Er ist viel unterwegs, aber nicht getrieben. Während der Aufnahmen seines sechsten Albums „Migration“ wanderte Bonobo um die Welt. Das Resultat: Sanfte Elektroklänge für laue Sommernächte – ob in Valencia, München oder am Zürisee.

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Im Zug. Warm. Draußen zieht die Sommerlandschaft vorbei. Saftiggrüne Landschaften ziehen vorbei. Kristallklare Bäche, Rasensprenger im Vorgarten. Im Ohr: das neue, sechste Studioalbum von Klang-Magier Bonobo. Auf „Migration“ gibt es zwölf melancholische Elektro-Tracks, mal umarmen sie den Hörer, mal galoppieren sie davon.

Der 40-jährige Musiker, bürgerlich Simon Green, verbindet Electronica mit Jazz, House und Folk. Elektronik verschmilzt mit akustischen Klängen. Das Resultat ist ein warmer, homogener Sound. Dabei setzt der Hip-Hop-geschulte Bonobo auf spezielle Sampling-Techniken. Behutsam baut er Beat-Gerüste, zwischen denen sanfte Melodien herumflirren.

Auf „Migration“ erforscht Bonobo nach eigener Aussage Menschen und Räume. „Es ist spannend, zu sehen, wie eine Person Einflüsse von einem Teil der Welt an einen anderen Teil der Welt bringen und so wiederum diese neue Welt beeinflussen kann. Mit der Zeit entwickeln diese neuen Orte eine neue Identität“, sinniert er.

Englishman in L.A.

Dabei spricht er aus eigener Erfahrung: So zog der Bite von der Insel nach New York und von dort weiter nach Los Angeles. „Ist Heimat dort, wo man gerade ist oder dort, wo man herkommt, wenn man unterwegs ist?“ fragt er sich. Und liefert mit seinem neuen Album gleich die Antwort. Die Songs von „Migration“ entstanden nicht nur in seiner neuen Wahlheimat Kalifornien – deren atemberaubende, marsianische Natur sich übrigens im Artwork von Neil Krug spiegelt.

Der Albumtitel ist Programm: Bonobo reiste an verschiedene Orte, um sich dort Inspiration zu holen – und Samples. So tauchen verschiedene Außenaufnahmen in seinen raffinierten Produktionen auf, darunter ein Fahrstuhl in Hong Kong, Regen in Seattle, ein Wäschetrockner in Atlanta sowie ein Sumpfboot-Motor aus New Orleans.

Auch bei den Kollaborationen sprengt Bonobo Kontinentalgrenzen. Michael Milosh, Frontmann des Duos Rhye aus Los Angeles, stammt ursprünglich aus Kanada, nahm seine Vocals für den Track „Break Apart“ jedoch in einem Berliner Hotelzimmer auf. Die Struktur des Stücks wiederum schuf Bonobo auf einem Übersee-Flug. Das Resultat dieser transatlantischen Connection: ein schwermütiger Song, bei dem die Hoffnung zart am Horizont schimmert.

Durch „No Reason“, eine zarte Disco-Nummer, nuschelt sich der Australier Nick Murphy, bislang bekannt als Chet Faker. Nicole Miglis von Hundred Waters bringt ihre unaufdringliche Stimme in „Surface“ zum Vorschein. Der Brite Jon Hopkins, der auf dem selben Hügel in Angeles wie Bonobo wohnt, spielt auf dem Titeltrack Klavier. Der Musikproduzent gehört übrigens neben so unterschiedlichen Künstlern wie Four Tet, Caribou, Rapper Wiz Khalifa, Disclosure oder Warpaint zum Kreis der prominenten Bonobo-Bewunderer.

Mit der marokkanischen Band Innov Gnawa, mittlerweile in New York beheimatet, entstand „Bambro Koyo Ganda“, ein House-Track mit Weltmusik-Einflüssen. Eine analoge Version des Tracks, der vor wenigen Tagen auf einer neuen EP erschienen ist, macht die traditionellen nordafrikanischen Einflüsse noch deutlicher.

Von Marokko geht’s nach Indien: „Kerala“ flirrt durch die heiße Luft. Ein dezenter Beat baut sich auf, bis sich schließlich ein euphorischer „Yeah, yeah, yeah“-Refrain herausschält: Auch Sound-Avantgardist Bonobo macht vor dem 90s-R’n’B-Revival nicht Halt und verwendet ein Sample von Brandys „Baby„. Im dazugehörigen Videoclip torkelt Gemma Artenton, bekannt aus dem Bond-Film „Ein Quantum Trost“, in unzähligen vertracken Wiederholungen verzweifelt durch eine Stadt und ferne Landschaften. Denn auch in diesem Stück geht es um Bewegung, ums Reisen: „Viele Zugvögel machen in Kerala Halt“, erläuterte Bonobo in einem Interview.

Let it flow

Reisen, sich fortbewegen und verändern sind die zentralen Themen von „Migration“. Kein Wunder, die Songs entstanden während der Tour zum letzten Album „The North Borders“ von 2013. Über 180 Gigs führten den DJ und Produzenten knapp drei Jahre um die Welt. Schlaflose Nächte, frühmorgens wartend am Flughafen, das Dröhnen der letzten Clubnacht im Ohr. Dazwischen tüftelte er an neuen Arrangements. Wie ein digitaler Nomade baute er seine Beats unterwegs am Laptop. Vor zehn Jahren sei er für die Produktion noch an einen Raum gebunden gewesen, erinnert er sich in einem Interview. Heute kann er Musik während eines Fluges, am Terminal oder im Hotelzimmer produzieren.

Ein Getriebener ist der 41-Jährige aber nicht. Seine Musik klingt alles andere als hektisch. Bonobo lässt sich für seine Tracks Zeit. „Outlier“ – benannt nach einer DJ-Residency in New York – ist mit knapp acht Minuten ist es der längste Track des Albums. Er baut sich langsam auf. Ein Synthie gesellt sich zum Beat, eine Melodie, weitere Synthieklänge – bis hin zum großen Finale. Die meisten Stücke auf „Migration“ sind mindestens vier Minuten lang. Mit Radio-Massenware hat das nichts zu tun. Aber Bonobo traf einen Nerv und schaffte es mit „Migration“ auf Platz elf der deutschen Charts. In Großbritannien und in der Schweiz lag sogar Rang fünf drin. Denn eins steht fest: Egal, wo auf der Welt wir uns gerade befinden, es gibt immer einen gemeinsamen Beat, so Bonobos Botschaft.

Auch in den kommenden Monaten ist Bonobo wieder mit seiner Live-Band unterwegs. Nachdem er bereits Anfang dieses Jahres durch Deutschland tourte, kommt er dieses Mal auch nach München.

Bonobo Live 2017:
15.07. Gräfenhainichen, Melt! Festival
08.11. München, Tonhalle
09.11. Köln, Palladium

Foto: Neil Krug