Dämonen dancen in einem düsteren Endzeitszenario: Damon Albarns Cartoon-Band Gorillaz gibt in München den Groove für Krisenzeiten vor.

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Ein kleines Mädchen schießt Kampfjets von einem pfirsichfarbenen Himmel. Ein apokalyptisches Szenario, unterlegt von einer Kindermelodie mit zartem Discobeat. Am 11. November brachten die Gorillaz ihre ironisch-dystopische Anime-Welt nach München.

Die Cartoon-Band besteht aus Sänger und Keyboarder 2-D, Bassist Murdoc, Drummer Russell und Gitarristin Noodle. Vier niedliche, aber gleichzeitig dämonisch-düstere Gesellen. Dahinter steckt der britische Zeichner Jamie Hewlett, Schöpfer von „Tank Girl“. Für die Musik zeichnet Damon Albarn verantwortlich. Die beiden Kreativköpfe hatten sich Ende der Neunziger eine Wohnung in London geteilt. Albarn, damals bekannt als Sänger der Britpop-Band Blur, wollte mit anderen Sounds experimentieren.

Das Projekt schlug ein: Das erste, selbstbetitelte Gorillaz-Album aus dem Jahr 2001 war in den USA erfolgreicher als alle Blur-Veröffentlichungen zusammen. Es folgten drei weitere Alben, für die Mastermind Albarn jeweils andere Musiker ins Studio holte.

Kunterbunter Kosmos mit Biss

IMG_2193Während die reale Besetzung immer wieder wechselte, entstand um die virtuelle Band ein Kunst-Kosmos, zu dem eigene Social-Media-Profile der vier fiktiven Figuren, eine eigene App, eine eigene Chucks-Kollektion (inkl. des großartigen „Do Ya Thing“ mit André3000 von Outkast und James Murphy von LCD Soundsystem), ein Dokumentarfilm und sogar ein eigenes Festival gehören. Angeblich ist sogar eine Fernsehserie geplant. Doch dann herrschte plötzlich Funkstille. Die beiden Erfinder redeten drei Jahre lang nicht mehr miteinander. „Damon stand mit der Hälfte von The Clash,  Bobby Womack und De La Soul auf der Bühne. Die größte Band aller Zeiten. Die Leinwand hinter ihnen wurde jedoch immer kleiner“, sagte Jamie Hewlett dem „Guardian“. Die Cartoons erhielten seiner Meinung nach zu wenig Aufmerksamkeit, traten bei den Shows aufgrund der prominenten Gäste zunehmend in den Hintergrund.

Während die virtuelle Band zu Beginn ihrer Karriere auch mal als 3D-animierte Hologramme auf der Bühne erschienen und mit der echten Madonna auftraten, sind die vier Bandmitglieder auf der aktuellen Tour auf einem großen Videoscreen über der Bühne in Aktion zu sehen. Ein eineinhalbstündiger rasanter Höllenritt, begleitet von exzellenter Livemusik.

Überraschend real

Gorillaz-Mastermind Damon Albarn live in KölnDie Musiker sind aber echt. Mastermind Damon Albarn schart eine fünfköpfige Band sowie sechs Background-Sänger um sich. Hinzu kommen illustre Gäste wie die US-Hip-Hip-Pioniere De La Soul, die britische Rap-Newcomerin Little Simz sowie Soul-Talent Peven Everett, die sich auf der Bühne das Mikrofon in die Hand geben. Andere Kollaborationspartner wie Jehnny Beth von der All-Female-Punkband Savages, sind virtuell in zuvor aufgenommenen Clips dabei. Der völlig durchgeschwitzte Damon Albarn macht derweil mal Pause. Die Interaktion mit dem Publikum wird auf ein Minimum beschränkt. Die Band spielt durch.

Bei den Gorillaz bekommt man für den Ticketpreis von knapp 50 Euro gleich mehrere Konzerte in einem. Hier prallen warme Gospel-Chöre auf futuristische Synthie-Sounds, während im Hintergrund die Welt zugrunde geht. Das musikalische Spektrum reicht von Hip-Hop und Gospel über Rock und Dub bis hin zu House.

Es sind vor allem die frühen, mittlerweile fast zwei Jahrzehnte alten Songs, wie die Debütsingle „Clint Eastwood“,  „Feel Good Inc.“ oder „Melancholy Hill“, die das Publikum im ausverkauften Zenith mitreißen. Aber auch neue Tracks aus dem Album „Humanz“, das während des Wahlkampfs vom heutigen US-Präsidenten Donald Trump entstand, bringen die Halle zum kollektiven Grooven. Das Moroder-esque „Andromeda“ mit seinem schwülstigen Refrain „Take it in your heart now, lover“ verwandelt das Zenith kurzerhand in eine Großraumdisco. Bei „Sex Murder Party“ lassen Zebra Katz und Jamie Principle ihre innere Grace Jones raus. Beim funky House-Stomper „Strobelight“ findet Peven Everett seinen inneren Bootsy Collins.

Das trotzige „We Got The Power“ kann als geballte Faust gegen Trump verstanden werden: „No matter what I’m told, how impossible it seems (we got the power); we did it before, and we’ll do it again, we’re indestructible!“ So klingt er also, der Soundtrack für Krisenzeiten.

Die Gorillaz sind als Gesamtkunstwerk zu betrachten. Hewletts Zeichnungen kreieren einen kunterbunten, aber düsteren Kosmos, in dem das Talent des nun bald 50-Jährigen Musikwunderkinds Albarn brilliert. Zu den entspannten Beats von „Demon Days“ wird das Publikum in die Nacht entlassen. Die Welt draußen steht. Noch.

Fotos: Renzo Wellinger, Warner Music, Peyman Azhari