„Black Panther“ ist nicht der übliche Action-Blockbuster, prall gefüllt mit Klischees. Stattdessen gibt es eine politische Message, die in Zeiten von „Black Lives Matter“ mitten ins Schwarze trifft. Dazu gibt’s Bösewichte und Bölleralarm à la Bond. Doch es ist vor allem die Utopie von Afrika, die überzeugt.

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Im Film „Black Panther“ ist alles ein bisschen anders. Regisseur Ryan Coogler zeichnet ein alternatives Bild von Afrika, weit entfernt von Trumps „Drecksloch“. Raumschiffe in Form von afrikanischen Masken schweben über wilde, unberührte Landschaften.

Ein kleines, selbstbewusstes Land im Herzen des Kontinents, das von der Kolonialisierung des Westens verschont blieb. Während der Rest der Welt denkt, Wakanda sei ein Drittweltland – „coole Outfits, Schafe, bunte Farben“ – verfügt das fiktive afrikanische Land über einen unschätzbaren Rohstoffreichtum – ohne dabei vom Westen ausgebeutet zu werden.

Der Schatz, das Metall Vibranium, wird von dem isolierten, aber technisch weit fortgeschrittenen afrikanischen Staat gut gehütet. Schließlich sollen keine unnötigen Begehrlichkeiten geweckt, Wakanda nicht in Konflikte verwickelt werden. Aus dem Supermetall lassen sich nicht nur fancy High-Tech-Gadgets und gesundheitsfördernde Technologien, sondern auch alles vernichtende Waffen entwickeln.

X vs. King

Black PantherT’Challa alias Black Panther (Chadwick Boseman) kehrt nach dem Tod seines Vaters als Thronfolger in seine Heimat Wakanda zurück. Doch sein Rivale Erik Killmonger (Michael B. Jordan) macht ihm die Regentschaft streitig. Soweit der zentrale Plot.

Doch „Black Panther“ ist mehr als eine simple Superheldenstory von Gut gegen Böse. Dahinter steckt eine brisante politische Botschaft – die leider erst im zweiten Teil des zweistündigen Films deutlich ausgearbeitet wird.

Während T’Challa das Vibranium schützen und die Geheimwaffe nicht gegen andere einsetzen will, nicht mal, um soziale Ungerechtigkeit zu bekämpfen, ruft der radikalisierte Killmonger zum bewaffneten Widerstand auf. Martin Luther King gegen Malcolm X: Ziviler Ungehorsam oder Black Power? Friedlicher oder bewaffneter Widerstand?

Der Film greift eine wichtige Frage auf: Was, wenn die Bewohner der Sozialbausiedlungen in den USA oder der Favelas Brasiliens plötzlich mit ultimativen Waffen ausgestattet werden? Was, wenn die Unterdrückten sich erheben, die Eroberten zu Eroberern werden und die Machtverhältnisse sich drehen?

Eine Antwort auf diese neue Weltordnung gibt der Film nicht. Aber er regt zum Nachdenken an, hinterfragt die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse.

Starke Frauen

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Gleichzeitig ist „Black Panther“ ein Manifest für Female Power. Hinter T’Challa stehen starke Frauen. So stehen ihm seine Mutter (Angela Bassett) und Spionin und Exfreundin Nakia (Lupita Nyong’o) zur Seite. Die Dora Milaje, die Leibwächterinnen des Königs von Wakanda, sind keine billigen Chicks, sondern elegante Kriegerinnen – wie Grace Jones mit Speer. Starke, stolze Frauen.

Eine der sympathischsten weiblichen Figuren ist allerdings Prinzessin Shuri. Die kleine kesse Schwester von Black Panther – gespielt  vom britischen Nachwuchstalent Letitia Wright – entwickelt in ihrem Laboratorium allerlei technischen Schnickschnack und versorgt ihren Bruder mit nützlichen Gadgets. Wie z. B. leisen High-Tech-Turnschuhen („Ich nenne sie Sneaker!“) oder dem Panther-Anzug mit der prägnanten Krallenkette, der Energie absorbiert und weiterleitet. Shuri ist eine Art Q.

Natürlich gibt es in „Black Panther“ auch Bond-esque Bösewichte (wie den etwas zu offensichtlich böse geratenen Schurken Ulysses Klaue, gespielt von Andy Serkis), Verfolgungsjagden und Showdowns. Plus den ein oder anderen flachen Dialog. Doch es ist vor allem die Utopie von Afrika, die überzeugt.

Dabei gibt es durchaus reale Bezüge. Das Wakanda-Volk spricht die Sprache der Xhosa in Südafrika, dem Stamm Nelson Mandelas. Nakia, die ihrem Ex und König zur Seite steht, setzt sich für versklavte Frauen in Nigeria ein. Das wertvolle Vibranium kann durchaus als Analogie für den Koltan-Abbau im Kongo verstanden werden – nur, dass Wakanda autark ist und nicht vom Westen ausgebeutet wird.

Das fiktive Land wurde nie von fremden Mächten erobert. Es gab keine Kolonialisierung, kein historisches Trauma. Dementsprechend selbstbewusst sind die Menschen in Wakanda. Szenenbildnerin Hannah Beachler – zuletzt federführend bei „Moonlight“ und Beyoncés Visual-Album „Lemonade“ – schuf eine bildstarke Welt, in der Afropunks in modernen Sneakern über einen altmodischen Markt schlendern.

Zukunftsvisionen

Technologie, Mystik und Natur. Science Fiction trifft auf traditionelle Rituale, ein zentraler Aspekt von Afrofuturismus. Wilde Wasserfälle und üppige Landschaften in Kontrast mit futuristischen Städten. Die Erhabenheit Afrikas wird unterstrichen.

Bei der Ausstattung ließ sich Kostümdesignerin Ruth E. Carter von afrikanischen Kulturen und Stämmen inspirieren, von den Maasai über Tuareg bis zu den Zulu. Fantasievoll, unterhaltsam und authentisch zugleich.

BLACK-PANTHER_Bild58Es ist der erste Marvel-Film mit einem fast ausschließlich schwarzen Cast. Darunter finden sich einige bekannte Namen wie Forest Whitaker, Angela Bassett und Shootingstar Lupita Nyong’o. Ebenfalls dabei sind Daniel Kaluuya („Get Out“) und Danai Gurira, bekannt aus „The Walking Dead“, die als Dora-Milaje-Anführerin Okoye ihr Schwert gegen einen Speer getauscht hat. Die wenigen weißen Figuren werden vom „Herr der Ringe“-Gespann Martin Freeman und Andy Serkis verkörpert.

Nicht nur vor, sondern auch hinter der Kamera sind die Schlüsselpositionen von schwarzen Filmemachern besetzt. (Lediglich die Kamera vertraute Regisseur Ryan Coogler seiner langjährigen Kollaborationspartnerin Rachel Morrison an.) Es ist also kein Film des Hollywood-Establishments, das seine Vorstellungen und entsprechende Vorurteile für ein weißes Mainstream-Publikum aufbereitete. Kein whitewashing. Es geht darum, was es heißt, in der heutigen Gesellschaft schwarz zu sein – in Amerika und in Afrika und überall auf der Welt.

Fast ein halbes Jahrhundert nach dem Debüt des Marvel-Comichelden von Stan Lee wird „Black Panther“ auf der großen Leinwand zum Leben erweckt. Der gerade mal 31-jährige Regisseur Ryan Coogler verpasst dem unterhaltsamen Actiongenre eine aktuelle politische Message. Zuvor machte er in seinem Rocky-Film „Creed“ (2015) – in der Hauptrolle: Michael B. Jordan – aus einer popkulturellen Ikone einen afroamerikanischen Titelhelden.

Bereits 1992 wollte Wesley Snipes den Comic aus dem Jahr 1966 verfilmen. Als Regisseur war damals John Singleton („Boyz N The Hood“) im Gespräch. Doch aus den Plänen wurde nichts. Damals erholte sich Los Angeles gerade von den blutigen Aufständen, die ausgebrochen waren, nachdem weiße Polizisten, die Rodney King im Rahmen einer Kontrolle getötet hatten, von einer Jury freigesprochen wurden. Rassistische Polizeigewalt ist präsenter als jemals zuvor – „Black Panther“ prangert diese gesellschaftlichen Missstände an.

Kurator Kendrick

Passend zur politischen Message von „Black Panther“ wurde die Musik von Kendrick Lamar zusammengestellt. Er sei perfekt, weil „seine Inhalte genau diejenigen Themen widerspiegeln, die wir auch im Film adressieren“, so der Regisseur.

Der Rapper ließ sich vom Film inspirieren, nahm exklusives Material auf und kuratierte. Das Resultat ist kein klassischer Soundtrack, sondern ein vom Film inspiriertes Compilation-Album. Die 14 Tracks entstanden zusammen mit Labelboss Anthony „Top Dawg“ Tiffith.

black_panther_coverFür den Rap-Superstar, der für sein letztes Album „Damn.“ vor wenigen Wochen mit fünf Grammys ausgezeichnet wurde,  ist „Black Panther“ „ein großartiger kultureller und künstlerischer Brückenschlag“. Und so scharte er eine illustre Gästeschar um sich. So sind Rap-Kollegen wie Future, Schoolboy Q, 2 Chainz und Vince Staples, Tausendsassa Anderson .Paak, Sängerin SZA, die frisch gebackene Brit-Awards-Gewinnerin Jorja Smith sowie James Blake und The Weeknd mit von der Partie.

Die Filmmusik stammt indes von Ludwig Göransson. Der schwedische Komponist und Produzent, der u. a. an Haims Debüt-EP „Forever“ arbeitete, war bereits an anderen Produktionen von Coogler beteiligt. Für den Score von „Black Panther“ reiste er mit dem Musiker Baaba Maal durch den Senegal und recherchierte in einem Museum in Südafrika über historische afrikanische Musiktraditionen, die er wiederum in seine Kompositionen einfließen ließ. Diese entstanden in den Studio Abbey Road Studios mit einem 132-köpfigen Orchester inklusive eines Chors, der auf Xhosa sang.

Auf Rekordkurs

„Black Panther: The Album“ stieg direkt auf Platz eins der US-Charts ein. Auch im deutschsprachigen Raum reichte es für die Top 20.

Der Film bricht weltweit Rekorde. Allein in den USA spielte das Action-Spektakel in nur drei Tagen 192 Millionen US-Dollar ein. Damit gelingt „Black Panther“ der stärkste Start eines neuen Superheldenfilms aller Zeiten und der fünftbeste Start in der Geschichte des US-Kinos. Bis dato ist der Blockbuster der erfolgreichste Film 2018.

Das zeigt: Geschichten aus afroamerikanischer Perspektive mit schwarzen Helden ohne die üblichen Stereotypen sprechen ein breites Publikum an.

Nichtsdestotrotz ist „Black Panther“ in erster Linie natürlich ein Actionfilm. Einen Oscar fürs beste Drehbuch wird die Produktion also sicherlich nicht gewinnen. Vor allem der etwas langatmige erste Teil verliert sich zu sehr in Details.

Aber der Film hat eine wichtige Botschaft – die manchen Zuschauer sogar zum Handeln animiert hat: Unter dem Hashtag Black Panther Challenge wird über die Crowdfunding-Plattform GoFundMe Geld gesammelt, um Kindern aus weniger privilegierten black communities den Kinoeintritt zu ermöglichen – und positive starke schwarze Superhelden auf der großen Leinwand zu sehen.

„Black Panther“ ist in Zeiten von Black Lives Matter ein popkulturelles Ausrufezeichen.

Fotos: Matt Kennedy©Marvel Studios 2018