Ein Ausflug ins Ungewisse: Iron Maiden. Live auf dem Münchner Königsplatz – die perfekte Kulisse für eine opulente Heavy-Metal-Oper voller Bombast und Pathos.

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Ich kenne sie nur von früher, als mein Bruder mit den furchteinflößenden Artworks diverser Heavy-Metal-Bands unsere Eltern schockierte. Jetzt stehe ich hier. Am 9. Juni pusten Iron Maiden den Münchner Königsplatz mit einer bombastischen Show weg. Das Wetter hält, der letzte Platzregen strömt kurz vor der Headliner-Show beim Rockavaria-Open-Air nieder.

Sie sind überall. Auf T-Shirts, Mützen, Jeanswesten, sogar auf Socken. Iron Maiden sind eine der ältesten noch aktiven Heavy-Metal-Bands. Ihre Karriere umspannt vier Jahrzehnte. Die britische Kultband ist längst eine Marke, eine „musikalische Identität“, wie Sänger Bruce Dickinson einst in einem Interview sagte. Ein eigenes Maskotten inklusive: „Eddie“ taucht in unterschiedlichen Rollen – mal als Cyborg, mal als Mumie – im Artwork der Band auf, im Merchandise und jüngst sogar in einem Videospiel.

Hier in München nahmen Iron Maiden vor 30 Jahren ihr Album „Seventh Son Of A Seventh Son“ in den Musicland Studios in München am Arabellapark auf. Das Studio musste der U4 weichen, die Band gibt es immer noch. 100 Millionen Alben verkauften sie weltweit. Ihre gruseligen Cover und der ikonografische Bandname zieren heute die Klamotten von schwedischen Modeketten.

Diese schwarzen T-Shirts tragen heute die Teenager, die an den Händen ihrer Papis zum Konzert in München kommen. Die Väter –in verblassten Shirts – konnten vor drei Jahrzehnten ihre Eltern noch mit langen Haaren und Heavy Metal schocken, heute tragen ihre Kinder und sogar ihre Idole selbst das Band-Merchandise.

Vor einer gigantischen Kulisse geben sich Iron Maiden beim Rockavaria die Ehre. Den besten Blick auf das klassizistische Setting zwischen Glyptothek, staatlicher Antikensammlung und Propyläen haben die sechs Musiker dabei selbst. In der Abenddämmerung blicken sie auf mehrere Tausend Fans, die ihnen die Metal-Hand entgegenstrecken. Vor allem die Fans in der Front Row gehen ab und röhren ihre Leidenschaft für die Band heraus. „Munich, scream for me“, fordert Sänger Bruce Dickinson. Und die Münchner schreien.

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Jahrzehntealte Hits

Zwei Stunden spielen sich Iron Maiden durch einen Bruchteil ihres Repertoires, das 16 Studioalben umfasst. Ihr letztes Werk, das Doppelalbum „The Book Of Souls“, liegt drei Jahre zurück. Dieses Mal wird kein neues Album vorgestellt, es ist eine „History/Hits“-Tour, bei der die Band viel altes Material spielt. Das Publikum grölt selbst vier Jahrzehnte alte Songs mit und dreht vor allem bei Klassikern wie „Fear Of The Dark“ oder „The Number Of The Beast“ auf. Die opulenten Kompositionen werden von Bruce Dickinsons kräftiger Stimme getragen, der auch mit knapp 60 noch über die Bühne tobt – kaum zu glauben, dass er noch vor wenigen Jahren an Zungenkrebs erkrankt war. Bandgründer und Bassist Steve Harris und Schlagzeuger Nicko McBrain geben das Tempo vor, während die Gitarristen Janick Gers, Dave Murray und Adrian Smith ihre Instrumente in mehrstimmigen Soli aufheulen lassen.

Dazu passt die theatralische Show: Ein plakatives Retro-Spektakel, das die glücklichen Fans zurück in eine Zeit katapultiert, in der es noch keine Handies gab. Pyro-Effekte und Lichtshow sind wie damals bombastisch, abgesehen von zwei Monitoren links und rechts der Bühne verzichtet die Band allerdings auf High-Tech-Schnickschnack. Keine Videos, keine Hologramme. Die leicht vertrottelten Zombies torkeln hier als kostümierte Darsteller auf die Bühne und liefern sich einen Schwertkampf mit dem Sänger oder schweben marionettenartig über den Köpfen der Band. Im Hintergrund sind statische apokalyptische Landschaften zu sehen. Die Lava blubbert hier nicht, sie ist gemalt, wie eine Theaterkulisse. Eine opulente Oper, deren Bühnenbilder schaurigschöne Fantasiewelten zeigen. Die Band verkauft Kopfkino. Iron Maiden holen uns zurück in einen analogen Kosmos. Es ist wie ein nostalgischer Ritt durch eine gruselige und gleichzeitig rührende Geisterbahn. Der Frontmann schlüpft dabei in verschiedene Rollen, wechselt anfangs nach jedem Song sein Kostüm.

Immer noch up to date

IRON MAIDEN ft Lauderdale 2010

Iron Maiden (v.l.): Adrian Smith, Janick Gers, Bruce Dickinson, Steve Harris, Dave Murray und Nicko McBrain

Kaum zu glauben, dass die Show von einem Mobile-Game inspiriert wurde. Trotz der nostalgischen Show geht die 1975 gegründete Band mit der Zeit. Auf dem Streaming-Portal Spotify werden ihre Stücke millionenfach geklickt. Über Facebook und Instagram halten Bruce Dickinson und Co., alle in ihren Sechzigern, den Kontakt zu ihren Anhängern. Seit ihrer Reunion in Original-Besetzung vor gut 20 Jahren toppen sie sogar ihre alten Erfolge.

Gegen Ende werden Drumsticks und Schweißbändchen ins Publikum geworfen. Eine Geste, die heute nicht mehr viele Musiker zelebrieren.Und welche Rockband leistet sich heute noch drei Gitarristen? Das alles wirkt aus der Zeit gefallen – und ist gerade deshalb ein Riesenspaß. Zum Schluss liegen sich vor der Bühne gestandene Mannsbilder verschwitzt in den Armen – an den Händen ihre grinsenden Kinder.

Fotos: Renzo Wellinger, Warner Music