Phoenix melden sich mit ihrem sechsten Album „Ti amo“ zurück. Sie singen von geschmolzenem Eis und träumen von ihrer ganz eigenen romantischen Version von Rom. Ein wilder, pastellfarbener Ritt durch italienische Dissen: Hirn aus, Happiness an!

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Ein Desaster! Melted gelato! Das Eis, geschmolzen. Die Beziehung. Am Arsch. Doch die Jukebox dröhnt weiter. Buzzocks und Franco Battiato und Lucio Dalla. Dazu lieber Champagner oder Prosecco? Große Liebe oder flüchtiger Flirt? Ist es überhaupt Liebe? Es ist aus. Doch dann ein trotziges: „I’ll say ti amo till we get along.“ Und etwas hartnäckiger: „Love you! Ti amo! Je t’aime! ¡Te quiero!“ Und am Ende die forsche Forderung: „Open up your legs.“

Nein, das ist kein 70s-Italo-Beach-Porno-Trash. Sondern der neue Phoenix-Song „Ti amo„. Eine sommerliche Fantasie. Und davon gibt es noch mehr: Auf ihrem sechsten Album „Ti amo“ holen uns die französischen Indie-Popper für eine halbe Stunde in ein pastellfarbenes Paralleluniversum – ihr ganz eigenes, ein idealisiertes Italien.

Dolce vita reloaded

Inspirieren ließen sich Sänger Thomas Mars, Gitarrist Laurent Brancowitz und sein jüngerer Bruder, Gitarrist Christian Mazzalai, sowie Bassist Deck d’Arcy von Ikonen wie Serge Gainsbourg, The Beach Boys, der britischen Punkband Buzzcocks sowie italienischen Cantautori wie Adriano Celentano und Lucio Dalla. Nicht zu überhören ist auch der Einfluss des lockeren Italo-Disco-Sound. Das Genre brachte zahlreiche One-Hit-Wunderchen hervor. Entsprechend kurzlebig sind auch die Songs des neuen Phoenix-Albums. Sichere Indie-Hits wie das eingängige „1901“ oder „Lisztomania“ von ihrem 2009er Album „Wolfgang Amadeus Phoenix“, mit dem sie international durchstarteten – inklusive einem Grammy als „Best Alternative Album“ sowie einem Gig im Madison Square Garden – fehlen.

Seitdem lassen Phoenix ihre Indie-Rock-Wurzeln immer mehr hinter sich und experimentieren zunehmend mit elektronischen Sounds. Bereits auf ihrem letzten Album „Bankrupt!“ aus dem Jahr 2013 liebäugelten die vier Musiker aus Versailles mit Synthies und 80s-Flair. Songs wie „Trying To Be Cool“ versüßten mir den damaligen Sommer. Zu den kühlen Synthie-Klängen sah ich mich sonnenbebrillt die kalifornische Küste in einem Cabrio entlang cruisen (am Ende war es dann Portugal).

Jetzt also geschmolzenes Eis, „Fior di Latte“ und „Tuttifrutti“. Phoenix nehmen uns mit auf einen Sommer-Trip durch italienische Dissen. Während das Cover von „Bankrupt!“ ein praller Pfirsich und die erste Single „Entertainment“ ein Ananas-Coktail zierte, sind es dieses Mal kindliche Kritzeleien, die das Artwork durchziehen: ein rotes, hingekritzeltes Herz an einer Wand, eine rosa Strich-Sonne auf einer gelben Mauer. Harmlose Kritzeleien, beiläufig, nebensächlich, simpel.

Bella Roma

Bereits auf „Wolfgang Amadeus Phoenix“ erwies die Band der italienischen Hauptstadt mit dem Stück „Rome“ die Ehre – eine unerwiderte Liebe, die wie das römische Imperium zusammenfällt. Jetzt also ein ganzes Album. Viele französische Jungs hätten diese seltsame Verbindung zu Rom, behauptete Sänger Thomas Mars in einem Interview. „Vergleichbar mit der Faszination, die Paris auf Amerikaner ausübt.“

Es ist eine einfache Welt, in die sie uns auf „Ti amo“ mitnehmen, infantil, naiv und nostalgisch verklärt. Ein verlorenes Paradies, ein Postkarten-Idyll von endlosen römischen, lichtdurchfluteten Sommernächten mit Pistazieneis, unter dem Blick von antiken Marmorstatuen. Monica Vitti und Marcello Mastroianni, große Gefühle, römische Romanze. Ein Sehnsuchtsort, der so vielleicht nie existiert hat. Es sei ein „Album über einfache, pure Emotionen: Liebe, Verlangen, Lust und Unschuld“, sagen die vier Musiker, die sich seit ihrer Jugend kennen.

Entstanden sind die zehn eigenproduzierten Songs in Paris in einem alten Opernhaus in der Nähe des Centre Pompidou, im Herzen der französischen Metropole. Hier, im Gebäudekomplex La Gaîté Lyrique, sind auch viele Tech-Start-ups untergebracht. Neben den IT-Nerds gingen die vier Musiker, mittlerweile allesamt Familienväter, geregelten Arbeitszeiten nach. Statt wie früher nachts im Studio kreativ zu sein, nahmen sie ihr Material dieses Mal – zusammen mit Langzeit-Kollaborateur Pierrick Devin – tagsüber auf. Von 9-to-5 im Studio, acht Stunden am Tag.

Trügerische Fröhlichkeit

Die Arbeiten am Album begannen im September 2014. „Kurz danach schien die Welt, wie wir sie kannten, vor unseren Augen zusammenzustürzen“, erinnert sich Laurent Brancowitz. Bei einer Terroranschlagserie am 13. November 2015 töteten Islamisten bei einem Konzert der Eagles Of Death Metal in Paris 90 Menschen. In der Halle hatten Phoenix bereits mehrere Shows gespielt oder waren selbst im Publikum. Gitarrist Christian Mazzalai war in dieser Nacht im Studio gefangen, nachdem die Polizei Paris abgeriegelt hatte.

Es folgten weitere tragische Ereignisse: der Angriff auf die Redaktion des Satiremagazins „Charlie Hebdo“ Anfang 2015, der Anschlag in Nizza im vergangenen Sommer. Europäische Flüchtlingskrise, die Schießereien auf den Champs-Élysées im April bis hin zur Machtzunahme der französischen Nationalpopulisten. Eine bittere, düstere Zeit. „Der moralische Kompass ging kaputt„, meint Brancowitz und fügt hinzu, dass in „finsteren Zeiten traditionellerweise fröhliche Musik“ den Ton angebe.

Abgeschottet in ihrem Studio, entkoppelt vom Rest der Welt, fühlten sich die vier Musiker zeitweise fast schuldig, sagen sie. „Trotz der politisch angespannten Weltlage und damit verbundenen Tristesse klang die Musik, die entstand, unheimlich fröhlich, romantisch und sorglos“, so Brancowitz. Doch ihre Arbeitsmoral, ein regulärer 9-5-Job, hielt sie auf dem Boden. Schließlich erledigten sie einfach ihre Arbeit.

Das Quartett braucht für seine Album immer etwas länger. Es ist ein aufwendiger Entstehungprozess. Die Songs basieren auf Improvisationen. Dieses Mal wurde spannendes Material gespeichert und katalogisiert und am Ende zusammengeschnitten. Aus einzelnen Fragementen entstanden peu à peu komplette Songs. Die romantische Rockband, die seit über 20 Jahren besteht, saugt Erfahrungen, alltägliche Erlebnisse und kulturelle Einflüsse auf und verarbeitet diese in ihrem Songwriting.

Die Lyrics waren bei Phoenix schon immer etwas undurchsichtig. Dieses Mal klingen die knappen Zeilen wie die Hashtags eines Sommers auf Instagram. #champagneorprosecco #tuttfrutti #fruttidimare #tiamo Es ist eine paneuropäische Platte geworden. Phoenix singen Englisch, Französisch, viel Italienisch und zwischendurch sogar ein kleines biscshen Spanisch.

Die Songs

  • gelato - 1Die erste Single ist ein synthielastiger Italo-Disco-Fetzen. Das J in „J-Boy“ steht für „Just Because Of You“. Eine kitschige Liebeserklärung. Passend zur Entstehungsgeschichte des Albums vermittelt das Liebeslied eine trügerische Fröhlichkeit. Die Pastelltöne werden von dunklen Schatten durchbrochen. „No more coral on the atoll“, heißt es – eine Anspielung auf den Kimawandel? Und: „Kamikaze in a hopeless world“. Eine „Bonnie & Clyde“-Variante in schillernden Sommerfarben: „These things I have to go through, it’s more than that, we’re chained“, singt Thomas Mars. „And there’s no else to blame, for us two.“ Er stiehlt Dinge für seine Angebetete. Als er erwischt wird, wird er hart bestraft, sie hängen ihn höher als eine Discokugel. Doch seine Liebste überredet die Shopbetreiber, ihn gehenzulassen – schließlich hat er keinen Picasso oder Michelangelo gestohlen.
  • Ti amo“ ist wie eingangs beschrieben ein Song über eine zerbrochene Liebe. Der Sänger kann nicht loslassen, hält an einer einseitigen Liebe fest.
  • In „Tuttifrutti“ nimmt uns Thomas Mars mit in einen chaotischen, sorgenfreien Sommerurlaub. Dem Alltag entfliehen: „Forget the mess behind you“, singt er und fordert uns nonchalant dazu auf, alles hinter uns zu lassen: „Sell the gold, silverware, burn the rest and melt with me“. Stattdessen: Unbekümmert durch Motels streifen. Und das Beste: Wir sind seine „numero uno“, alles für umme, alles geht auf ihn. Also, Hirn aus, Hapiness an!
  • Fior Di Latte“ ist keine Ode ans Eis (respektive Mozzarella), sondern an die Liebe. Konkret: Ans Liebemachen. Es geht zur Sache: „Let’s rip it all to confetti“, singt Mars. Am Schluss bringt eine Zeile das ganze Album auf den Punkt, wenn der Sänger fordert: „Don’t think about it, trigger me happy.“
  • Im melancholisch-poppigen „Lovelife“ – das sich anno 1980 auch auf dem „La Boum“-Soundtrack gut gemacht hätte – wird einer vergangenen Liebe hinterhergetrauert.
  • Goodbye Soleil“ erinnert mit der funky Bassline an Daft Punk. Ein fiebriger Sommertraum in türkis und navyblau. „Don’t leave me, I can change a lot“, fleht der Sänger. Wenn seine Liebste aufwacht, existiert die Sonne für ihn nicht, sie ist das Zentrum seines Universums.

  • Der schillernde Uptempo-Pop-Song „Fleur de Lys“ erinnert an Disco-Legende Giorgio Moroder. Der Track basiert auf einem Beat von Fela Kuti.
  • Das flirrende „Role Model“ könnte eine Anspielung auf heutige Politiker und Promis sein, die sich hinter einer makellosen Fassade verstecken, mehr Schein als Sein: „Same old recital, a chameleon, disguised.“
  • Der Song „Via Veneto“ ist eine Homage an die berühmteste Straße der italienischen Hauptstadt. In den mondänen 1950er Jahre avancierte sie dank zahlreicher Cafés zur Flaniermeile. Hier wurden auch Teile des Filmklassikers „La dolce vita“ aus dem Jahr 1960 von Federico Fellini gedreht, u. a. mit Marcello Mastroianni. Phoenix folgen ihrer Geliebten durch die Straßen Roms, das Leben ohne die Angebetete ist eine Sünde: „It’s a sin senza te.“ Die Synthies flirren, 80s-Slowdance. Ein reduzierter, durchsichtiger Song. Wo könnte man sich besser verlieren als in der Via Veneto?
  • Das letzte Stück des Albums, „Telefono„, ist ein dramatisches Telefongespräch von knapp vier Minuten, getragen von einem lässig rockigen Beat. Der Sänger telefoniert mit seiner Liebsten, die noch eine Weile länger als geplant in Hollywood bleibt. Er wiederum befindet sich in einem Studio im italienischen Strandort Passoscuro. „Non posso vivere, troppo bisogno di te“, singt er im Refrain. Er kann nicht ohne sie leben, braucht sie. Er lenkt sich ab, sieht sich ihr Filmdebüt an. Organisiert ein Motorboot für den Sommer, besorgt die Bettlaken, die ihr auf einem gemeinsamen Rom-Trip so gut gefallen haben. Für den Fall, dass sie ihn besuchen möchte. Er ist verunsichert. „Wer ist dieser Typ, mit dem du die ganze Zeit herumhängst? Spielt er die Hauptrolle oder ist er ledigliche ein Statist?“ Er könnte sie verlieren, an einen Executive, fleht sie an: „Instead of calling, please ritorna a me.“ Im echten Leben gibt es ein Happy End: Thomas Mars ist seit 2011 mit Regisseurin Sofia Coppola verheiratet. Die beiden haben zwei Töchter.

„Ti amo“ ist mal flacher Soft-Rock, mal aufregend, kitschige In-die-Fresse-Romatik – aber immer verführerisch. Ein schillernder Disco-Puls für die bevorstehenden Pooltage. Und der perfekte Soundtrack für meine Sommeraffäre: Eisbecher. Zehn Songs, 35 Minuten – wie ein kurzer Sommer-Flirt. Oder eben ein „Coppa Via Veneto“: intensiv und vergänglich. Ein kurzes Vergnügen, einen Sommer lang.

Mal sehen, ob wir die Songs im Herbst noch hören können, wenn unsere Lieblingsfranzosen endlich wieder auf Deutschland-Tour 2017 kommen:

16.7. Gräfenhainichen, „Melt Festival“
24.9. München, Tonhalle
25.9. Köln, Palladium
26.9. Hamburg, Grosse Freiheit

Fotos: Antoine Wagner Studio, Emma Le Doyen Art Direction Studio Mitsu, Privat/Renzo Wellinger