Sophie Hunger experimentiert auf ihrem neuen Album „Molecules“ mit elektronischen Sounds. Inhaltlich gibt sich die Schweizerin weiterhin kampfeslustig und überraschend persönlich. Das Resultat sind scharfsinnige Texte, unterlegt von unaufdringlicher Electronica. 

Sophie Hunger Molecules

Ein geschmeidiger Groove. Ausgelassene Disco-Stimmung. Ein untypischer Song für Sophie Hunger. Auf ihrem sechsten Studioalbum „Molecules“ experimentiert die Schweizer Singer/Songwriterin mit elektronischen Beats. Bekannt wurde sie vor über zehn Jahren mit zartem Folk.

Mit ihren eigenwilligen, düster-zarten Songs war die Musikerin international erfolgreich. Vor acht Jahren trat sie als erste und einzige Schweizerin überhaupt beim legendären Glastonbury Festival auf. In ihrer Heimat landete die gebürtige Bernerin regelmäßig ganz vorne in der Hitparade. Und hierzulande schaffte es ihr letztes Album “Supermoon“ vor drei Jahren auf Platz sechs der Charts.

Nun also ein kleiner Kurswechsel. Die jazzigen Bläser vom Debütalbum „Sketches On Sea“ (2006), die Akustikgitarren sind elektronischen Spielereien gewichen. Die neuen Lieder schrieb und programmierte Sophie Hunger im Heimstudio, bevor sie das Material mit Dan Carey in London aufnahm. Der britische Produzent unterstützte zuvor u. a. bereits Kolleginnen wie Emiliana Torrini, Sia und Kate Tempest.

Moderne Sprache

Sophie Hunger selbst bezeichnet den Sound von „Molecules“ als „minimalistischen Elektro-Folk“. In Berlin, wo Sophie Hunger aktuell zu Hause ist, hat sie Krautrock, Drumcomputer und Synthesizer für sich entdeckt. Sie war oft Gast im legendären Berghain. Das ist nicht zu überhören: Der von Techno inspirierte Track „Electropolis“ ist eine Hommage an Berlin. Die Stadt bietet ihr Trost, hier fühlt sich der kreative Kopf aufgehoben.

In ihren Texten gibt sich die 35-Jährige weiterhin rebellisch: Die elektrisierenden Kompositionen handeln von aktuellen politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen – ohne dabei jemals explizit zu werden. Stattdessen setzt Sophie Hunger auf assoziative Bilder.

Das anfangs erwähnte „I Opened A Bar“ – ein Stück, das auf „Molecules“ aus der Reihe tanzt – ist eine Bestandsaufnahme unserer Zeit. Eine Reminiszenz an Berliner Laisser-faire und narzisstische Selfiekultur. „I opened a bar for all my friends, who have no work, and for the ones who do have work to safely vomit“, kokettiert sie mit gewohnt sanfter Stimme. „Smash some faces when they’re bored, and raise their glass to presidents and fall asleep before they’re old.“ Dazu der ironische Hashtag #ohwemostlygrowbydying. Destruktiv und dennoch Disco.

Sophie Hunger beschreibt gesellschaftliche Veränderungen, die Auflösung bisheriger Strukturen. Etwa in der Synthie-Pop-Nummer „Tricks“ sowie in dem rätselhaft reduzierten „Let It Come Down“, in dem sie korrupte Politiker und Geschäftsleute kritisiert. Im feministischen „She Makes President“ beschreibt die Sängerin die fordernde Generation junger Frauen mit „Plutonium im Kopf“.

Ihr Vokabular hat die scharfsinnige Beobachterin dem modernen Zeitalter angepasst. Als zeitgenössische Folk-Sängerin sei es nicht mehr passend, von Vögeln zu singen, findet sie. Stattdessen: Plutonium, Nitroglycerin, Insulin und Kerosin. Poptexte brauchen heute andere Worte, ist sie überzeugt.

SOPHIE_HUNGER_by_Marikel_Lahana

Überraschend verletzlich

Aber auch persönliche Erfahrungen verarbeitet Sophie Hunger auf „Molecules“. Es sind teilweise sehr intime Texte einer Künstlerin, die in Interviews nicht gerne über ihre Musik spricht. Der Grund für die Offenheit war unter anderem das Ende einer Beziehung. „Das ist Dekonstruktion, so als würden die Dinge wieder in ihre kleinsten Teile zerfallen“, sagt Sophie Hunger und deutet damit auf die titelgebenden Moleküle hin. Beim Schreiben war sie „isoliert und labil“.

Im melancholischen „There Is Still Pain Left“ verarbeitet sie eine Trennung. „Es geht darum, mit jemandem zusammen zu sein, der depressiv ist, der von Dunkelheit angezogen ist als wäre es eine Olympische Disziplin, bereit, alles andere dafür zu übersehen, also mich“, erklärt sie. Panikattacken, Vorwürfe, ein immer noch dunkleres Schwarz. „You touch your nightmares everywhere, why, why can’t you see you should be kissing me“, fragt sie verzweifelt im Refrain.

Tiefschürfende Texte, allesamt unterlegt mit unaufdringlicher Electronica und eingängigen Pop-Refrains. Lediglich das Akustikstück „Silver Lane“ erinnert an ihr Frühwerk, besonders an den Song „Shape“ vom 2008er Album „Monday’s Ghost“.   

English, s’il vous plaît

Früher changierte die multilinguale Sängerin sogar innerhalb eines Songs zwischen Französisch, Englisch und Deutsch. Auch Schweizerdeutsch gibt es auf „Molecules“ nicht mehr zu hören. „Ich stellte mir ja gerne vor, mich damit heldenhaft der Tyrannei der anglophonen Popkultur entgegenzustellen“, erklärt sie sich. „Andererseits wusste ich aber auch, dass ich mich insgeheim hinter diesem seltsamen Sprachenmix elegant versteckte.“

Es ist das erste Mal, dass Kosmopolitin Sophie Hunger, die als Diplomatentochter Emilie Welti in Bern, Zürich, Bonn und London aufwuchs, ein Album komplett auf Englisch eingesungen hat. Na ja, fast. Ein paar wenige deutsche und französische Zeilen haben sich dann doch dazwischen geschlichen.

Zum Beispiel im berührenden „Cou Cou“, einer Art Wiegenlied für die „Ex-Kinder“. Denn nach dem Beziehungsende bleiben auch sie zurück. „Ich habe nicht nur den Mann verloren, sondern auch die Kinder. Und das ist eine ganz andere Art von Trennung“, meint Sophie Hunger. Sie war nicht ihre Mutter, nicht ihre Freundin oder Schwester, singt sie. Trotzdem kennt sie ihre Stimmen meilenweit gegen den Wind, weiß anhand ihrer Wangenfarbe, wann sie müde sind. „Je me souviens de tout“, sie erinnert sich an alles. Trotz der fröhlichen Melodie ist der Schmerz, die Sehnsucht spürbar.

Sophie Hunger Molecules Live

Gespannt sein darf man auf die Live-Umsetzung des neuen Materials. Im Herbst ist Sophie Hunger auf Deutschland-Tour. In vier ausgewählten Städten spielt sie jeweils mehrere Konzerte in unterschiedlichen Clubs. Allein in München tritt sie an drei aufeinanderfolgenden Abenden auf.

„Molecules“ von Sophie Hunger erscheint am 31.8. via Caroline International/Universal Music.

Sophie Hunger Tour 2018:
06.09. München, Freiheiz
07.09. München, Technikum
08.09. München, Strom
15.09. Berlin, Kesselhaus
16.09. Berlin, Festsaal Xberg
17.09. Berlin, Heimathafen
18.09. Berlin, Columbia Theater
19.09. Berli, Berghain Kantine
24.09. Köln, Gebäude 9
25.09. Köln, Live Music Hall
26.09. Köln, Kantine
29.09. Hamburg, Mojo
30.09. Hamburg, Uebel & Gefährlich
02.10. Hamburg, Grünspan
01.11. Osnabrück, Rosenhof
08.11. Bremen, Schlachthof

Fotos: Marikel Lahana