Sie sind immer noch sexy und cool, aber nicht mehr ganz so crazy. Auf ihrem ersten Album seit 15 Jahren gehen TLC kein Risiko ein. Die Girlband bleibt ihrem Mix aus R’n’B, Hip-Hop und Soul treu. Ein Throwback, das angesichts des 90s-R’n’B-Booms, der spannendere moderne Adaptionen hervorbrachte, wenig innovativ wirkt – aber dennoch Laune auf die Live-Shows im Herbst macht.

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Eine Einführung? Haben TLC nicht nötig. Selbstbewusst nannten sie den Opener ihres neuen, fünften und vermutlich finalen selbstbetitelten Albums „No Introduction„. Im Song zählen die beiden verbliebenen Bandmitglieder dann aber sicherheitshalber doch nochmals einige ihrer größten Hits auf.

Für alle, die 1995 noch nicht an Popgeschichte interessiert waren: TLC sind eine der erfolgreichsten Girlbands weltweit. Die drei Ladies waren stets ein bisschen crazy, ziemlich sexy und vor allem verdammt cool. Ihr Überhit, der lässige Aufklärungssong „Waterfalls“, und das Album „CrazySexyCool“ machte sie Mitte der Neunziger zu globalen Superstars. Weltweit verkaufte das Trio über 65 Millionen Alben. TLC inspirierten nachkommende Acts wie Destiny’s Child sowie jüngere Bands wie AlunaGeorge, Kelela oder Haim.

2002 war Schluss: Nachdem Rapperin Lisa „Left Eye“ Lopes sieben Monate vor der Veröffentlichung des letzten TLC-Albums „3D“ bei einem Autounfall auf Honduras im Alter von nur 30 Jahren ums Leben gekommen war, wurde es ruhig um die Band. Die beiden verbliebenen Bandmitglieder Tionne „T-Boz“ Watkins und Rozonda „Chilli“ Thomas zogen sich – abgesehen von einer erfolglosen TV-Casting-Suche nach einem Ersatz für das L in TLC sowie ein paar Gast-Featurings – aus der Öffentlichkeit zurück.

2013 erschien das Best-Of-Album „20“ inklusive des neuen Songs „Meant To Be“. Im selben Jahr spielte das Duo in Japan restlos ausverkaufte Konzerte, Gigs in Australien und den USA folgten. Vor zwei Jahren lancierten die beiden dann eine Kickstarter-Kampagne, bei der User die Band mit Beiträgen zwischen 5 und 7500 US-Dollar unterstützen konnten. Prominente Fans wie Katy Perry, Justin Timberlake, die New Kids On The Block, die Produzenten Dev Hynes und Russell Simmons sowie Soulja Boy und Bette Midler sollen sich an der Aktion beteiligt haben.

Das Ziel von 150.000 US-Dollar wurde innerhalb von drei Tagen erreicht. Am Ende kamen sogar 430.000 US-Dollar bei rum. Danach wurde es allerdings erneut still um die Band. Fans empörten sich in den sozialen Netzwerken und warfen den Musikerinnen vor, das Geld anderweitig verprasst zu haben.

Retro-Touch

Jetzt sind sie wieder hier! Die Wegbereiterinnen des modernen Pop-Feminismus, die wie Salt-n-Pepa nie ein Blatt vor den Mund nahmen, zu Beginn ihrer Karriere Kondome als modisches Accessoire benutzten, und in ihren Songs stets die Selbstermächtigung der Frau zelebrierten, sind inzwischen beide Mütter in ihren Vierzigern, haben sich aber optisch kaum verändert. Auch ihrem gewohnt smoothen Mix aus R’n’B, Hip-Hop und Soul sind TLC treu geblieben. Dabei verbinden sie Old-School-Flair mit modernen Trap-Beats.

Für die Produktion holten TLC eine Reihe von Newcomern ins Studio, darunter Dunlap ExclusiveD’Mile und Tipz & Knotch. Bekannte Namen wie etwa ihr langjähriger Weggefährte (und Chillis Ex) Dallas Austin sind nicht mit von der Partie. Als Executive Producer wurde Ron Fair verpflichtet. Er arbeitete zuvor u.a. mit Mary J. Blige und war an den erfolgreichen Soundtracks zu „Reality Bites“ und „Pretty Woman“ beteiligt. Die Wahl relativ unbekannter Produzenten ist nicht neu. Bereits früher gab die Girlband gerne unbekannteren Künstlern eine Chance. Auf ihrem Album „Crazy Sexy Cool“ zum Beispiel sind der damals noch unbekannte Rapper André 3000 sowie Sänger Cee-Lo Green zu hören.

Der einzige Gaststar auf dem neuen TLC-Album ist Snoop Dogg, der einen Rap-Part auf der ersten Single „Way Back“ beisteuert. Ein entspannter G-Funk-Track mit West-Coast-Vibe. Die beiden Sängerinnen blicken auf unbeschwerte High-School-Parties zum Sound von Prince, James Brown und Michael Jackson zurück.

Haters“ ist eine TLC-typische Abrechnung mit Kritikern, ähnlich wie „Case of the Fake People“. Zu einem minimalistischen Beat rufen sie zu Selbstliebe auf, egal, was andere sagen: „Haters gonna hate, people gonna say what they say, but we don’t care about that anyway“. Egal, ob ein zu dicker Hintern oder ein leeres Bankkonto, jeder sollte sich selbst treu bleiben und unberechtigte Kritik mit einem lässigen Schulterzucken wegwischen. Damit setzen TLC ein klares Zeichen gegen Body Shaming und Mobbing im digitalen Zeitalter.

Auch in „Perfect Girls“ geht es darum, sich selbst so zu akzeptieren, wie man ist, und nicht einem Ideal hinterherzurennen. „Perfect girls ain’t real, they hide who they are inside, it’s always on your mind, `cause you’re online all the time, gotta learn to love yourself, inside and out.” Simpler Text, simple Message: Niemand ist perfekt – auch wenn auf Facebook und Instagram optimierte Lifestyles inszeniert und vermeintliche Ideale vorgegaukelt werden. Der Song erinnert sowohl inhaltlich als auch musikalisch an TLCs Nummer-eins-Hit „Unpetty“.

Scandalous“ ist ein sexy R’n’B-Uptempo-Track mit hibbeligen Hi-Hats, brummenden Bässen und hysterischen Synthies und erinnert inhaltlich an das verruchte „Red Light Special“. „Give me your body“, fordern TLC. „Aye MuthaFucka“ reitet auf Blechbläsern daher, bevor wir uns auf einen funky „Joy Ride“ mit geschmeidigem Groove einlassen. Letzteres ist ein Danke an die Fans: „Sometimes I was afraid, but luckily I had you, to ride the wave, thank you for stayin’ by my side, hope you all enjoy the ride“, singen TLC.

Start A Fire“ ist eine unauffällige Akustik-Nummer, „American Gold“ eine schillernde, fast politische Ballade über verlorene Freunde und andere Verluste in Krisenzeiten. Der ehrliche Song erinnert inhaltlich an „My Secret Enemy„, die B-Seite zur Single „Red Light Special“. In dem Rap-Track verarbeitete „Left Eye“ damals ihre komplizierte Vergangenheit, thematisiert u.a. ihren Alkoholkonsum sowie den Streit mit ihrem Verlobten Andre Rison, dessen Haus sie schließlich anzündete.

Love for L

Im „Left Eye Interlude“ auf ist die verstorbene Rapperin auf „TLC“ sogar selbst zu hören. Der Track basiert auf archivierten Anrufbeantworteraufnahmen, die mit einem lockeren 90s-Hip-Hop-Beat unterlegt wurden. Eine kleine Homage, aber eben auch nicht mehr als ein kurzes Intermezzo, das rasch vergessen ist. Immerhin haben „T-Boz“ und „Chili“ ihre langjährige Partnerin nicht ersetzt.

Durch den Wegfall von „Left Eye“ kommt die poppige Seitevon TLC zum Tragen. Ziemlich daneben ist allerdings die aufdringliche Gute-Laune-Nummer „It’s Sunny„, ein gnadenlos auf Fröhlichkeit getrimmter Pop-Song, der sich im Refrain schamlos an Earth, Wind & Fires 70s-Disco-Hit „September“ sowie dem 1966er-Klassiker „Sunny“ von Bobby Hebbs vergreift.

Fazit: TLC haben sich sicherlich nicht neu erfunden, versuchen an ihre alte Erfolgsformel anzuknüpfen. Man wird das Gefühl nicht los, dass sich die Band nicht sonderlich Mühe gegeben hat. Als würden sie ihrem neuen Material selbst nicht ganz trauen, gibt es gleich noch ein paar Klassiker hinterher: In der Deluxe-Variante des Albums finden sich neu eingespielte Versionen von „No Scrubs“, „Creep“, „Unpretty“, „Baby-Baby-Baby“ und „Diggin‘ On You“. Die Neuaufnahmen klingen organischer als die Originale, wären aber nicht nötig gewesen. Vielleicht sollen damit jüngere Hörer an das ältere Repertoire herangeführt und ältere Fans gleichzeitig dank Updates nicht gelangweilt werden. Immerhin dürften TLC dank des 90s-Booms eine neue, jüngere Generation von R’n’B-Fans begeistern, die ihre alten Hits dann sicherlich auch bei den bevorstehenden Live-Shows feiern werden.

TLC Deutschland-Tour 2017:
16.10. Hamburg, Barclaycard Arena
17.10. Düsseldorf, Mitsubishi Electric Hall
19.10. Frankfurt, Jahrhunderthalle
21.10. Stuttgart, Porsche Arena
22.10. München, Zenith

Foto: Dennis Leupold


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