Wütend, radikal und brutal ehrlich: „Dear White People“ nähert sich explosiven Themen mit scharfem Humor und setzt ein wichtiges Signal. Ach, und der Soundtrack kann sich auch hören lassen. 

Dear White People

Gegen sie wirkt Denise Huxtable wie ein Kuschelkätzchen: Samantha White (Logan Browning) ist die moderne Version der wilden, rebellischen Tochter des Cosby-Clans – radikaler, wütender und eloquenter. Sams Waffe ist ihr Mundwerk, ihre Munition das Wort: Nicht umsonst liebt ihr Abercrombie&Fitch-Freund Gabe sie, weil sie „in einem Satz Fremd- und Schimpfwörter benutzt“.

Die Publizistikstudentin und ihre Freunde müssen an der Winchester University einigen ertragen – von spitzen Bemerkungen und Diskriminierung bis hin zu offenem Rassismus. „Dear White People“ schildert den Alltag dieser Gruppe. Die afroamerikanischen Studenten sind eine Minderheit an der weißen Eliteuniversität. So begrüßt Sam eine Kommilitonin mit einem freudig-sarkastischen „Black Person!“.

Konfrontationskurs

Wütend & radikal Dear White People

Wütend und radikal: Samantha White und ihre Freunde gehen auf Konfrontation.

Dabei schreckt das Team um Serienschöpfer Justin Simien, auf dessen gleichnamigem Spielfilm von 2014 die Serie basiert, nicht vor brisanten Themen zurück. Es geht um alltäglichen und institutionellen Rassismus, Sexismus, Homophobie, soziale Ungerechtigkeit und das Jonglieren von Identitäten in einer komplexen Welt.

Die Macher der „Bill Cosby Show“ gingen solchen Themen eher aus dem Weg oder fassten sie mit Samthandschuhen an. „Dear White People“ dagegen geht auf Konfrontation.

In ihrer Campus-Radiosendung mit dem zynischen Titel „Dear White People“ (auf Deutsch: „Liebe weiße Mitmenschen“) macht sich die wütende Protagonistin Luft. Sie hält ihren Zeitgenossen einen Spiegel vor, provoziert und hinterfragt. Dabei wirkt sie wie die Personifizierung eines Zitats des schwulen schwarzen Schriftstellers James Baldwin : „Ein Schwarzer und relativ wach zu sein, bedeutet, fast immer vor Wut zu schäumen.“

Genau wie ihre Hauptfigur ist die Netflix-Serie provokant, clever und wahnsinnig witzig. Dass die jeweils 40-minütigen Folgen der bislang zwei Staffeln dennoch unterhaltsam bleiben, dafür sorgen neben dem beißenden Humor die vielen popkulturellen Zitate. Die Bandbreite reicht von Rapper Frank Ocean über Bill Cosby und Tarantino bis hin zu Solange und Beyoncé.

Dear White People Soundtrack

Der Soundtrack von „Dear White People“ umspannt die Bandbreite moderner Black Music und ist ein Querschnitt durch verschiedene Genres: von Jazz und Soul über R&B bis hin zu Hip-Hop und House.

Singer/Songwriter Michael Kiwanuka setzt mit „Love & Hate“ leise, aber eindringliche Töne. Neben einigen bekannten Szenegrößen wie Tyler, The Creator, der das energetische „I Ain’t Got Time!“ beisteuert, Childish Gambino und A Tribe Called Quest wird der Soundtrack von „Dear White People“ vor allem von unbekannten Acts dominiert.

Zebra Katz sorgt für Extravaganza. Eigenwillige Sounds gibt es auch von James Tilman oder Vicktor Taiwò zu hören. Shamir, der selbst in einer Gastrolle zu sehen ist, hat die queere Disco-Hymne „Sometimes A Man“ parat.

Und dann ist da natürlich „Trap Niggas“ von Future. Ein harmloser Rapsong. Doch wenn weiße Studenten das „N-Wort“ auf der Tanzfläche im Beisein ihrer wenigen schwarzen Kommilitonen mitsingen, birgt das Zündstoff. Denn der abwertende, rassistische Ausdruck wurde während der Sklaverei von der weißen Oberschicht benutzt, um die soziale Degradierung auszudrücken.

Realistisch & relevant

An der Uni schwelen die Rassenkonflikte stets dicht unter der Oberfläche. Am Ende entlädt sich die Anspannung. „Dear White People“ parodiert die vermeintlich von Rassenkonflikten befreiten Vereinigten Staaten.

In Zeiten von einer restriktiven US-Politik, rassistischer Polizeigewalt und politischen Bewegungen wie „Black Lives Matter“ gelingt den Machern ein wichtiges Statement, indem sie die Konflikte einer Minderheit innerhalb der US-Gesellschaft aufzeigen.

Doch damit nicht genug. Die US-Produktion geht noch einen Schritt weiter – und gewinnt dadurch an Relevanz: „Dear White People“ thematisiert die Diskriminierung und Marginalisierung verschiedener gesellschaftlicher Randgruppen.

Black & Gay

Dear White People

Lionel Higgins (DeRon Horton) wird als schwarzer schwuler Mann gleich mehrfach ausgegrenzt.

Der introvertierte Lionel Higgins (DeRon Horton) zum Beispiel wird als schwarzer schwuler Mann gleich mehrfach ausgegrenzt. Der Nachwuchsjournalist, der keine bzw. nur altmodische Schimpfwörter benutzt und dessen Waffe das geschriebene Wort ist, hinterfragt seine Identität in unterschiedlichen Kontexten.

Aufgrund seiner Hautfarbe wird er nicht nur innerhalb der US-Gesellschaft mit Vorurteilen konfrontiert. Er ist darüber hinaus auch innerhalb der von weißen Männern dominierten Schwulenszene rassistischen Diskriminierungen ausgesetzt.

„No Rice. No Spice. No Curry“ zum Beispiel sind weit verbreitete, rassistische Bemerkungen auf Dating-Plattformen von Homosexuellen. Gleichzeitig kämpft Lionel mit der Homophobie seiner schwarzen Zeitgenossen. Die clevere Produktion macht auf Parallelen zwischen den unterschiedlichen Minderheiten aufmerksam. „Schwuchtel ist unser N-Wort“, stellt etwa der Chefredakteur der Uni-Zeitung trocken fest.

„Dear White People“ reiht sich in filmische Werke wie Spike Lees „Do The Right Thing“ (1989), „Poetic Justice“ mit Janet Jackson und Tupac Shakur (1993) oder „Panther“ (1995). Bekannte Schauspieler aus dieser Zeit, darunter Nia Long, sind mit von der Partie. Aber auch neue Gesichter wie Tessa Thompson (bekannt aus der HBO-Serie „Westworld“ und den Musikvideos von Janelle Monaé) und Lena Waithe („Master Of None“) sind dabei. Der Kampfgeist der Figuren erinnert an den aktuellen Blockbuster „Black Panther„.

Die Erzählweise der Produktion ist innovativ und ungewöhnlich. Immer wieder wechselt die Perspektive. Jedes Kapitel ist einer anderen Figur gewidmet, dementsprechend ändert sich der Blickwinkel auf die Geschehnisse. Handlungen überlappen, Flashbacks geben Aufschluss über die Biografien der einzelnen Charaktere. Erzählt wird die Rahmenhandlung übrigens von Giancarlo Esposito, der berühmtberüchtigte Gustavo Gus Fring aus „Breaking Bad“ und dem Spin-off „Better Call Saul“.

Er tritt gegen Ende der zweiten Staffel sogar aus dem Off vor die Kamera – als Kopf einer ominösen Geheimverbindung. Einer der etwas seltsamen Momente, die sich im Verlauf der Serie leider häufen. Man darf gespannt sein, wie es weitergehen wird. Staffel 3 ist bereits gesichert.

Und es hat Boom gemacht

„Dear White People“ stellt heteronormative Etiketten genauso in Frage wie Männlichkeitsbilder. Die satirische Serie thematisiert sogar den von der weißen Gesellschaft adaptierten Rassismus unter Schwarzen, etwa wenn unterschiedliche Hautschattierungen hitzig diskutiert werden. „Dear White People“ lässt kein Thema aus. Selbst eine afroamerikanische Konservative – dargestellt von  Tessa Thompson, die übrigens im Original-Film „Dear White People“ die Hauptrolle spielte – erhält eine Plattform.

Dabei wird mit Vorurteilen gespielt, die auf humorvolle Art entkräftigt werden. Minderheiten machen sich über andere Minderheiten lustig. Und man darf darüber lachen. Nichts wird beschönigt. Es kommt zum großen Knall. Das ist befreiend und dringend notwendig.

Fotos: Netflix/Saeed Adyani/Adam Rose