Lenny Kravitz überzeugte beim Start seiner Europatour am 31. Mai in der Münchner Olympiahalle vor allem mit seinen alten Hits wie „Are You Gonna Go My Way“ und „Let Love Rule“. Auf den Rängen der ohnehin durch einen Vorhang verkleinerten Halle klafften einige Lücken. Hat der US-Rockstar seinen Zenith überschritten?

Lenny Kravitz
Dieser Song bringt sein Frühwerk auf den Punkt: Sechziger-Parolen von Liebe und Rub-a-dub, dazu krachender Rock’n’Roll. Mit dem 25 Jahre alten „Are You Gonna Go My Way?“ setzte Lenny Kravitz einen fulminanten Schlusspunkt unter sein Konzert am 31. Mai in München.

Es war der Auftakt seiner Europatour zum elften Album „Raise Vibration„, das erst am 7. September erscheint. Ungewöhnlich, denn meistens wird erst neues Material veröffentlicht, darauf folgen die Liveshows. Und das letzte Album, „Strut“, ist bereits vier Jahre alt.

Ob es daran lag, dass die Olympiahalle nicht voll war? Die Halle, in die sonst bis zu 12.000 Zuschauer passen, war in der hinteren Kurve durch einen schwarzen Vorhang verkleinert. Auf den restlichen Rängen klafften einige Lücken. Oder sind die Glanzzeiten von Lenny Kravitz vorbei? So ist der Künstler, der im Lauf seiner Karriere mit Stars wie Madonna, Mick Jagger und Jay-Z zusammenarbeitete, heute auch als Möbeldesigner tätig ist. Der jüngeren Generation dürfte er eher als Schauspieler in Blockbustern wie „Die Tribute von Panem“ aufgefallen sein als mit seiner Musik, mit der er sich seit Jahren mehr und mehr dem Mainstream anbiederte.

Auch seine jüngste Single „Low“ – ein Vorbote seines neuen Albums – zeugt nicht von einer musikalischen Umorientierung: lässig groovender, aber harmloser Radiopop. Die wilden Rock’n’Roll-Zeiten, in denen ihm Affären mit Madonna, Kylie Minogue und Vanessa Paradis nachgesagt wurden und sein Sound Ecken und Kanten hatte – sind vorbei.

Seine größten Hits feierte der New Yorker in den Neunzigern. Diese Klassiker waren es auch, die das Münchner Publikum von den Sitzen riss. Der funky Herzschmerz-Song „It ain’t over ‚til it’s over„, die Ballade „Believe“ oder das bombastische „Fly away„. Ein Best Of aus seiner fast 30-jährigen Karriere.

Lenny Kravitz hat mehr als genug Hits, auf die er zurückgreifen kann. Zwei Stunden spielt sich der Multiinstrumentalist begleitet von seiner vierköpfigen Band inklusive seines langjährigen Gitarristen Craig Ross plus drei Blechbläsern durch sein drei Jahrzehnte umspannendes Repertoire.

Black Panther

Dabei tänzelte der Beau mit seinen 54 Jahren geschmeidig wie ein Panther über die Bühne. Seine Markenzeichen-Dreadlocks, inzwischen etwas kürzer, wippten im Takt. Was fehlte, waren Monitore, auf denen der charismatische Sänger – wie immer lässig mit Sonnenbrille und in Lederschlaghosen – auch in den hinteren Reihen aus der Nähe zu sehen gewesen wäre.

Überhaupt war die Bühnenshow recht simpel. Auf Pyrotechnik wurde komplett verzichtet. Außer zwei seltsamen Hörnern auf der Bühne, einer wenig spektakulären Lichtshow und etwas Kunstnebel gab es keine nennenswerten Effekte. Der selbstbewusste Voollprofi sagte zwischen den Songs wie immer kaum ein Wort und verließ sich stattdessen auf sein Talent. Nichts sollte von Lenny Kravitz und seiner Musik ablenken.

Ob Hard Rock, Soul, Funk oder Pop mit 60s-Vibe, der Tausendsassa präsentierte seine gewohnte Mischung, seine eingespielte Band schwelgte dabei geradezu in seinen Kompositionen. Viele Songs wurden verlängert, mehrere uferten in Saxfono-Soli aus. Dabei schlich sich auch die ein oder andere Länge ein, wie die überflüssige countryesque Ballade „Can’t Get You Off My Mind“ vom 1995er Album „Circus“.

Kuschel-Kravitz

Das The-Guess-Who-Cover „American Woman“ verwandelte der Sänger zusammen mit seiner Band zum Ende in eine Dub-Version. Eine Verneigung vor Bob Marley, dessen politische Kampfansage „Get up, stand up, don‘t give up the fight“ Lenny Kravitz zitierte. In „It’s Enough“ – neben „Low“ eines von zwei neuen Stücken des kommenden Albums – bezieht Lenny Kravitz ebenfalls Stellung zu brisanten Themen wie Rassismus, Polizeigewalt und dem Nahostkonflikt.

Doch die Gesellschaftskritik kratzte lediglich an der Oberfläche. Zwischen den Songs faselte er etwas von Einheit und universeller Liebe (Was er wohl zu den drei Fans mit Afroperücken, die es mit der Fanliebe wohl etwas übertrieben haben, gesagt hätte?). Bei Lenny Kravitz, der in Interviews gerne mal für ein höheres Verständnis für die Menschheit und diesen Planeten plädiert, gewann am Ende schon immer die Liebe, wie er bereits in „Let Love Rule„, dem Titeltrack seines Debütalbums von 1989, deutlich machte.

In München artete der Song in eine längere Interaktion mit den Zuschauern aus, die den Refrain sangen und sich derweil in den Armen lagen. Gegen Ende kam ihr Idol von der Bühne und tauchte in die Menge ein. Kuscheln mit Kravitz. Und alle haben sich lieb.

Lenny Kravitz Live 2018:
12.06. Berlin, Zitadelle
13.06. Frankfurt, Festhalle
25.06. Köln, Lanxess Arena
27.06. Zürich, Hallenstadion
20.07. Nyon, Paleo Festival
21.07. Stuttgart, Jazzopen

Foto: Mathieu Bitton