Mit ihrem sechsten Album „Tranquility Base Hotel & Casino“ betreten die Arctic Monkeys neues Terrain: den Mond. Auch musikalisch gehen die vier Briten neue Wege und experimentieren mit elegantem Lounge Pop. 

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Entspannte, elegante 60s-Songs, die Lust auf Sommer machen. Das klingt nach Air und dem Retro-Futurismus der Mini-Supergroup Broken Bells – aber nicht nach den Arctic Monkeys. Fünf Jahre nach ihrem letzten Album „AM“ hat sich die britische Rockband auf Album Nummer sechs musikalisch neu erfunden. Statt Gitarrenriffs gibt auf „Tranquility Base Hotel & Casino“ das Klavier den Ton an. Auf pulsierende Indie-Rock-Nummern wartet man vergebens.

Mit dem ungestümen „When The Sun Goes Down„, dem brachialen „Old Yellow Bricks“ oder dem poppigen „Snap Out Of It“ haben die neuen Songs wenig gemeinsam. Auf „Tranquility Base Hotel & Casino“ entdeckt Bandleader Alex Turner den Crooner in sich. Auch optisch kommt die Band reifer daher. Auf Pressefotos posieren die vier Musiker lässig als Dandies in adretten Anzügen oder schnieken High-Waist-Stoffhosen, die an die 60er und 70er Jahre erinnern.

Mit The Strokes hat diese Welt nichts mehr zu tun. Dabei war die US-Rockband einer der größten Einflüsse auf die Arctic Monkeys. „Sie änderten, welche Musik ich hörte, welche Schuhe ich trug“, so Alex Turner in einem Interview. Aber es kam alles anders: „I just wanted to be one of The Strokes, now look at the mess you made me make“, konstatiert der Sänger in „Star Treatment“, dem Opener des neuen Albums.

„Wen willst du rufen, die Martini Polizei?“ fragt er weiter. Eine simple Spielerei mit Melodie und Worten, wie Alex Turner in einem Interview mit Pitchfork sagte. Er zeichnet einen fiktiven Kosmos. An der Hotelbar Cocktails schlürfen, bevor es ins Casino geht. Vielleicht ist „The Martini Police“ der Name der Band in dem Nachtclub, die zum Slow Dance bittet.

Martini Polizei im Space Hotel

arcticmonkeys_tbhc_3000 (1)Diese Fantasiewelt ist nicht Las Vegas, sondern auf dem Mond. Tranquility Base bezeichnet den Standort der ersten Mondlandung. Von dort blicken die Arctic Monkeys auf die Erde. „So when you gaze at planet Earth from outer space, does it wipe that stupid look off of your face?“ fragt Alex Turner in „American Sports“.

Dazu passend ziert das Albumcover ein retrofuturistisches Modell eines Gebäudes, das Alex Turner selbst entwarf und auf einer alten Bandmaschine inszenierte. Inspirieren ließ er sich dafür u. a. vom Set des Hilton-Hotels auf dem Mond in Stanley Kubricks 1968er Klassiker „2001: A Space Odyssey„. Auch im Video zur Single „Four Out Of Five“ taucht das sechskantige Modell auf – genau wie die S-Bahn-Station am Münchner Marienplatz, deren Architektur perfekt zum neuen Material der Arctic Monkeys passt, das den Spirit des orangen Jahrzehnts aufleben lässt.

Geballte Ladung Inhalt

Four Out Of Five“ ist eines der zugänglichsten Stücke des Albums und eine Art Werbesong für das titelgebende Etablissement. Die Zuhörer werden ermuntert, im Tranquility Base Hotel & Casino zu entspannen. „Take it easy for a little while.“ Ein reizender Ort. Das Wasser ist herrlich, man könnte „jemanden treffen, den man mag“, während des Meteoriteneinschlags. Die Reviews sind großartig. Für die Taqueria namens „The Information-Action Ratio“ auf dem Dach gibt es vier von fünf Sternen! Ein ironischer Seitenhieb gegen Kritiker, die nie die volle Punktzahl geben. Die „information–action ratio“ wurde von Kulturkritiker Neil Postman in seinem Werk „Amusing Ourselves to Death“ (1985) geprägt – es geht um unsere Überforderung, mit der geballten Ladung an Informationen umzugehen, die wir täglich konsumieren. Kurzum: Infotainment. Darüber hinaus streift der Song Themen wie Gentrifizierung und Naturkatastrophen.

Diese utopischen Zukunftsvisionen ließen Songwriter Alex Turner nach einer Schreibblockade nicht mehr los. Über Science Fiction erforscht er die eigene Welt, allerdings aus einer sicheren Distanz.

Trump im goldenen Höschen

Eine Art Fluchtfantasie, hinter der er sich verstecken kann. Dabei gibt es einige Anspielungen auf durchaus reale Personen und Ereignisse. In „Golden Trunks“ z. B. könnte die Zeile „the leader of the free world reminds you of a wrestler wearing tight golden trunks“ auf Donald Trump hinweisen. Im Titeltrack wird die Sterilität der digitalen Welt kritisch hinterfragt: „Technological advances really bloody get me in the mood“, singt Turner sarkastisch. Und in „Batphone“ heißt es: „Have I told you all about the time that I got sucked into a hole through a handheld device?“

One Point Perspective“ baut auf einem Hip-Hop-Beat auf – eine Vorliebe, die die Arctic Monkeys bereits auf ihren ersten Alben umsetzten und die Band stets von anderen Indierockern unterschied. Dennoch klingt der Song mehr nach Bond als Big Boi. Alex Turner persifliert hier gelangweilte Rockstars – oder singt von Kinderträumen, die irgendwann auf der Strecke blieben: „Dancing in my underpants, I’m gonna run for government, I’m gonna form a covers band an‘ all.“

Alex Turner hatte schon immer ein Händchen dafür, seine Umwelt in messerscharfen Lyrics zu porträtieren. Die musikalische Herangehensweise ist allerdings anders. Dieses Mal komponierte er die Songs am Klavier. Danach steuerten seine Bandkollegen Drummer Matt Helders, Gitarrist Jamie Cook und Bassist Nick O’Malley ihre Parts bei. Prominente Unterstützung erhielten sie u.a. von Cameron Avery von Tame Impala, Ex-Klaxons-Keyboarder James Righton und Zach Dawes von den Mini Mansions.

Ungewohnter Sound

AM_photo_1_credit_Zackery_MichaelBei der Produktion stand Alex Turner der langjährige Studiopartner James Ford (Simian Mobile Disco, Klaxons, Florence + The Machine) zur Seite. Das Resultat ist eine für die einst ungestümen Indie-Rocker ungewöhnliche Mischung aus 60s-Lounge, Space Pop und Glam Rock, die an die Opulenz von David Bowie und Serge Gainsbourg , aber auch das 1998er Debütalbum „Moon Safari“ des französischen Duos Air erinnert. Und auch Alex Turners Nebenprojekt, seine Band The Last Shadow Puppets, schimmert immer wieder durch.

Obwohl der neue Sound für viele Fans erstmal eine Herausforderung sein dürfte, katapultierte sich das Album direkt an die Spitze der britischen Charts – es ist die sechste Nummer eins der Arctic Monkeys in ihrer Heimat in Folge. Darüber hinaus ist „Tranquility Base Hotel & Casino“ die am schnellsten verkaufte Vinylplatte seit 25 Jahren. Bereits mit ihrem Debütalbum „Whatever People Say I Am, That’s What I’m Not“ stellten sie 2006 Rekorde auf: Das Album war vor zwölf Jahren die am schnellsten verkaufte CD in UK und katapultierte die Band aus Sheffield in die erste Liga britischer Pop-Prominenz.

Während sich insbesondere auf dem letzten Album „AM“ einige catchy Songs wie „Snap Out Of It“ und „Do I Wanna Know“ finden, braucht das neue Material mehr Zeit und Aufmerksamkeit. Dabei entpuppt es sich als grandiose Sommerplatte – für gediegene Pool-Parties und Cocktail-Apéros.

Live waren die Arctic Monkeys Ende Mai für zwei Gigs in Berlin zu Gast. Die Show in Düsseldorf am 26.Juni ist ausverkauft. Wer die Band live erleben möchte: Ende Juni treten sie beim „Hurricane Festival“ und „Southside Festival“ auf. Hier lassen sie sicher die Rocker raushängen und präsentieren viel altes Material.

Fotos: Zackery Michael