Gute Musik gehört gehört.

Gute Musik ist unsere große Leidenschaft.



Unvollkommen. Unaufgeregt. Unfertig. Und dennoch brillant. „Revelations“, das zweite Album von Shamir, ist ein kleiner Rohdiamant. Ein imperfektes, intimes Album. Während das Jungtalent auf seinem Debüt „Ratchet“ auf hibbelige House-Beats setzte, lebt der 23-Jährige dieses Mal seine Leidenschaft für Outsider-Musik, Country und Punk aus. 

Shamir

„Vom ersten Tag an war klar, dass ich ein zufälliger Popstar bin.“ Vor zwei Jahren avancierte Shamir Bailey mal eben zum viralen Pop-Phänomen – und zum etwas anderen Popstar. Optisch damals eine Mischung aus „Prinz von Bel-Air“ anno 1990, Prince und Grace Jones, wurde er mit seinem Debütalbum „Ratchet“ und hibbeligen House-Beats eine Saison lang zum flamboyanten Vorzeige-Club-Kid.

Zwei Jahre später ist davon bis auf die eingängigen Pop-Melodien nichts mehr übrig. Shamir trägt seine Haare jetzt natürlich, unfrisiert. Die schrillen Klamotten sind schlichten Outfits in dezenteren Farben gewichen. Seinen Plattenvertrag und sein Management ist er ebenfalls los.

XL Recordings, das Label, das u. a. Adele und The xx hervorbrachte, trennte sich von seinem Wunderkind, als Shamir während der Tour zu „Ratchet“ an Gewicht zulegte, sich die Haare abrasierte und die Studio-Sessions in Los Angeles mit namhaften Produzenten zu keinem Ergebnis führten. Das Material war laut Shamir zu clean. Eine kleine Rebellion gegen seinen Sound und sein Image. „Sie dachten, sie hätten ein Vegas-Club-Kid an Bord geholt. In Wahrheit hatten sie jedoch ein lautes DIY-Punk-Kid, das nebenbei als Popstar tätig war“, blickt Shamir im Interview mit GQ zurück.

Ooops, ein Hit

Seinen hysterischen Hit „On The Regular“ bezeichnet er heute als eine Art Unfall. Wäre es nach ihm gegangen, wäre der Song nie veröffentlicht worden. Dennoch zeigt er nicht mit dem Finger auf andere. „Ich hätte mich wehren müssen und mir mehr Gedanken darüber machen, was ich auf die Welt loslasse“, meint der 23-Jährige heute.

Der Newcomer verkroch sich in seiner Wahl-Heimat Philadelphia, wo er gemeinsam mit einem Freund an eigenen Songs tüftelte. Kurz vor dem Release machte der Freund jedoch einen Rückzieher. Noch mehr Material für die Tonne. Shamir war eigentlich fertig mit der Musik.

An einem Wochenende nahm er das Album „Hope“ auf, das er im April dieses Jahres eigenständig auf Soundcloud veröffentlichte – woraufhin sich auch sein Management-Team von ihm verabschiedete.

Das Album entstand während einer manischen Phase. Drei Tage ohne Schlaf. Er rauchte Marihuana, um runterzukommen. Kurze Zeit danach ließ er sich nach einem psychischen Zusammenbruch in ein Krankenhaus einliefern. Diagnose: Bipolare Störung. Seine Mutter reiste an und holte ihren Sohn nach Las Vegas zurück. Hier entstand das neue Material. Im Haus seiner Tante, die früher selbst als Songwriterin tätig war, richtete er sich ein Mini-Studio ein. „In Vegas gibt es für mich nicht viel zu tun, so entstand ‚Revelations‘.“

Ein raues, verletzliches und sehr intimes Album. Auf den Kern reduziert. Während Shamir auf „Ratchet“ hysterische House-Beats mit 80s-Pop und R’n’B-Melodien verband, lebt der junge Musiker, der als Teenager in einer Punkband spielte, seine Leidenschaft für Outsider-Musik, Country und Punk aus. Im Gegensatz zum Debütalbum wird dieses Mal seine Leidenschaft für Künstler wie Ari Up von The Slits, Joanna Newsom und die Indie-Rockband Vivian Girls deutlich spürbar. 

Geblieben ist die androgyne Soul-Stimme, Shamirs Countertenor. Vor den minimalistischen Arrangements kommt sein Falsett noch deutlicher zur Geltung. Es ist ein sperriges Album. Unvollkommen. Unaufgeregt. Irgendwie unfertig. Eher Rohdiamant als strahlendes Juwel. Und dennoch lassen die neun Songs aufhorchen.

90s Kid

Im Opener, der Ballade „Games“, verarbeitet er seine Erfahrungen in der Musikindustrie: „I think you’re totally mean to the core, but I don’t blame you, and I won’t shame you, but I can’t continue to play this game“, lamentiert er verzweifelt im Refrain.

Die rauen Riffs von “You Have a Song” oder „Her Story“ erinnern  an Alternative Rock „Made in the 90s“. Apropos: „’90s Kids“ ist eine Ode an Millenials. Der Refrain beweist Shamirs Gespür für eingängige Pop-Melodien. Auch der Indie-Rock-Song „Blooming“ mit 60s-Flair geht ins Ohr.

Das Highlight aber ist „Straight Boys“, in dem er seine gender-Neutralität bzw. seinen Status in einer heteronormativen, maskulin dominierten Gesellschaft reflektiert. Die Message verpackt in eine Lo-Fi-Produktion mit poppiger Melodie. Ein wichtiger Song. Shamir selbst ist (noch) eine Ausnahmeerscheinung zwischen den vielen normierten Popsternchen. „Ich bin schwarz, Muslim, queer, gender-queer, geistig krank und aus Las Vegas.“ Der etwas andere Popstar eben.

Foto: Father / Daughter Records

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1 Kommentar

  1. Shamir: Kleiner Rohdiamant – Renzo Wellinger sagte:

    am 16.11.2017 um 23:11 Uhr

    Antworten

    […] Unvollkommen. Unaufgeregt. Unfertig. Und dennoch brillant. „Revelations“, das zweite Album von Shamir, ist ein kleiner Rohdiamant. Ein raues, sehr intimes Album. Während das Jungtalent auf seinem Debüt „Ratchet“ auf hibbelige House-Beats setzte, lebt der 23-Jährige dieses Mal seine Leidenschaft für Outsider-Musik, Country und Punk aus. Mehr auf themusicminutes.com. […]

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