zweimal hab ich Tim Vantol live gesehen, zweimal für super befunden. Wer Bock hat auf ein paar Bier, einen Typ im Karohemd oder Bandshirt mit Gitarre und was zu erzählen auf der Bühne (und vermutlich auch im Publikum), der sollte sich ein Konzert in der nächsten Umgebung nicht entgehen lassen.

„Burning Desires“ von Tim Vantol erscheint am 21. April 2017 auf Odyssey Musik und ist über Rough Trade & Good To Go zu beziehen.

Foto: PR (Jaro Suffner/Odyssey Musik Network)