Eine der bedeutendsten Serien des vergangenen Jahres geht in Kürze in Fortsetzung. Zeit noch einmal zurückzuschauen auf die hervorragende erste Staffel und ihre vielen musikalischen Glanzmomente. Willkommen zu einer neuen Ausgabe von „The Sound of…“ – diesmal mit der preisgekrönten Hulu-Produktion „The Handmaid’s Tale“.

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Im letzten Jahr u.a. mit acht Emmys und zwei Golden Globes ausgezeichnet, mit Kritiker- und Zuschauerlob überschüttet war der Zehnteiler, der vom US-Streamingdienst Hulu produziert wurde, zeitweise die wohl am verzweifeltsten gesuchte Serie in Deutschland.
Rezensionen, Interpretationen und dergleichen gibt es inzwischen zu Hauf, dazu weiß heute wohl jeder halbwegs popkulturell interessierte Mensch, worum es in der Serie geht, aber ein kurzer Auffrischer schadet ja nicht.

Rückblick auf Staffel 1

Die Story beruht auf dem gleichnamigen Erfolgsroman der kanadischen Autorin Margaret Atwood (deutscher Titel: „Der Report der Magd“), der sich, 1984 veröffentlicht, wohl seit Beginn der Ära Trump, spätestens aber seit US-Serienstart im April 2017 wieder großer Nachfrage erfreut.
Nach einer nicht näher definierten globalen Atomkatastrophe, die die Natur zerstört und die Menschheit weitestgehend unfruchtbar zurücklässt, formieren sich weltweit Diktaturen. In den USA u.a. der totalitäre, christlich-fundamentalistische Staat Gilead. Ein Schreckensregime, in dem Menschen versklavt, Frauen entmündigt und die wenigen noch zeugungsfähigen unter ihnen ranghohen Regierungsmitgliedern als Gebärmaschinen zugeteilt werden. Wer nicht spurt, fristet sein recht endliches Dasein in Strafkolonien.

Wir begleiten Handmaid Offred, ehemals June (fantastisch gespielt von der führenden Fachfrau für feministische Superrollen, Elisabeth Moss), und weitere Leidensgenossinnen (u.a. Gilmore Girl Alexis Bledel und Orange Is The New Black’s Samira Wiley) durch den Realität gewordenen Albtraum. Ihres Namens und ihrer Familien beraubt, durchleben sie ein tägliches Martyrium aus Gewalt, Demütigung, Hass und Hoffnungslosigkeit. Doch es ist so eine Sache mit dem Überlebensinstinkt. Zwischen täglichen Besorgungsgängen in bizarrem Ornat und den monatlichen, rituellen Vergewaltigungen formiert sich Widerstand. Erst subtil, zum Ende der Staffel durchaus offensiv wird der Aufstand geprobt. Der Rahmen für die zweite Staffel ist aufgespannt und wir können es kaum erwarten!

handmaids tale, elisabeth mossDie Tatsache, dass diese Dystopie augenscheinlich in der unmittelbaren Zukunft angesiedelt ist, macht das Ganze noch unbequemer. Weder fliegende Panzer noch die Revolution der Maschinen schaffen Distanz – das hier ist keine Science Fiction á la Bladerunner. Die Rückblenden, in denen erzählt wird, wie es zum Äußersten kommen konnte, spielen quasi in unserem Hier und Jetzt. Der Prozess war ein schleichender, die Tragweite wurde den Meisten erst bewusst, als es schon viel zu spät war. „I was asleep before. We let it happen. When they slaughtered congress, we didn’t wake up. When they blamed terrorists and suspended the constitution, we didn’t wake up then either. Now I’m awake.“ sinniert Offred im Trailer zu Staffel 1. Gepaart mit der aktuellen politischen Situation und besorgniserregenden, organisierten rechten Bewegungen hierzulande, bekommt das Thema ein besonderes Moment, eine beunruhigende Brisanz. Zuschauer in den USA, Frankreich oder Italien werden da Ähnliches verspüren…

Unweigerlich muss man bei all dem auch an ein Zitat von Erich Kästner denken: „Die Ereignisse von 1933 bis 1945 hätten spätestens 1928 bekämpft werden müssen. Später war es zu spät. Man darf nicht warten, bis der Freiheitskampf Landesverrat genannt wird. Man darf nicht warten, bis aus dem Schneeball eine Lawine geworden ist. Die Lawine hält keiner mehr auf.“

Trotz Fiktion und notwendiger dramatischer Überhöhung stimmt all das also nachdenklich und schärft die Sinne. Gut so, denn erhöhte Wachsamkeit schadet aktuell überhaupt nicht!

Die Musik

handmaids tale, elisabeth moss, ofredNeben dem großartigen Cast und der herausragenden Kameraarbeit fällt vor allem auch der Soundtrack auf. Während der Original Score von Adam Taylor stammt, der bisher eher Kurzfilme und Dokus musikalisch ausgestattet hat, bedient sich der Soundtrack einer spannenden Mischung aus Oldies und zeitgenössischer Popmusik. Die Stücke sind sehr sorgfältig ausgewählt, sowohl was Stil, Stimmung als auch ganz oft die Texte angeht. Sei es Lesley Gore’s trotziges „You don’t own me“ im Abspann der ersten Folge oder Tom Petty’s „American Girl“ in der letzten, die Breakfast Club-Hymne „Don’t You Forget About Me“ von den Simple Minds oder der Cigarettes After Sex Hit „Nothing’s Gonna Hurt you Baby“. Dazwischen gibt es Good Vibes von Bob Marley, Psychedelik von Jefferson Airplane und sogar Kylie Minougue. Auch der kürzlich verstorbene isländische Komponist und Musiker Jóhann Jóhannsson ist mit einem Stück vertreten, ebenso seine Landsfrau und Kollaborationspartnerin, die Cellistin Hildur Gudnadottir. Dazu kommen passenderweise eine ganze Reihe Musikerinnen, denen man durchaus das Label unangepasst anheften darf – Nina Simone, Peaches, The Knife…
Gerade auch der oft so harte Kontrast zwischen zeitgenössischen Songs und der altertümlichen Ausstattung sowie Garderobe und der mitunter antiquiert wirkenden Sprache – als Spiegel der neuen, zutiefst reaktionären Wertewelt – ist extrem spannend.

Mein persönlicher musikalischer Moment in Staffel Eins kommt in Form eines Remixes von Blondies Evergreen „Heart of Glass“. Verschmolzen mit Philip Glass’s Violin Concerto entwickelt Debbie Harry’s Gesang eine atemberaubende, fast magische Qualität. Atemberaubend ist auch die dazugehörige Szene, als June und ihre Freundin Moira in einer der Rückblenden, Prä-Gilead, ins Kreuzfeuer einer aus dem Ruder gelaufenen Demo geraten. Dieser Mash-Up ist so schön wie unerwartet und ein besonders gelungenes Beispiel dafür, wie es die Serie schafft, die starke Handlung mit passgenauen Songs noch weiter zu verdichten.

Ausblick auf Staffel 2

Am 25. April startet also Staffel 2 in den USA und der Rest der Welt wird sich einmal mehr auf die Jagd begeben müssen nach einer Möglichkeit, dieses großartige Stück TV-Geschichte weiterzuverfolgen.

13 Folgen sollen es diesmal werden, dazu gibt es interessante Neuzugänge beim Cast. Clea DuVall (Veep, Argo), Marisa Tomei (The Wrestler, Spiderman: Homecoming), Bradley Whitford (The West Wing, Get Out) und Cherry Jones, (24, Transparent) wurden bereits offiziell bestätigt.

Bereits im Januar erschien ein First Look Trailer. Wenn es in Staffel 1 schon düster aussah, dann wird es hier nicht besser. Zu einem gespenstisch reduzierten Buffalo Springfield Cover von Malia J. geht der Kampf in die nächste Runde. Allein mit dem Songtext ist eigentlich alles gesagt: „It’s time we stop. Children, what’s that sound? Everybody look – what’s going down!“

Ende vergangener Woche nun kam ein neuer Teaser dazu. Darin betet Offred den Verhaltenscodex der Handmaids herunter, um am Ende eine überfällige Feststellung zu machen:

„Wear the red dress. Wear the wings. Shut your mouth. Be a good girl. Roll over and spread your legs. Yes Ma’am. May the lord open … What the actual f…?!“

Wer bis zur Fortsetzung nochmal tiefer eintauchen möchte, oder die erste Staffel bisher gar nicht sehen konnte, der hat ab 15. März die Gelegenheit. Da erscheint sie nämlich bei uns auf DVD/Blu-ray.

Wir wünschen gute Unterhaltung und melden uns dann zu gegebener Zeit mit einer Fortsetzung in Sachen Soundtrack!

 

Fotos: PR