Zwei Teenager außer Rand und Band streifen durch Englands Süden. Dazu ein erstklassiger Soundtrack von Blur-Gitarrist Graham Coxon. „The End Of The Fucking World“ ist ein brutales britisches Coming-of-Age-Drama, das mehr Aufmerksamkeit verdient hat.

The End of the F***ing World

„Ich heiße James. Ich bin 17 und ich bin mir ziemlich sicher, dass ich ein Psychopath bin.“ Im zarten Alter von acht begann der Junge mit den großen blauen Augen, Tiere zu töten. Zuerst eine Katze. Es folgten Schmetterlinge, Mäuse, Vögel. Es könnte interessant sein, etwas Größeres zu töten, findet er. „Etwas viel größeres.“ Einen Menschen zum Beispiel. Sein anvisiertes Ziel: Alyssa, die Neue an der Schule.

Ein Teenager, der zu viel „Dexter“ geguckt hat? Der Einstieg in die britische Serie „The End Of The Fucking World“ ist düster. Und witzig. Was sich aus der absurden Ausgangssituation entwickelt, ist eine Mischung aus abstrusem Coming-of-Age-Drama, blutrünstiger Liebesgeschichte und gewalttätigem Roadmovie, durchzogen von schwarzem britischem Humor. Wie „Tote Mädchen lügen nicht“, inszeniert von Quentin Tarantino und David Lynch.

TEOTFW_Hardcover_czh6-69Die Mini-Serie ist wie ein langer Spielfilm, ein streckenweise surrealer Roadtrip, den man gut an einem verschneiten Sonntag durchgucken kann. Produziert wurden die acht, jeweils nur 20-minütigen Folgen von Channel 4 und Netflix. Der rasante Plot, in Szene gesetzt von Jonathan Entwistle und Lucy Tcherniak, basiert auf der gleichnamigen Graphic Novel des US-Zeichners Charles S. Forsman. Im Comic wird die Geschichte im Wechsel aus Sicht der beiden Protagonisten erzählt. Auch in der Serie schlüpfen wir in ihre Köpfe, haben dank Off-Texten an ihren Gedanken teil.

Die beiden Nachwuchstalente Alex Lawther („Black Mirror“, „The Imitation Game“) und Jessica Barden („The Lobster“, „Penny Dreadful“) erwecken die Figuren zu authentischen zweifelnden Heranwachsenden.

Status: kompliziert

Alyssa guckt gerne in den Himmel, „weil sich irgendwie alles zu viel anfühlt“. Dann fühlt sie sich glücklich und frei. Doch das designierte Mordopfer von James ist alles andere als ein wehrloser Unschuldsengel. Sie ist launisch und ziemlich aggressiv. Aus lauter Frust über virtuelle Chats statt realer Gespräche zerstört sie in der Schulmensa ihr Smartphone.

Die 17-jährige vorlaute Rebellin bricht aus ihrem beengten Vorstadt-Leben aus, mit einer Mutter, „die einen auf ‚Downton Abbey‘ macht“, und einem fiesen Stiefvater, der sie loswerden will. In James findet sie einen Mitstreiter, den sie tolerieren kann. „Er ist nicht die Antwort, aber er ist wenigstens etwas“, denkt sie. Und er: „Es wäre interessant, sie zu töten.“ Konfliktpotenzial ist also gegeben.

Die beiden liebenswerten Außenseiter klauen das Auto von James’ alleinerziehendem Vater und hauen ab. Das Ziel: Alyssas Dad Leslie, den sie zuletzt vor einem Jahrzehnt gesehen hat und von dem ihr neben blassen Erinnerungen nur dessen Lederjacke und einige Geburtstagskarten geblieben sind. Vorbei an amerikanischen Diners, durch wunderschöne Landschaften und triste Städte, begeben sich die beiden auf einen Road-Trip durch Englands Süden.

Doch dabei bleibt es nicht. Von Folge zu Folge reiten sie sich tiefer in den Schlamassel rein. In wenigen Tagen hinterlassen die jungen Outlaws eine Spur der Verwüstung. Zufallsbekanntschaften und seltsame Begegnungen – etwa mit einem Tankstellenverkäufer namens Frodo – sorgen für überraschende Wendungen. Allerlei Zwischenfälle – wobei ein Tankstellenüberfall noch relativ harmlos ist – machen aus den beiden ausgebüchsten Teenagern landesweit gesuchte Kriminelle. Plötzlich sind sie wie Bonnie & Clyde auf der Flucht.

Die Cops sind ihnen stets im Nacken. Die Polizistinnen Eunice Noon – gespielt von Gemma Whelan alias Yara Greyjoy aus „Game of Thrones“ – und Teri Donoghue (Wunmi Mosaku), die während der Ermittlungen eine gemeinsame Liebesnacht diskutieren, tauchen im Comic nicht auf. Das lesbische Detektivduo trägt jedoch viel zum Charme der Serie bei und liefert einen unterhaltsamen erzählerischen Seitenstrang.

Essex meets Americana

Neben dem brillanten, größtenteils unbekannten Cast und den starken Bildern ist es vor allem die Musik, die „The End Of The Fucking World“ ausmacht. Dafür wurde Graham Coxon, Damon-Albarn-Sidekick und Gitarrist von Blur, verpflichtet. Regisseur Jonathan Entwistle bezeichnet ihn als sein „Gitarren-Idol“. „Ich kaufte mir eine Fender Mustang, weil Graham Coxon eine im Video zu Blurs ‚Coffee and TV‘ hatte“, erinnert er sich.

Der Musiker wiederum war schnell von der Produktion begeistert. „Die Serie sprach sowohl meine Zuneigung für düstere Musik als auch meinen Sinn für schwarzen Humor an“, so Graham Coxon. Er mochte den „Essex Noir Vibe“ der adaptierten Story. Über 40 Stücke schrieb er, manchmal drei bis vier an einem Tag. Er sei es sich durch die Arbeit mit Albarn/Blur gewohnt, etwas zu interpretieren und seine eigenen Ideen hinzuzufügen. „Das habe ich als eine Art Sideman in der Band immer getan.“

Und so transferierte er ein amerikanisches Roadmovie, das im Comic im Mittleren Westen der USA spielt, musikalisch nach England. Dafür musste er einen Essex-Zugang zu Americana finden, präzisiert der Musiker, der selbst in Colchester aufwuchs.

Blues, Folk, aber auch Punkrock geben den Ton an. Viele Songs aus den 1950er und 1960er Jahren sind zu hören, u. a. von Brenda Lee, Wanda Jackson, Skeeter Davis („The End Of the World“) und Ricky Nelson. Aber auch Fleetwood Mac, Buzzcocks und Mazzy Star tragen zur düsteren Stimmung von „The End Of The Fucking World“ bei.

Mit der leisen Folk-Nummer “Walking All Day” und dem trotzigen Blur-esquen „Angry Me“ gibt es sogar eigene Originaltitel von Graham Coxon zu hören. Der Soundtrack mit seinen Songs und Instrumentals erscheint am 26. Januar digital.

Gefühlschaos

The End of the Fucking WorldMusik spielt in der Serie eine zentrale Rolle – und sorgt sogar für den ein oder anderen Gag. In einem geklauten Auto ist das Radio kaputt. Es gibt nur eine CD, auf der ein Track funktioniert: „Keep On Running“ von The Spencer Davis Group. Kein schlechter Song, so die beiden Flüchtigen euphorisch. Doch nach dem 38. Mal lässt der Zauber nach.

In einer anderen Szene fordert Alyssa, die Reden peinlicher findet als Tanzen, James zum Tanzen auf. Eine von James‘ Regeln lautet jedoch: Ich tanze nicht. Da hilft nicht mal Alkohol. Erst, als Alyssa ihm befiehlt, seine Augen zu schließen und verspricht, nicht hinzugucken, tobt er sich zum Oldie “Settin’ the Woods on Fire“ von Hank Williams aus.

Der unsichere, fahrige James, der als Kind absichtlich seine Hand in eine Frittöse steckte, um etwas zu spüren, wird von seinen Gefühlen überwältigt. Wollte er Alyssa anfangs töten, entdeckt er allmählich seine Zuneigung für sie. Seine Gefühle dringen aber nur zögerlich durch die harte Schale seines dominanten und konfrontativen Herzblatts.

Die Eröffnungsszenen der Serie sind mit dem 1962er-Schmachtfetzen „Laughing On The Outside“ von Bernadette Carroll unterlegt. „They see me night and daytime, having such a gay time, they don’t know what I go through“, bringt sie die Teenie-Angst auf den Punkt. Und so lacht sie, während sie innerlich weint.

In der schwarzhumorigen Serie „The End Of The Fucking World“ geht es um Vernachlässigung, Verlustängste, elterliches Versagen. Hinzu kommen Suizid, Vergewaltigung und Missbrauch. Nicht nur die Heranwachsenden, auch die vermeintlich erwachsenen Charaktere haben so ihre Schwierigkeiten mit dem Leben. Sie sind genauso planlos. Nein, der Weg ans Ende der Welt ist kein leichter – aber er klingt ziemlich lässig.

Fotos: Netflix