Von der NASA bis Netflix, der Weltraum ist der neue Place to Be. Aber woher diese Faszination und warum gerade jetzt wieder mehr denn je? Wo kommt man den unendlichen Weiten als Mensch ohne Physikdiplom dafür mit zahlreichen Zahnfüllungen am Nächsten und wie viele Österreicher waren eigentlich schon im All? Drängende Fragen tun sich auf. Was drei Salzburger Mitdreissiger damit zu tun haben und warum sie eine nicht unentscheidende Rolle bei der Beantwortung spielen, damit wollen wir uns hier beschäftigen.

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Im Juni schießen sie den neuen deutschen Spaceman Alexander Gerst wieder in den Orbit, was eine nicht uninteressante Frage aufwirft: Wie viele Österreicher waren eigentlich schon im All? Offiziell ein einziger – und wehe irgendwer denkt hierbei an den Möchtegern Ironman Baumgartner – nämlich der Wiener Franz Arthur Viehböck. Im Rahmen der Mission Austromir (!) besuchte er Anfang der 90er für einige Tage die russische Raumstation. Auch wenn unser tollkühner Elektrotechniker und Austronaut bisher als einziger eine startende Rakete von innen gesehen hat, so hat er doch würdige Nachfolger in der Musik gefunden. Die Steaming Satellites aus Salzburg haben es sich seit nunmehr 13 Jahren zur Aufgabe gemacht, uns mitzunehmen auf ihre Reise durch Raum und Zeit, durch Funk und Soul und Rock’n’Roll. Ihre Mission: Exploring Space since 2005. (Ich warte auf das Patch für meine Jeansjacke!)

DRUCK_LP_13Gut zwei Jahre nach ihrem letzten, selbstbetitelten Album haben sie nun seit knapp zwei Wochen Longplayer Nummer Vier draußen, und der könnte kaum passender betitelt sein. „Back From Space“ ist ein spannender Trip durch ihrerseits bisher eher unerschlossene Welten geworden. Und genau das macht es so lohnend. Vergleichsweise ungewohnt klingen die meisten Tracks beim initialen Hören und doch zugleich unglaublich stimmig, so dass mit jedem Durchlauf klarer wird, das hier ist Maßarbeit. Schicht um Schicht kann man tiefer in diese teils fulminant aufgeschichteten Songs eintauchen, bis man stets auf einen vertrauten, soliden Kern stösst, um den sie alle rotieren. Hier wissen drei hervorragende Musiker genau was sie wollen. Und das entscheidende Wörtchen hierbei ist „sie“. Max Borchardt, Emanuel Krimplstätter und Matthäus Weber haben sich frei gemacht von Erwartungshaltungen, sind hier und da weiter vom Kurs und wahrscheinlich auch aus der persönlichen Komfortzone abgebogen als bisher und haben dabei hörbar den Zauber der Anfänge wiederentdeckt.

Die Ouvertüre zum neuesten Spaceabenteuer der zuletzt zum Trio verdichteten (aber live als Fünferformation aufspielenden) Band zeichnet die Route vor: „I’m a little bit undecided and I don’t know where to go“, sprachen sie und entschieden sich kurzum für alle Richtungen. Von hier an ist die einzige Regel „Let it all flow“!
Beim Titeltrack trippeln auf Zehenspitzen erst Keyboard und Drums daher, bandeln aber schnell recht ungeniert mit den Synthies an bevor Bass und Gitarren den nötigen Schub in Richtung Tanzfläche geben. Es flimmert, es funkt, es groovt und es zuckt und ehe man sich versieht ist der Song dank seiner feinen aber fetzigen Melodie auch schon auf und davon. „Back From Space“ ist ein federleichter Trip in den Indie-Pop Kosmos und das ist nur eine von so vielen Facetten, die hier auf den 10 Tracks ausgespielt werden.

Da sind Songs wie Lavalampen, bei denen die Töne dick und ölig aus den Boxen tropfen („Tiny Monster“), solche, die von Discokugelglitzern auf Stroboflackern anwachsen und wieder andere, die sich luftig auftürmen wie perfekt flauschige Zuckerwatte. Mal büchst die Gitarre aus, mal wird es hemmungslos poppig, dann wieder blitzt die gute alte Psychedelik auf. Da ist dieser Song, so saftig-süß wie ein Kirsch-Fritt-Streifen („To Make It Through“), daneben das wuchtig-rockige Sound-Schlachtschiff („Call Me Whatever“), von einem Synthie-Gewitter durchzuckt, bei dem man nur noch drauf wartet, dass die Guardians Of The Galaxy zum letzten Gefecht um die Ecke biegen. „Major Crime“ groovt wirklich unerhört gut und spätestens beim abgespaceten Interlude („Silver Linings“) erkennt man auch den inhaltlichen roten Faden dieser neuesten Expedition. Die dunklen Tage sind vorbei! Und am Ende ist da noch diese Ballade. Wenn beim letzten Album zu „Honey“ die Sonne aufging, ist es bei „Back To the Roots“ der kühl glitzernde Sternenhimmel. Es ist nicht leicht eine formvollendete, nicht verkitschte, kraftvolle wie berührende Ballade hinzubekommen, eine wahre Hymne, die sich im perfekten Gleichgewicht zwischen Schwerkraft und Schwerelosigkeit einpendelt. Sucht nicht weiter, „Back To The Roots“ ist genau dieser Song.

Die neue österreichische Welle klingt aktuell typischerweise nach arty-avantgardistischem Augenzwinkern (Bilderbuch) oder leicht abgefuckter Volksmusik 2.0 (Wanda), nach purem Oarschlecken-Optimismus (Granada) oder latent versoffenem Fatalismus mit Hans Moser-Schmäh (Voodoo Jürgens).
Steaming Satellites klingen wie nichts von alledem und dazu nichtmal merklich nach Österreich. Das ist jetzt weder gut noch schlecht, das ist einfach Tatsache. Ja, sie singen auf englisch aber auch abgesehen davon klingt das gleichzeitig universell und dazu wie nichts, was man aus Österreich, Deutschland oder auch drumherum gerade so zu hören bekommt. Black Keys treffen auf Black Crowes, Portugal.The Man auf Captain Future und TV On The Radio auf Radio Gaga.

Der Kleber in dieser kosmischen Collage ist ein vertrauter Vibe. Während das musikalische Jahrzehnt der Steaming Satellites eigentlich die 70er sind und die gesammelte Popkultur gerade noch in den 80ies festhängt, haben die Salzburger jetzt überraschend und klammheimlich das Nebentürchen in die 90er aufgestoßen. Dass es dabei nie zu retro wird, darin sind sie inzwischen Experten. Sie haben eben schon vor Netflix gewusst, dass die Zeit nicht linear verläuft und schlüpfen in ihren Songs weiterhin trickreich durch sämtliche musikalischen Wurmlöcher, bis der Hörer nicht mehr weiß, ob hier die Vergangenheit die Zukunft beeinflusst oder anders herum.

Die Reise der Steaming Satellites geht weiter von Nostalgie nach Utopie und wieder retour, der Weg bleibt das Ziel, und am Ende sind da immer noch die Wurzeln. Nur wer sagt, dass die unbedingt in der Erde stecken müssen?
Wo wir wieder bei der Faszination für den Weltraum wären. Unsere Welt, das Leben, alles wird immer komplizierter, und auch davon handelt diese Platte. Oft hilft ein bisschen Perspektive. Kopf aus dem Sand und über die Wolken! Von weiter oben sieht doch alles schon wieder anders aus.
Wer wagt gewinnt, zumindest meistens und definitv mit dieser Platte. Eine frische, positive, mal leichte mal dichte, mal groovige mal treibende, mal rockige mal poppige knapp 40minütige Auszeit vom Hier und Jetzt, die mit jedem Song eine Menge Spaß bringt und dazu leichter zu haben ist als ein Parabelflug oder gar ein Platz in Mister Musks Space-Tourismus-Programm. Von meiner Playlist ist die Scheibe seit Wochen nicht wegzukriegen und ich bin mir sicher, unserem österreichischen Weltraum-Pionier aus den 90ern wären diese 10 Songs als Mission-Soundtrack gerade recht gekommen.

Am 3. Mai spielen die Steaming Satellites eine Show im Strom (Support kommt von The Kiez aus Hamburg). Eine absolute Live-Empfehlung und glücklicherweise gibt es sogar noch ein paar Tickets.

Weitere Termine ihrer „Back From Space“ Tour 2018:

04.05.  Dresden, Beatpol
05.05.  Leipzig, So&So
07.05.  Berlin, Lido
08.05.  Hamburg, Indra Club 64
09.05.  Köln, Luxor
10.05.  Stuttgart, Clubcann
11.05.  Karlsruhe, Substage
12.05.  Konstanz, Kula
14.05.  Regensburg, Alte Mälzerei
17.05.  CH-Basel, Sommercasino
18.05.  CH-Bern, Gaskessel
19.05.  CH-St. Gallen, Grabenhalle
22.05.  A-Wien, Arena  (Ausverkauft!)
23.05.  A-Salzburg, Rockhouse
25.05.  A-Innsbruck, Treibhaus
30.05.  A-Graz, Orpheum

„Back From Space“ von Steaming Satellites ist am 19. April 2018 bei The Instrument Village erschienen.

Bilder: Bandfotos (c) Gerald von Foris, Album Artwork (c) Simon Marchner