Eigentlich sollten sie erwachsen werden. „Please Like Me“ ist eine australische Serie für die Facebook-Daumen-Generation. Eine unkonventionelle Coming-of-Age-Story über planlose Twenty Somethings. Eine ebenso dramatische wie humorvolle Produktion, deren Charaktere man am Ende vermisst.

Please Like Me © Netflix

Manche Probleme lassen sich nicht mit einem Emoji oder Like wegklicken. Plötzlich soll Josh sich um seine depressive Mutter kümmern. Wie soll das gehen, wenn er nicht einmal für sich selbst Verantwortung übernehmen kann? „Ich kann sie nicht pflegen. Ich weiß nicht, wie das geht. Ich kann mich nicht mal selbst pflegen. Ich benutze nie Zahnseide“, sagt er verzweifelt. Viermal ein Satz mit Ich: Statt Selfie-Sicht ist Mitgefühl gefragt.

Josh und seine Freunde sind irgendwie stecken geblieben. Eigentlich sollten sie erwachsen werden. Doch die Clique, eine Gruppe von planlosen Twenty Somethings in Melbourne, hat es damit nicht eilig. Alle suchen ihren Platz in der Welt. Rast- und ziellos probieren sie alles aus: Drogen, Dreier und Hausschlachtung. Sie sind unsicher, überfordert damit, die täglichen Herausforderungen zu meistern: Job, Liebe, Familie – und Zahnseide.

Dabei geht Serienerfinder und Hauptdarsteller Josh Thomas in „Please Like Me“ diversen Themen, die im Mainstream häufig mit Vorsicht angefasst werden, nicht aus dem Weg. Unverkrampft, aber nicht verharmlosend, werden in vier Staffeln brisante Themen wie Homophobie, Rassismus, psychische Erkrankung, Abtreibung und Suizid offen und humorvoll angegangen. Melancholische Momente wechseln sich dabei mit absurd-komischen Situationen ab. Wie der omnipräsente Marimba-Klingelton durchbohren die trockenen, treffenden Witze jede noch so traurige Szene.

In Your Face

Die kauzigen, liebenswerten Charaktere sind brutal ehrlich zueinander und wirken sehr real. Bei Josh herrscht permanent Gefühlsstau. Er geht seinen Gefühlen aus dem Weg, reagiert in schwierigen Situationen mit Witzen. Und die treffen meist mitten rein.

Im Fokus stehen die zwischenmenschlichen Beziehungen von Freunden und Familie. Angefangen bei Joshs bipolarer Mutter Rose über seine Exfreundin, die clevere Claire – gespielt von Caitlin Stasey, die optisch an Emma Watson erinnert – bis hin zu Joshs Liebhabern, den attraktiven Geoffrey und den ängstlichen Arnold. Und dazwischen: John, Joshs treuer Hund.

Vor allem mit seiner Mum Rose, dargestellt von Schauspielerin Debra Lawrance – in Australien bekannt aus der Soap „Home And Away“ –, verbindet Josh eine enge Beziehung. Da sie einen Selbstmordversuch mit einem Mix aus Panadol und Baileys hinter sich hat, muss Josh sich um sie kümmern.

Währenddessen macht Joshs Vater Alan (David Roberts) eine Midlife-Crisis durch. Seine zweite Frau, die clevere Thailänderin Mae (Renee Lim), hält ihn auf Trab. Auch hier werden Vorurteile vorgeführt: Mae ist Thailänderin, viele verurteilen sie als sogenannte mail order bride, bestellt via Internet. Doch sie kommt aus gutem Haus, ist gebildet und liebt Alan wirklich.

Please Like Me © NetflixIn der zweiten Staffel kommt Rose in eine psychiatrische Einrichtung, in der auch Joshs künftiger Freund Arnold (Schauspieler Keegan Joyce hat übrigens ein ganz passables Folk-Album veröffentlicht) vorübergehend wohnt, sowie die wortkarge, depressive Hannah, gespielt von der australischen Stand-up-Comedienne Hannah Gadsby.

Auf einem Camping-Ausflug kommen sich Josh und Rose näher. In der Enge des Zeltes sprechen sie endlich über Roses versuchten Suizid und wie Josh sich dabei fühlt. Eine sehr intensive, schmerzvolle, aber auch witzige Folge. Der trockene Humor durchbricht in „Please Like Me“ selbst die traurigsten Szenen: Im Zelt wälzt sich Rose schlaflos durch die Nacht, weint, bis sie plötzlich einen fahren lässt – das Eis ist gebrochen.

Unter dem australischen Sternenhimmel sprechen sie auch über Joshs Homosexualität. Der Protagonist ist schwul und entdeckt gerade seine Sexualität. Er hat jedoch keine Lust, mit seinen Eltern ausführlich darüber zu sprechen, will daraus keine große Sache machen. „Ein Coming Out ist so 90s“, findet Josh. Es ist einfach so, eine Selbstverständlichkeit.

Sexualität heute

Please Like Me © NetflixWährend Homosexualität vor 20 Jahren in populären TV-Serien wie „Beverly Hills, 90210“ noch als Randthema behandelt wurde, hat sich der Umgang damit heute entspannt. Gerade erst hat mit „Moonlight“ sogar ein Film mit einem schwulen schwarzen Protagonisten bei den Oscars abgeräumt.

Erfreulicherweise verzichtet „Please Like Me“ auf homosexuelle Stereotype – wenn, werden sie vorgeführt. Keine durchtrainierten Beaus, die die Nächte durchtanzen und jeden Morgen in einem anderen Bett aufwachen. Gezeigt wird die schwule Identität von heute, Männer mit Ecken und Kanten, Ängsten und Sorgen.

„Please Like Me“ ist jedoch keine klassische Coming-Out-Story, sondern geht unterschiedlichen Formen von Sexualität nach: Arnold zum Beispiel möchte eine offene Beziehung mit Josh. Tom hat im Verlauf der Serie diverse Freundinnen – von der anstrengenden Niamh, die eine Schwangerschaft vortäuscht, damit er sich nicht von ihr trennt, über die deutlich jüngere, Kaninchen liebende Schülerin Jenny, die erwachsener wirkt als die komplette Clique, bis hin zur freiheitsliebenden Ella.

True Story

„Please Like Me“ ist eine sehr persönliche Show. Die Geschichte basiert auf Josh Thomas‘ Biografie. Der heute 30-jährige Stand-up-Comedian spielt nicht nur die Hauptrolle, sondern zeichnet auch als Erfinder, Drehbuchautor und Executive Producer verantwortlich. Darüber hinaus scharte er einige seiner engsten Freunde um sich. Allen voran Thomas Ward, der in der Serie seinen besten Freund, den pausbäckigen und konfliktscheuen Tom mimt.

Im realen Leben lernten sich die beiden bereits im Alter von 12 Jahren an der Schule kennen. „Ich hätte an der High School nichts mit mir zu tun haben wollen“, scherzte der echte Josh in einem Interview, und legte gleich nach: „Aber Tom hatte nicht so viele Optionen.“ Diese Selbstironie und das gegenseitige Aufziehen hat Josh Thomas auf seine Serie übertragen. Die beiden foppen sich permanent, sticheln und machen sich über die Macken oder das Aussehen des anderen lustig.

Tom spielt seinen fiktiven Charakter sehr stoisch, hölzern – was die Figur umso komischer wirken lässt. Obwohl Toms Leben von seinem echten inspiriert ist, musste auch Tom Ward für die Rolle vorsprechen. Knapp 50 Schauspieler hatten sich dafür beworben. Die Vorgabe: Nicht unattraktiv, aber nicht attraktiv, und niedrigere Ansprüche als Josh. „Es kamen jedoch nur muskulöse Kerle“, erinnert sich Josh Thomas mit einem Augenzwinkern. Einer davon war Wade Briggs, der schließlich Joshs ersten Lover spielt.

Dabei hat Josh zu Beginn der Serie noch eine Freundin. Bei einem 19-Dollar-Eisbecher macht Claire mit ihm Schluss. Und informiert ihn darüber, dass er schwul ist. Er selbst dachte bis dato, er sei hetereo. Noch am selben Abend landet der 20-Jährige mit dem attraktiven Geoffrey (Wade Briggs), einem Kollegen von Tom, im Bett. Zum Sex kommt es nicht, denn Josh ist zu unsicher. „Ich glaube nie, dass jemand, der so gut aussieht, auf mich steht“, sagt er später. Erst später schlafen Josh und Geoffrey das erste Mal miteinander – zur laut aufgedrehten dramatischen Musik der Suite Nummer 2 aus Sergei Prokofjews Ballett „Romeo & Julia“, denn Josh hat Angst, dass seine Freunde sie hören könnten.

Der blonde Wuschelkopf hat kein ausgeprägtes Selbstbewusstsein. Er hadert mit seinem Äußeren, sein Körper ist ihm peinlich. „Ich hatte gehofft, die Pubertät würde helfen. Aber nein.“ Er sehe aus wie ein 50-jähriges Baby, sagt er von sich selbst.

Die Produktion ist sehr detailverliebt. Joshs Stil ist, wie er selbst, charmant und eigenwillig. Auch auf die soziale Realität der Figuren wird geachtet: Immer wieder tragen die Figuren dieselben Klamotten. Schließlich ist das Budget eines Twenty Somethings begrenzt, die Kleiderschränke verbergen keine unendlichen Designer-Outlets. Manchmal trägt zum Beispiel Claire einen von Joshs Pullis, dadurch wird beiläufig ihre Vertrautheit unterstrichen.

Auch die Ausstattung ist sehr liebevoll. Das Haus ist chaotisch, aber gemütlich eingerichtet. Ein studentischer Vintage-Look, überall ist persönlicher Krimskrams zu sehen. Eine Villa Kunterbunt, deren Türen Joshs Freunden jederzeit offen stehen.

Dabei war Josh Thomas anfangs von der Serienproduktion fast überfordert, hatte er doch zuvor keine Ahnung vom Filmemachen. Ihm war nicht klar, dass er sich z. B. hunderte von Statisten-Bildern ansehen würde, um die Leute, die durchs Bild gehen, auszuwählen, sagte er in einem Interview. Für eine Szene wurden ihm sieben Fotos von Macaroni-mit-Käse-Varianten – die in einer Folge eine zentrale Rolle spielen und Tom Zimmerarrest bescheren – vorgelegt. „Mir war zuvor nicht bewusst, dass das alles ausgewählt werden muss.“

Soul Food

Apropos Macaroni: Essen spielt in „Please Like Me“ eine wichtige Rolle. Kaum eine Folge, in der nicht gekocht und zusammen gegessen wird. Zwei Folgen drehen sich sogar komplett um je ein Abendessen: einmal ein Weihnachtsessen mit Joshs Freunden und der Familie, das ausartet, sowie ein Dreier-Dinner mit seinen Eltern, bei dem sie alte Zeiten Revue passieren lassen. Alle Titel der insgesamt 32 halbstündigen Folgen haben mit Essen zu tun. Von „Rhabarber und Senf“ über „French Toast“, „Parmigiana“, „Getrüffelte Macaroni mit Käse“ bis hin zu „Babaganoush“ und dem großen Finale „Souvlaki“.

Oft kocht und tanzt Josh im Vorspann zum Song “I’ll Be Fine” der jungen australischen Retro-Soulband Clairy Browne & The Bangin’ Rackettes durch die Küche, während er das jeweils titelgebende Gericht zubereitet, wie etwa portugiesische pastéis de nata. Später tanzt die Clique zum Song im Club oder Drag Queens machen Lip Sync, jedenfalls ist der Vorspann fast immer Teil der Story.

Immer wieder wird die Serie mit Lena Dunhams „Girls“ verglichen. Tatsächlich gibt es einige Parallelen: Ähnlich wie die HBO-Serie schildert „Please Like Me“ mit viel Ironie das Leben von neurotischen Millenials, die etwas planlos durch Großstädte irren. Bei beiden Serien spielt der charismatische Serienerfinder auch die Hauptrolle. Dennoch kommt „Please Like Me“ unprätentiöser daher.

Einen Kritikpunkt gibt es allerdings: Was in Teufels Namen arbeitet Josh eigentlich? Wie verdient er seinen Unterhalt? Bezahlt Daddy Alan? In der ersten Folge berichtet er, dass er Kulturwissenschaften studiert, konkret: einen Bachelor in Creative Industries. Damit wird man bestimmt auch in Australien nicht reich.

Man kann ihnen vorwerfen, narzisstisch zu sein, egozentrisch, und die Welt nur aus der Selfie-Perspektive zu betrachten. Doch die Freunde sind sehr mitfühlend und machen sich Gedanken über ihr soziales Umfeld. „Please Like Me“ gelingt eine realistische Darstellung der Sorgen und Ängste der jungen Generation.

Quarter-Life-Crisis

Existenzängste, Beziehungskrisen, Selbstzweifel: Es gibt einige quälende Momente. Der Zuschauer baut im Verlauf der vier Staffeln eine intime Bindung zu den Charakteren auf. Man fühlt mit ihnen.

Die Serie lief ab 2013 beim australischen Digital-Sender ABC2. Ursprünglich war die Ausstrahlung für den Mainstream-Kanal ABC1 geplant, der Sendeplatz wurde jedoch kurzfristig umdisponiert – angeblich, um gezielt ein jüngeres Publikum anzusprechen. Möglicherweise war der Inhalt dann aber doch zu queer.

Ab der zweiten Staffel wurde die Produktion vom inzwischen wieder eingestellten US-Kabelsender Pivot, der sich an eine jüngere Zielgruppe richtete, finanziell unterstützt. Ende 2016 liefen die sechs Folgen der vierten Staffel – die leider auch die letzte ist. Die Geschichte sei komplett und aus erzählt, verkündete Josh Thomas auf Facebook.

Was bleibt, sind die Charaktere. Die schrulligen Figuren, die laut Titel nur gemocht werden wollen, wachsen dem Zuschauer tatsächlich schnell ans Herz. Hierzulande hat die australische Produktion nie die verdiente Aufmerksamkeit erhalten wie etwa Lena Dunhams Serie.

„Please Like Me“ ist eine unkonventionelle Coming-of-Age-Geschichte mit beiläufigem Coming Out, basierend auf umwerfend komischen Figuren, die man vermisst. Und trotz des tragischen Endes: They’ll be fine.

„Please Like Me“ ist auf Netflix verfügbar.

Fotos: ABC