In der sechsten Staffel der Netflix-Serie „Orange Is The New Black“ werden die Zellen neu belegt. Dadurch entstehen ungewöhnliche Allianzen und zerbrechliche Zweckgemeinschaften. Der Orange Is The New Black Soundtrack umfasst ein Spektrum von den Beach Boys bis UB40.

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„Off the Florida Keys, there’s a place called Kokomo, that’s where you want to go to get away from it all“, besingen die Beach Boys in ihrem Popklassiker „Kokomo“ einen fiktiven Traumstrand. Florida gilt gemeinhin als sonniges Rentnerparadies. Doch Cocktails gibt es in diesem „Florida“ garantiert nicht.

Dennoch ist der nach dem Sunshine State benannte  Zellenblock im Hochsicherheitsgefängnis von Litchfield der Sehnsuchtsort aller Insassinnen. Denn hier, fernab von Bandenkrieg, Drogen und Intrigen, genießen die älteren und kranken Gefangenen ihren „Urlaub“ im Frauenknast. Ladies in flamingofarbenen Knastanzügen spielen Brettspiele, machen Yoga und löffeln Pudding.

Florida im Frauenknast

Nach dem Aufstand in der fünften Staffel von „Orange Is The New Black“ werden die Inhaftierten in ein Hochsicherheitsgefängnis verlegt und auf unterschiedliche Blöcke verteilt. Die alten Seilschaften sind damit aufgehoben, neue Allianzen und zerbrechliche Zweckgemeinschaften entstehen.

Verschärft wird die Situation durch zusätzliche furchteinflößende und unberechenbare Charaktere. Besonders der schwesterliche Zwist zwischen den beiden Antagonistinnen Carol und Barbara Denning sorgt für Unruhe im Frauenknast. Einer anderen Gefangenen ist die Flucht gelungen. Was wird sie mit der gewonnen Freiheit wohl anstellen?

In der fünften Staffel von "Orange Is The New Black", die lediglich an ein paar Tagen spielte, sorgte der Tod von Poussey Washington (Samara Wiley) für einen Aufstand im Litchfield-Gefängnis. Zwei Wärter mussten büßen. Am Ende wurden die Insassinnen abgeführt und auf unterschiedliche Busse verteilt.

Nach der Eskalation in Staffel 5 werden die Schuldigen gesucht. Ein Sündenbock muss her. Und zwar schnell. Schließlich gilt es, den Imageschaden der Gefängnisverwaltung zu begrenzen. Die Untersuchungen erinnern allerdings eher an Russisch Roulette, mit einer Investigation hat die Scharade wenig zu tun.

Natürlich gibt es nicht nur neue Häftlinge, auch das Gefängnispersonal wird aufgestockt. Die Wachen spielen ein fieses Spiel namens „Fantasy Inmate“, bei dem sie wie bei einem Pferderennen auf die Gefangenen setzen. Zungenküsse oder Raufereien geben Punkte, Mord und Totschlag sind der Jackpot. Die neuen Kollegen sind wie die bereits bekannte Belegschaft einfältig und zynisch – nach fünf Staffeln eine etwas einseitige Darstellung.

True Story

Vor fünf Jahren startete „Orange Is The New Black“ beim Streaming-Dienst Netflix. Ausgangspunkt war die auf wahren Begebenheiten basierende Geschichte von Piper Kerman, einer privilegierten weißen Frau, die nach einer Liaison mit einer Drogenschmugglerin hinter Gittern landete. Ihre Story erzählte sie in der Autobiografie „Orange is the New Black: My Year in a Women’s Prison“, das Buch wurde zum Bestseller.

Und auch die Serie avancierte seit dem Start im Sommer 2013 zum internationalen Hit. „Orange Is The New Black“ zählt zu den erfolgreichsten Netflix-Eigenproduktionen. Längst hat sich der Fokus von der Protagonistin Piper Chapman – hölzern dargestellt von Taylor Schilling – hin zu einer Vielzahl anderer Figuren verschoben.

Randgruppen im Fokus

Orange Is the New Black SoundtrackDie weiße Heldin war für Serienerfinderin Jenji Kohan („Weeds“) lediglich ein trojanisches Pferd, wie sie sagt. Nach und nach konnte sie andere Charaktere in den Mittelpunkt rücken, die im Mainstream-Fernsehen sonst kaum präsent sind: Schwarze, Latinas, Homo- und Transsexuelle sowie ältere Frauen. Damit ist die „Orange Is The New Black“ ein Vorreiter in Sachen Vielfalt.

„Die Serie ist ein Pionier, was Vielfalt angeht. Es ist toll, die Leute zu sehen, die uns unterstützen“, sagte Jackie Cruz alias Flaca Gonzales beim CSD in Köln. Dort war die Schauspielerin gemeinsam mit ihren Kolleginnen Danielle Brooks („Taystee“) und Natasha Lyonne („Nicky“) im Rahmen einer Promo-Tour zum Staffelstart zu Gast – eine ungewöhnliche PR-Maßnahme für eine erfolgreiche US-Mainstream-Produktion, die die Diversität von „Orange Is The New Black“ unterstreicht.

Es sind nicht nur einige wenige, sondern gleich ein Dutzend Charaktere, die von den Autoren allesamt gleichwertig behandelt werden. Die vielen Handlungsstränge sorgen dafür, dass man leicht den Überblick verlieren kann.

Für Authentizität sorgt das großartige Ensemble. Transsexuelle Figuren werden hier auch von Transsexuellen gespielt (Laverne Cox als Sophia Burset). Ein Großteil der talentierten Schauspielerinnen war zuvor unbekannt, etwa die für ihre Rolle als sensible Suzanne „Crazy Eyes“ Warren mehrfach ausgezeichnete Uzo Aduba. Aus ihrer Sicht wird die erste Folge der 13 neuen Episoden geschildert. Ein surrealer Traum, in dem eine Folter als moderner Tanz inszeniert wird.

Kickball und Koks

Orange Is the New Black Soundtrack

Die Serie lebt nicht nur vom talentierten Cast, sondern auch von Kontrasten: Drama und Comedy wechseln sich ab. „Orange Is The New Black“ ist wütend und versöhnlich, traurig und witzig zugleich.

Die Figuren sind ebenfalls voller Widersprüche. Während die einen Koks schmuggeln, fordern andere Häftlinge Kickball. Wie es zu diesen individuellen Neigungen kommt, wird in Flashbacks verdeutlicht. Dabei werden die Antiheldinnen menschlicher, kommen uns näher, ohne romantisiert zu werden.

Sensibel werden die einzelnen Schicksale der Frauen erzählt. Dadurch erhascht der Zuschauer einen Blick hinter die überlebensnotwendigen Masken, die den Insassinnen im brutalen Gefängnisalltag als Schutzschild dienen.

Trumps Spiegel

Das größte Verdienst von „Orange Is The New Black“ ist aber die Aktualität: Die Serie verdichtet das derzeitige Klima der amerikanischen Gesellschaft, wie eine soziale Studie auf begrenztem Raum. Dabei zeigen die Macher die Kehrseite der US-Politik, geben Betroffenen hinter politischen Bewegungen wie Black Lives Matter ein Gesicht. So nimmt die neue Staffel Bezug auf die restriktive Politik von Präsident Donald Trump. Geschickt werden die fiktiven Schicksale mit der Realität verwoben.

Auch Themen wie Rassismus, Homophobie, Sexismus, aber auch weibliche Sexualität, Korruption und soziale Ungerechtigkeit finden in den jeweils einstündigen Folgen ihren Platz – ähnlich wie in der Netflix-Serie „Dear White People„. Der schwarze Humor hilft dabei nicht nur den Insassinnen im Alltag, sondern macht auch einige bittere Szenen für den Zuschauer erträglicher.

„Orange Is The New Black“ ist eine Gesellschaftsstudie auf begrenztem Raum. Denn hier im Gefängnis kocht der oft romantisierte „Melting Pot“ der unterschiedlichen Kulturen über, weil die einzelnen Gruppen sich auf engem Raum nicht aus dem Weg gehen können – nicht einmal in „Florida“.

Orange Is The New Black Soundtrack

Regina_Spektor_CoverDie Drehbücher sind voll mit popkulturellen Zitaten – von „Friends“ über MacGyver bis hin zu Reggaeton. Und auch die Musik wurde sorgfältig gewählt. Am Ende jeder Folge ist ein Song zu hören, der zum jeweiligen Plot passt.

„Rat In My Kitchen“ von UB40 ist dabei ein ziemlich wörtlich zu verstehender Hinweis. „Kokomo“ von den Beach Boys hingegen ist ein ironischer Seitenhieb. Der Feel-Good-Song unterstreicht den Gegensatz zwischen dem Hängematten-Leben an einem fiktiven Traumstrand und dem harten Alltag im Frauenknast.

Der Opener von Regina Spektor ist längst ein Klassiker. Serienerfinderin Jenji Kohan ist ein Fan der Sängerin und hörte sich während des Schreibens der ersten Staffel angeblich deren Alben an. Das Stück „You’ve Got Time“, das extra für die Serie geschrieben wurde, war sogar für einen Grammy nominiert.

Für die Schluss-Credits der neuen Folgen wurden außerdem Songs u. a. von Ty Segall, PortisheadBruce Springsteen, Timber Timbre und Lil Wayne ausgewählt. Zudem gibt es auf dem Orange Is The New Black Soundtrack einige Trash-Nummern zu hören. Der „Cha Cha Slide“ von Mr. C beispielsweise geht auf die „Salsa Fitness“ von Insassin Gloria Mendoza zurück. Sie streitet sich mit einem Wärter über die passende Musik. Er ist für EDM, sie bevorzugt Reggaeton. Musik wird hier zu einem zentralen Element, das die sozialen Unterschiede unterstreicht.

Insgesamt bietet der Soundtrack einen abwechslungsreichen Musikmix, der die Vielseitigkeit von „Orange Is The New Black“ musikalisch unterstreicht.

„Orange Is The New Black“ Staffel 6 mit 13 Folgen ist ab sofort bei Netflix verfügbar. Eine siebte Staffel ist bereits gesichert.

Fotos: JoJo Whilden/Netflix, Warner Music