„Normaler“ wollten sie werden. Lineare Strukturen, Beats und Refrains. Ist nicht gelungen. Und das ist gut so. Auf ihrem dritten Album „Cocoa Sugar“ liefern die Young Fathers wieder ihren eigenwilligen Avantgarde-Pop, eine krude Mischung zwischen Hip-Hop, Rock und Gospel.

YOUNG_FATHERS_2018_credit_Julia_Noni

Unheimliche Stimmen tauchen aus dem Nichts auf, darüber schweben irgendwie vertraute, liebliche Melodien herum. Spoken Word und Rap mischen sich mit Gospel-Chören. Sperrige Beats, zerfetzte Soundcollagen. Eine diskordante Disco, die sich in keine Genre-Box pressen lässt. Unvorhersehbar.

„Wenn wir versuchen, uns in eine Schublade zu stecken, kommen überall Stacheln heraus“, bringen es die Young Fathers in einem Interview auf den Punkt. Ihre Eigenwilligkeit hat sich bislang ausgezahlt. Mit ihren kruden, poppigen Hip-Hop-Electronica-Afrobeat-Hybriden gewannen Alloysious „Ally“ Massaquoi, „G“ Hastings und Kayus Bankole vor vier Jahren überraschend den Mercury Music Prize. Das zuvor unbekannte Trio aus Schottland setzte sich mit seinem Debütalbum „Dead“ u. a. gegen Damon Albarn, Royal Blood und Jungle durch.

Die drei Musiker mit liberianischen, nigerianischen respektive schottischen Wurzeln lernten sich im Alter von 14 Jahren bei einer U16-Hip-Hop-Nacht im Bongo Club in Edinburgh kennen.  2008 gründeten sie die Young Fathers – alle drei Mitglieder wurden nach ihren Vätern benannt, deshalb der Bandname. Nach zwei EPs, schlicht „Tape One“ (2011) und „Tape Two“ (2013) betitelt, veröffentlichten sie Anfang 2014 ihr Debütalbum „Dead“, nur ein Jahr später erschien „White Men Are Black Men Too“.

Der Hype bescherte der Band auch prominente Fans: 2016 nahmen Massive Attack mit den Young Fathers den Track „Voodoo In My Blood“ auf. Darauf begleiteten die Newcomer die Trip-Hop-Pioniere auf deren Europa-Tournee. Und für den zweiten Teil von „Trainspotting“ verpflichtete Danny Boyle die Band, die sechs Songs beisteuerte. „Only God Knows“ ist laut Regisseur der Herzschlag des Films. Ein peitschendes Punksong.

Bittersweet Symphony

Danach ging es zurück ins Kellerstudio, wo im Lauf des letzten Jahres das neue Material entstand. Der Albumtitel „Cocoa Sugar“ ist eine Anspielung auf den bittersüßen Geschmack des Lebens. Doch anders als Beyoncé, die aus Zitronen Limonade macht, quetschen die Young Fathers die Zitronen einfach nur aus. Reduziert und roh. Sie beschreiben ein düsteres Gesellschaftsbild, ganz ohne Schnickschnack und  Zuckerguss.

What a time to be alive„, stellen die drei 30-Jährigen im Song „Wow“ sarkastisch fest. Zu einem hypnotisch pulsierenden Elektro-Beat kritisieren sie den heutigen radikalen Individualismus. „Zurzeit interessiert sich ja jeder nur für sich selbst“, finden sie. Selfie-Sicht, Eigenoptimierung, das eigene Ego zuerst, jetzt und um jeden Preis. Feel-Good-Laune immer und überall. „Wow! I’mma put myself first. Wow! Everything is so amazing.“

Border Girl“ ist ein lässig groovender Hip-Hop-Track mit einem Synthie-Stakkato, dazu gesellt sich ein Gospelchor. Wire“ ist ein kurzer hysterischer Elektro-Track, gefolgt von der dritten Single-Auskopplung „Toy„, die auf einem hibbeligen Tetris-Takt aufbaut.

Holy Ghost“ – neben „Lord“ eine der eindeutigen religiösen Anspielungen – wechselt zwischen wütendem Rap und zartem Refrain. Und „In My View“ ist ein experimenteller Popsong mit einer unverschämt eingängigen Hookline.

Die Lyrics sind wie immer vieldeutig. Beim Songwriting schreiben die drei Kreativköpfe spontan drauf los, ohne groß nachzudenken, sie arbeiten mit Assoziationen, lassen ihren Ideen freien Lauf. Ähnlich wie Jean-Michel Basquiat. Der afroamerikanische US-Künstler ist laut Aussage der Band eine der wenigen Personen, die ihrer Kunst nahe kommt. Er hat seine Werke ebenfalls oft im Moment und nach dem DIY-Prinzip kreiert. 

„Ich finde es wichtig, die Songs mit verschiedenen Bedeutungsebenen anzureichern“, betont Massaquoi. „Sie verleihen einem Lied mehr Substanz. Es wirkt dann authentischer.“ Dabei nehmen die Young Fathers unterschiedliche Perspektiven ein, um eben nicht ausschließlich aus der eigenen Sicht zu erzählen. Mehrere Charaktere fließen in eine Geschichte. 

In ihren Texten bleiben die Young Fathers oft vage. Sie knallen uns kryptische Wortfetzen vor den Latz und lassen so Raum für Interpretationen. Im realen Leben finden sie dagegen oft recht eindeutige Worte. Letztes Jahr sorgten sie mit ihrem Boykott des Berliner Festivals für einen kleinen Aufschrei. Damit folgte die Band einem Aufruf der BSD-Bewegung – kurz für „Boycott, Sanctions, Divestment“, einer Gruppierung, die zum wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Boykott Israels aufruft. Die israelische Botschaft hatte die Reisekosten einer Künstlerin, die beim Festival auftrat, finanziell mitgetragen. Daraufhin sagten die Young Fathers neben anderen Acts ihre Teilnahme ab.

Ein deutliches politisches Statement, das auf Kritik stieß. „Wir sind keine Antisemiten. Mit unserer Konzertabsage und der Unterstützung des Boykotts wollten wir zeigen, dass wir der Regierung kritisch gegenüberstehen“, so die Band in einem Interview. „Es ist uns aber wichtig zu sagen, dass sich diese Kritik nicht gegen eine Religion oder gegen die Bevölkerung dort richtet.“

Die Young Fathers sind poetisch und politisch, der Sound brutal brachial, manchmal fast bedrohlich. Nur zugänglich oder „normal“ sind sie garantiert nicht.

Young Fathers – Live 2018:
09.04. Columbia Theater, Berlin
17.06. Maifeld Derby Festival, Mannheim
29.06. Citadel Music Festival, Berlin (Support von Massive Attack)

„Cocoa Sugar“ erscheint am 9. März via Ninja Tune/Rough Trade.

Fotos: JUNN, Julia Noni