Auch wenn wir in erster Linie über Musik berichten, kommen uns regelmäßig sehenswerte Serien oder Filme dazwischen. Zum Glück! So haben wir auch schon die nächste cineastische Empfehlung. Wind River ist Teil Drei in Taylor Sheridans Frontier-Trilogy und ein so athmosphärischer wie brutaler Thriller. Die gute Musik liefert er dabei gleich mit, denn für den Soundtrack sind Nick Cave und Warren Ellis verantwortlich.

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Wyoming, Wind River Indianer-Reservat. Eine junge Frau liegt tot im Schnee. Barfuss. Sie muss vor etwas Schrecklichem geflohen sein, hier mitten im Nirgendwo.
Cory Lambert (Jeremy Renner), Jäger und Fährtenleser beim United States Fish and Wildlife Service findet das Opfer, das er aufgrund einer Tragödie in seiner eigenen Familie kennt. Das FBI schickt die recht unerfahrene, dafür umso ambitioniertere Agentin Jane Banner (Elizabeth Olsen) um die Lage in Augenschein zu nehmen. Ein erster Hinweis darauf, welche Bedeutung die US-Behörden Verbrechen in ebendiesem Umfeld anscheinend beimessen. Gemeinsam mit der lokalen Polizei (Graham Greene) macht man sich daran, das Geschehene zu rekonstruieren und findet bald eine weitere Leiche.

Was die Ermittlungen zu Tage fördern, ahnt man als Zuschauer schon früh, das macht es aber nicht weniger schockierend. Ein infrastrukturelles und kulturelles Spannungsfeld, das längst außer Kontrolle geraten ist. Es geht um Heimat und Entwurzelung, Stolz und Verzweiflung, Trauer und Vergeltung. Das Ergebnis ist ein so brutaler wie fesselnder Neo-Western, der den Finger tief in eine dieser klaffenden Wunden des Landes legt, die nicht heilen können, wenn sie niemand versorgt. Die Geschichte schnürt einem langsam aber sehr sorgfältig die Kehle zu und irgendwann spürt man die Kälte förmlich am eigenen Leib. So großartig Kameramann Ben Richardson (u.a. Beasts of the Sourthern Wild) die rauhe Wildnis einfängt, so beklemmend wirken irgendwann die endlos eingeschneiten Weiten. Wunderschön und grausam zugleich. Wie die Menschen in ihr.
Drehbuchautor Taylor Sheridan ist versiert darin Geschichten zu erzählen, die sich weigern klar nach Gut und Böse zu trennen, auch bei seinen Protagonisten. Das gelingt ihm in Wind River einmal mehr, auch Dank eines durchweg hervorragend spielenden Casts.

Man muss den Film dazu auch in einem besonderen Kontext sehen. Es ist der dritte Teil in Sheridans Frontier Trilogy, in der er sich mit den neuen Grenzen im modernen Amerika auseinandersetzt. In Sicario (2015) ging es um den Kampf der US-Regierung gegen Drogenkartelle an der mexikanischen Grenze, in Hell Or High Water (2017) zwingt der gescheiterte amerikanische Traum zwei Brüder in West Texas in die Kriminalität und in Wind River beschäftigt er sich nun mit einem weiteren Grenzgebiet und den darin schwelenden bzw. eskalierenden Konflikten.
Völlig unterschiedliche Settings und dabei eine thematische Konstante. Meisterlich erzählt Sheridan von Brennpunkten in einem zerissenen Land. Einem Land, das zwischen seinen zwei Küsten neben soviel Schönheit, auch so viele Menschen, Facetten und Probleme beheimatet, dass er die Filmreihe wohl endlos weiterschreiben könnte.
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Bei seinem letzten Teil hat er nun erstmals auch selbst Regie geführt, aus Angst, es könnte nicht der Film werden, den er beim Schreiben vor Augen hatte. Es war ihm ein dringendes, persönliches Anliegen ein Bewusstsein zu schaffen für die unzähligen Fälle von Gewalt gegen Frauen in Indianer-Reservaten, die so allgegenwärtig ist und dabei so wenig präsent. Eine beeindruckende Leistung, nicht nur als Debüt.

Die Musik beeindruckt nicht weniger und kommt dabei aus Australien. Nick Cave und sein musikalischer Soulmate Warren Ellis sind in Sachen Soundtracks längst keine Newcomer mehr (u.a. The Assasination of Jesse James, War Machine oder die neue Netflix Doku MARS) und haben dazu auch schon den Score zum Vorgänger Hell Or Highwater geliefert.

In Wind River nun geben sie dem schleichenden Gräuel ein feines Klanggewand. Ein sanftes Grollen, leise klagen die Streicher, wehmütig heult es im Hintergrund und dazwischen Nick Caves Stimme, fast zum Flüstern erstarrt, wie ein gespenstisches Gedicht. Absolut großartig fangen sie die Stimmungen ein, die rauhe Natur, die Schönheit und die Gefahr, die gebrochenen Menschen und den unbeugsamen Willen.
Song Nummer drei dürfte Cave-Fans vielleicht aus ihrem Live-Jahr 2017 bekannt vorkommen. Nick Cave hat ihn letztes Jahr als Intro für seine Konzerte mit The Bad Seeds verwendet. An der Stelle sei es der Vollständigkeit halber gesagt, dieser Auftritt war konkurrenzlos das Beste, das München 2017 zu bieten hatte. (Trotz Ryan Adams! Der heftet ihm auf Platz 2 aber sehr dicht an den Fersen).

Nichts für das Gute-Laune-Sonntags-Frühstück aber als angenehm schwermütige Untermalung eines dunklen Februar-Abends mit noch dunklerem Rotwein ist dieser Soundtrack eine echte Empfehlung.

Fazit: Dieser Film ist absolut sehenswert und Taylor Sheridan macht sich damit endgültig auf zu einem der interessantesten und relevantesten Geschichtenerzähler des modernen, amerikanischen Autorenkinos zu werden.

Wind River läuft seit 8. Februar in den deutschen Kinos.

Fotos: Wildbunch / Central