Vier Jahre nach ihrem Debütalbum „Days Are Gone“ legten Haim letztes Jahr ihr zweites Album vor. „Something To Tell You“ ist wieder ein poppiges Sommeralbum geworden, das auch im Januar kalifornisches Laissez-Faire-Feeling verbreitet. 

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Ein Schulterzucken. Eine beiläufige Handbewegung. Synchrone Kopfdrehungen. Lässig gehen Haim morgens um 7.45 Uhr über den Ventura Boulevard. Vorbei an Palmen, Autohäusern, Klamottenläden und Restaurants. Dabei trauern die drei Schwestern einer vergangenen Liebe hinterher. Die Morgensonne versteckt sich hinter ein paar graurosa Wolken. Kalifornische Tristesse.

Das alles wirkt mal ziemlich cool und sexy, irgendwie aber auch ein bisschen peinlich. Die drei kessen Hipster-Sisters nehmen sich nicht zu ernst. Wie Ende 2017 bei der Las-Vegas-Show von Britney Spears, als sie unbekümmert und gekonnt die Choreografie zu “Oops!…I Did It Again” zum Besten gaben. Der selbstironische Kommentar dazu: „Betrunkene Moms bei einer Bar Mitzvah“.

Diese Mischung macht die Schwestern aus: Cool, sexy und ein wenig verschroben. Stets mit einem Augenzwinkern. Das Trio aus Los Angeles verbindet den Spirit von R’n’B-Acts wie TLC mit der Optik von Kelly Family, Charlotte Gainsbourg und 70s-Soft-Rockern.

Ihr Look weckt Erinnerungen an eine coole Version der Kelly Family. Und auch die Entstehungsgeschichte von Haim erinnert an den musizierenden Familienclan. Denn Sängerin und Gitarristin Danielle, Baissistin Este und Keyboarderin/Gitarristin Alana Haim begannen ihre Karriere in einer Familienband. Mit Rockinhaim spielten sie Classic-Rock- und Motown-Cover bei Familienfesten und auf Straßenfesten – zusammen mit ihren Eltern. Später waren die beiden älteren, Danielle und Este, kurze Zeit Mitglieder der zusammen gecasteten, sehr schlimmen Teen-Rock-Pop-Band Valli Girls.

Ein bisschen von allem

Schon früh brachten ihr Vater Mordechai, ein gebürtiger Israeli, und ihre Mutter, eine Lehrerin aus Pennsylvania, den Töchtern Schlagzeug bei. Das erklärt auch die ryhthmischen Songs ihres heutigen Staccato-Sounds. Mit einer Mischung aus 90s-R’n’B, Folk und 70s-Softrock trafen Haim ins Schwarze. Mit ihrem Debütalbum „Days Are Gone“ , das weltweit über eine Million Mal verkauft wurde, startete das Trio aus dem San Fernando Valley international durch.

Mit einer Handvoll im Netz veröffentlichter Songs katapultierten sie sich Anfang 2013 auf zahlreiche Newcomer-„Hotlists“. Mit Songs wie „Forever“, „Falling“ und „Don’t Save Me“ verdrehten Haim Kritikern, Bloggern und prominenten Fans wie U2, Lorde und Taylor Swift gleichermaßen die Köpfe. Letztere nahm die drei Schwestern mit auf Tour, genau wie Phoenix, Florence & The Machine, Mumford & Sons und Rihanna. Rapper A$AP Ferg schnappten sie sich für einen Remix von „My Song 5„, mit Calvin Harris entstand der EDM-Track „Pray To God„.

Pop, Rock, Elektro und Rap – na was denn nun? Auf Haim scheinen sich irgendwie alle einigen zu können. Ihr geschmeidiger Radio-Pop eckt kaum an, genau wie die nach einem simplen, wiederkehrenden Muster aufbauten Songs. Der sonnige Radiopop ihres zweiten Studioalbums „Something To Tell You“ ist ein eher kurzlebiger Sommerflirt als die große Liebe.

Nach knapp zwei Jahren auf Tour, begannen sie im Herbst 2014 mit der Arbeit am zweiten Album. Doch so richtig kamen sie anfangs nicht in die Gänge. Als sie angefragt wurden, ein Stück zum Soundtrack des Amy-Schumer-Films „Trainwreck“ beizusteuern, sagten sie zu. Sie hatten lediglich eine Woche Zeit. Das Resultat: „Little Of Your Love„. Der Popsong landete am Ende zwar nicht auf dem Soundtrack, aber der kreative Knoten war geplatzt.

In Los Angeles, im Wohnzimmer ihrer Eltern, entstanden die elf neuen Songs. Unterstützung erhielten Haim dabei erneut von Produzent Ariel Rechtshaid (u.a. Beyoncé, Adele), der ihnen bereits beim Debüt unter die Arme gegriffen hatte. Der Hit-Macher und Danielles Freund holte dann gleich ein paar Buddies mit ins Studio: So sind Rostam Batamanglij, mit dessen Band Vampire Weekend Ariel Rechtshaid 2013 gearbeitet hatte, und Dev Hynes alias Blood Orange, an dessen Album „Coastal Grooves“ der 38-Jährige beteiligt war, beim neuen Haim-Album involviert.

Das luftige, countryesque „Nothing’s Wrong“ beschwört den Soft Rock der 70er Jahre herauf. Eine vage Erinnerung an Fleetwood Macs „Little Lies“ zieht wie Nebel über die Golden Gate Bridge in Fetzen vorbei. Das West-Coast-Feeling haben die Haim-Sisters verinnerlicht.

Ready For You“ zeigt sie mit der souligen Hookline von ihrer R’n’B-Seite. Die Nummer wurde von  George Lewis Jr. alias Twin Shadow mitgeschrieben. Auch „Walking Away“ erinnert an eine moderne Version von 90er-R’n’B-Sensationen wie Jade.

Der Titelsong „Something To Tell You“ kommt eher unauffällig daher. Das Versprechen, dass sie uns etwas Wichtiges zu erzählen hätten, bleibt leider unerfüllt. Außer harmlosen Tagebucheinträgen haben die Schwestern wenig zu sagen. Spätestens hier würde man sich eine weitere musikalische Facette wünschen, neben The Bangles und TLC vielleicht ein kleines bisschen PJ Harvey?

Nichts Neues

Immerhin: Die raue Video-Version von „Right Now“ – gefilmt von Regisseur Paul Thomas Anderson, der einst bei Mama Haim Kunstunterricht hatte – zeigt in eine rockigere Richtung. Auf Platte ist das Stück jedoch glatt produziert. Bei „Found It in Silence“ kommen elektronische Elemente ins Spiel. Das klingt jedoch recht bemüht und fügt dem Haim-Spektrum auch keine überraschende neue Komponente hinzu.

Der letzte Song, das auf Gesang und Gitarre reduzierte „Night So Long„, entstand auf Tour. Das minimalistische Stück beschreibt die Einsamkeit, wenn man jeden Abend vor Tausenden von Fremden auftritt. „Zwei Jahre lang wachten wir gefühlt jeden Tag auf, machten Soundcheck, spielten Shows, gingen schlafen und aßen dazwischen ein Stück Pizza“, erinnert sich Alana.

haim2 - 1Die Lyrics sind allesamt recht harmlos, austauschbar. Liebe, Trennungsschmerz, verpackt in strahlende Melodien. Das Artwork greift den Sound ungewollt auf: Irgendwie persönlich, nahbar und leichtfüßig, aber eben auch glattpoliert. Die Oberfläche schimmert, eine gewisse Künstlichkeit bleibt.

Die großen, eingängigen Melodien sind wie gemacht fürs Radio. Böse Zungen ziehen Vergleiche mit Shania Twain (deren „That Don’t Impress Me Much“ sie übrigens coverten). Aber auch The Bangles und vor allem Stevie Nicks von Fleetwood Mac müssen immer wieder als Blaupausen herhalten.

Vielleicht gönnen sich Haim vor Album Nummer eine Auszeit, sammeln neue Erfahrungen, die sie uns dann in einem kantigeren Sound erzählen. Trotz der auf Dauer etwas anstrengenden, glattpolierten Songs und der etwas platten Lyrics von „Something To Tell You“ macht sich beim Anhören ein lässiges kalifornisches Laissez-faire-Feeling breit. Und das kann auch im Januar 2018 nicht schaden.

Fotos: Laura Coulson / Vertigo Berlin