Pussy Riot und Vagina Monolog: Janelle Monáe findet auf ihrem dritten Album „Dirty Computer“  deutliche Wort und holt zum feministischen Faustschlag aus. Musikalisch zieht sich Prince wie ein lila Faden durch die funky Songs.

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Ok, sie ist also pansexuell. Führte Beziehungen mit Männern und Frauen. So what? Soweit keine Überraschung. Eher ein geschickter Marketing-Schachzug, dass Janelle Monaés „Outing“ mit dem Release ihres neuen, recht expliziten Albums „Dirty Computer“ einhergeht.

Bereits auf ihrem vor acht Jahren erschienenen Debüt, „The ArchAndroid„, schlüpfte die Sängerin in eine Rolle – ähnlich wie David Bowie mit seiner bisexuellen Rockstar-Kunstfigur Ziggy Stardust. Damals entführte Janelle Monáe uns ins Jahr 2719 und berichtete von den Erlebnissen von Cindi Mayweather, einem weiblichen Androiden. Hinter der androgynen Sci-Fi-Figur aus einer fernen Zukunft konnte sie sich verstecken, sie diente als Schutzschild im Mainstream-Popbiz. Die Künstlerin flüchtete in eine afrofuturistische Fantasiewelt.

Fragen über ihre Sexualität wich die 32-Jährige stets aus. Sie date andere Androiden, sagte sie in Interviews – doch der queere Code war leicht zu knacken. „Say is it weird to like the way she wear her tights? Am I a freak because I love watching Mary? Hey sister am I good enough for your heaven? Say will your God accept me in my black and white? Will he approve the way I’m made?“ fragt sie in „Q.U.E.E.N.“ von ihrem letzten Album „The Electric Lady“ (2013). Der Song sollte ursprünglich „Q.U.E.E.R.“ heißen und ist eine Hommage ans Anderssein.

Sprachrohr für Randgruppen

„Ich bin ein Science Fiction Super Futuristic Ambassador„, diktierte sie mir 2013 ins Aufnahmegerät. Eine Botschafterin, die sich für Minderheiten einsetzt. Denn als Android fühle sie sich in der Position, die Stellung von Randgruppen nachvollziehen und für mehr Toleranz kämpfen zu können.

Sie selbst ist längst keine dieser „Hidden Figures“ mehr. Im gleichnamigen Oscar-nominierten Film spielte sie eine von drei afroamerikanischen NASA-Mathematikerinnen, deren Arbeit lange Zeit verschwiegen wurde. Und im Oscar-prämierten „Moonlight“ war Janelle Monáe ebenfalls in einer tragenden Rolle auf der großen Leinwand zu sehen – in einem Film über einen schwulen schwarzen Mann, der mit seiner Identität kämpft.

Sie wolle Mädchen und Jungs, die mit ihrer Sexualität hadern, egal ob non-binary, schwul, hetero oder queer, unterstützen, ihnen eine Plattform geben, sagt Janelle Monáe über das neue Album. Dafür hat sie ihren stets schnieken Anzug als Android-Alias Cindi Mayweather abgestreift und sich von dem Korsett befreit – oder es zumindest etwas gelockert.

Denn so ganz scheint sie noch nicht loslassen und sich von ihrem fiktiven Kosmos verabschieden zu können – nachzusehen im bildgewaltigen emotion picture, aus dem die Videoclips zu den neuen Singles entnommen wurden. In vaginaförmigen Plusterhosen flitzt Janelle Monáe da als Jane mit ihrer Girl Gang durch eine futuristische Welt.

Prince-Protegée

Jane 57821 – die Ziffer geht zurück auf ihr Album-Debüt „The Archandroid“ – ist ein vermeintlicher „Dirty Computer“. Diese schmutzigen Computer sind virenverseucht. „Broke inside. Crashing slowly, the bugs are in me.“ Sie sollen gesäubert, ihre Erinnerungen gelöscht werden.

Die Bugs sind Teil von ihnen – doch das ist für Janelle Monáe nichts Schlechtes. Im Gegenteil: Sie eröffnen neue Perspektiven und Möglichkeiten, erweitern das Blickfeld, Dinge anders zu sehen.

Janelle Monáe

Die kleine Prince: Janelle Monáe

Musikalisch bleibt Janelle Monáe ihrer unerschrockenen Mischung aus Pop, Funk, R’n’B und Hip-Hop treu. Ihre beiden größten musikalischen Helden sind nicht zu überhören: Während Stevie Wonder in einem Spoken-Word-Interlude mit von der Partie ist, zieht sich die Handschrift von Prince wie ein lila Faden durch das ganze Album. Vor allem das Gitarrenriff der Single „Make Me Feel“ erinnert stark an seinen Klassiker „Kiss„.

Während des Kreativprozesses hatte ihr der verstorbene Superstar Tipps gegeben. Ideen, Inspirationsquellen, auch technische Ratschläge hinsichtlich des Aufnahmeequipment.

Amerika am Arsch

Für das Titelstück holte sich die Sängerin Unterstützung von „Beach Boy“ Brian Wilson. Das Intro wird getragen von einem geschmeidigen Groove mit kalifornischem Vibe. Der erste Song „Crazy, Classic, Life“ ist eine Ode an die Freiheit: „Young, black, wild and free.“ Nackt auf einer Limousine, hart feiern, Sex im Swimming Pool. Und ein kleines bisschen die Regeln brechen – im dazugehörigen 45-minütigen Film ist der Song eine Erinnerung an unbeschwerte Tage.

In „Take A Byte“ soll die Festplatte von Jane 57821 dann gelöscht werden. Ein Stück aus ihr entfernt werden, byte by byte. Lässt man die Metaphern weg, eine deutliche Aufforderung zu Sex, womöglich queerem Sex. Janelle Monáe ist anders. Sie ist nicht das „Mädchen, das man mit zu seiner Mama nach Hause nimmt“.

Screwed“ ist im Film wieder ein Flashback. Der Song wird von einem funky Gitarrenriff eröffnet und geht in eine fluffige 80s-Pop-Nummer über, die die frühe Madonna aufleben lässt. Unterstützt wird Janelle Monáe dabei von Zoë Kravitz. „Let’s get screwed“, geben sich die beiden trotzig. Die eigentliche Botschaft des Songs: Amerika ist am Arsch. „The bombs are falling in the streets, we’re all screwed.“ Der Widerstand fällt allerdings ziemlich blauäugig aus: „We’ll put water in your guns, we’ll do it all for fun.“

Und noch eine Anti-Trump-Hymne findet sich auf dem Album: „Americans“ ist eine Antwort auf die fremdenfeindliche Politik des derzeitigen US-Präsidenten. In Janelles Monáes Amerika werden alle akzeptiert, auch Außenseiter, Menschen, die sich am Rand der Gesellschaft bewegen.

In wenigen Worten skizziert sie das konservative Amerika: „I like my woman in the kitchen, I teach my children superstitions, I keep my two guns on my blue nightstand, a pretty young thang, she can wash my clothes, but she’ll never ever wear my pants.“ Im Refrain fordert sie dann: „Love me baby, love me for who I am. Don’t try to take my country, I will defend my land.“ Sie würde also auch ihre Fäuste einsetzen, um ihre liberale Welt zu verteidigen – in diesem Fall nicht gegen eine äußere, sondern gegen die innere Bedrohung.

Janelle Monáe war schon immer anders. Aufgewachsen in Kansas City, wurde sie oft herumgeschubst. Ihre Familie war religiös. Sätze wie "Alle Schwulen kommen in die Hölle" waren keine Seltenheit. Mit 17 ging sie nach New York, studierte an der American Musical And Dramatic Academy, brach jedoch ab und zog 2001 nach Atlanta. Dort lernte sie Big Boi von Outkast kennen, mit denen sie zusammenarbeitete. Mit befreundeten Künstlern gründete sie das Kollektiv Wondaland Arts Society inklusive eines eigenen Labels, über das sie 2003 ihre erste EP "The Audition" herausbrachte P. Diddy nahm sie schließlich 2006 für sein Label Bad Boy Records unter Vertrag.

Klartext…

In „Django Jane“ versteckt sich Janelle Monáe nicht mehr hinter Metaphern, sondern findet deutliche Worte – und zwar in Form eines Raps. Es geht um die Gleichberechtigung von Frauen. Schließlich ist auch Janelle Monáe hinter der Make-up-Mauer und der schillernden Popstar-Fassade eine schwarze amerikanische Frau, wenn sie etwa im Supermarkt einkaufen geht. „Wenn schwarze Frauen das Mikrofon in der Hand hätten, was würden sie sagen?“ fragte sie sich.

Der Track ist ein Manifest für geschlechtliche Gleichstellung, ein feministischer Faustschlag. „And we gon‘ start a motherfuckin‘ pussy riot, or we gon‘ have to put ‚em on a pussy diet“, heißt es da. Gleichzeitig streut sie ihre eigene Biografie ein, weist auf ihre Erfolge hin: „We ain’t hidden no more, moonlit nigga, lit nigga, already got a Oscar for the casa, runnin‘ down Grammys with the family, remember when they used to say I look too mannish.“

Am Ende übergibt sie der Vagina das Mikro und fordert: „Let the vagina have a monologue.“ Diese taucht denn auch ziemlich explizit im Video zu „Pynk“ in Form von V-förmigen Plusterhosen auf. Die doppeldeutigen Lyrics zelebrieren Weiblichkeit und Sinnlichkeit: „Pink like your fingers in my … maybe, Pink like your tongue going round, baby.“ Mit an Bord: Grimes. Für das krude „I Got The Juice“ holte sich die Künstlerin Pharrell Williams ins Studio.

… mit Fragezeichen

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Koketter Blick: Janelle Monáe

Immer wieder stellt sie auf „Dirty Computer“ ihre sexuelle Identität in Frage, spielt mit den Gerüchten um ihre Sexualität. „Let’s reintroduce ourselves from a free point of view, if I’m gon‘ sin, it’s with you, tattoo your love on my heart, let the rumors be true“, singt sie im sexy R’n’B-Song „Don’t Judge Me“.

In „Pynk“ provoziert sie: „Pink like the tongue that goes down, maybe. Pink like the paradise found, pink when you’re blushing inside, baby, pink is the truth you can’t hide.“ Und im Video zu „Make Me Feel“ guckt sie kokett zwischen Frauenbeinen hindurch.

Die Texte sind zwar intimer, persönlicher, im realen Leben schweigt sie sich jedoch über ihre angebliche Beziehung zu Schauspielerin Tessa Thompson („Dear White People“, „Westworld“), die im Film zu „Dirt Computer“ neben Janelle Monáe die Hauptrolle spielt, weiterhin aus.

Janelle Monáe schafft es nicht ganz, ihr Korsett abzulegen und sich freizuschwimmen. Noch immer versteckt sie sich hinter ihrer Kunst, taucht in ihrem künstlichen Kosmos unter und verwischt dabei ihre Konturen hinter perfekten Pop-Arrangements und einer Kunstfigur. Sie will sich nicht fassen lassen.

Dabei sind die teilweise zweideutigen Lyrics gleichzeitig unmissverständlich: Es geht um Sex. Um Freiheit und Befreiung. Feminismus, sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentitäten, liberté und egalité.

„Black Girl Magic“

„Dirty Computer“ ist ein Manifest vor allem für schwarze Frauen. Janelle Monáe wollte sie sichtbar machen, ihnen eine Stimme geben. Sie ermuntert sie, stolz und stark zu sein, zu sich zu stehen und sich beispielsweise gegen eurozentrische Schönheitsideale zu wehren. Sie fordert eine selbstbewusste Haltung – ähnlich wie die kämpferische Studentin Samantha Black in der Netflix-Serie „Dear White People“.

In ihren Songs filtert Janelle Monáe aktuelle gesellschaftliche Bewegungen wie Black Lives Matter und Me Too. Nicht umsonst wurde das Album im Rahmen des Premieren-Wochenendes des Blockbusters „Black Panther“ angeteasert. Die Sängerin feiert schwarze Kultur und Weiblichkeit und weist gleichzeitig auf die Identitätsprobleme in der vielfältigen Gesellschaft des 21. Jahrhunderts hin.

Fotos: Warner Music/JUCO