Mit „Overnight“ avancierten Parcels letztes Jahr mithilfe von Daft Punk zur kleinen Pop-Sensation. Wird das im Oktober erscheinende Debütalbum der australischen Wahl-Berliner den Erwartungen gerecht?

Parcels

Ein bisschen Bee Gees, ein wenig Phoenix – fertig ist das neue Pop-Wunderchen aus Australien. Auf ihrem selbstbetitelten Debütalbum schwingen Parcels das Tanzbein und kombinieren geschmeidige 70s Grooves mit zeitgenössischen Indie-Spielereien. Dream Pop und Soft Rock unterlegt mit funky French House à la Daft Punk. Mit letzteren waren Parcels sogar schon im Studio.

Nach einem Konzert der Newcomer in Paris lud Daft Punk die Band ins Studio ein. Zusammen mit den französischen Produzenten entstand dann letztes Jahr der Song „Overnight„. Eine moderne, glitzernde Disco-Nummer, die unüberhörbar die Handschrift der beiden humanoiden Disco-Roboter Thomas Bangalter und Guy-Manuel de Homem Christo trägt.

Die mit Daft Punk…

Und so wurden Parcels quasi über Nacht zur kleinen Pop-Sensation. Die Band tourte mit den Daft-Punk-Kompagnons Phoenix durch Europa und trat beim “ Glastonbury Festival“ auf.  Bis heute wurde „Overnight“ über 24 Millionen Mal bei Spotify gestreamt (circa 51 Mal von mir), auf YouTube kommt der Track auf knapp drei Millionen Klicks.

Dementsprechend hoch sind die Erwartungen an die fünf Jungtalente. „Überall hieß es ständig: Das sind die Typen, die mit Daft Punk gearbeitet haben, mal gucken, was sie als nächstes machen“, sagt Keyboarder und Sänger Patrick Hetherington.

Parcels Debütalbum

Auf dem Debütalbum „Parcels“, das nun am 12. Oktober erscheint, taucht ihr Hit nicht auf. Musikalisch weichen Parcels aber kaum vom Erfolgskonzept ab, das ja auch überraschend gut funktionierte.

Der Song „Bemyself“ gab die Richtung vor. Eine leicht „ins Kitschige tendierende Hook“, wie die Band selbst sagt, und selbstreferentielle Texte. Entsprechend dieser Grundidee entschieden Parcels, das Album selbst zu produzieren. Der einzige Gast ist der Berliner Rapper Dean Dawson, der im letzten Song, „Credits“, den Rausschmeißer macht. Ansonsten verzichteten sie auf weitere Kollaborationen.

Während sie im Studio also unter sich waren, brachten die fünf Musiker unzählige Inspirationsquellen mit. Und so erinnern viele Songs an das Daft-Punk-Album „Random Access Memories„, für das die beiden Franzosen 2013 u. a. mit Pharrell Williams und Nile Rodgers von Chic gemeinsame Sache machten.

Do you wanna get funky?

Mit funky Gitarrenriffs, die das ehemalige Chic-Mastermind perfektionierte, geizen auch Parcels nicht. Gleichzeitig erinnert ihr arrangierter Satzgesang an Landsmänner wie die Bee Gees – die Lyrics sind dabei weniger von Interesse.

Man verliert sich rasch in den rauschhaften Soundcollagen, aus denen sich immer wieder poppige Melodien hervor schwurbeln. Drum herum ein Wirrwarr aus Disco und Psychedelic Rock, der mal an Legenden wie Fleetwood Mac, mal an Zeitgenossen wie Tame Impala erinnert. In „Lightenup“ sorgt sogar eine Querflöte für Ablenkung.

Disco Dancing

Ein Großteil der Tracklist sind entspannte Uptempo-Nummern. Verträumte Stücke wie „Withorwithout“ erinnert an den Sound des australischen Elektro-Pop-Duos Empire Of The Sun. „Everyroad“ klingt wie eine Daft-Punk-Version von 80s-Disco-König Giorgio Moroder.  Ein achtminütiger psychedelischer Tagtraum. In „Iknowhowifeel“ blitzt zwischendurch das discoesque Debütalbum „United“ von Phoenix durch. Die konsequent zusammen geschriebenen Songtitel gehen übrigens auf eine zwischenzeitlich blockierte Leertaste am Computer von Patrick Hetherington zurück. Eine weitere schrullige Eigenart der Band.

Im Video zum sommerlich leichten „Tieduprightnow“ beamen uns Parcels auf ihren Heimatkontinent – Koalas, Känguruhs und knappe Bikinis inklusive. Und alles in einem nostalgisch-verblassten 70s-Look.

Die wilden Siebziger

Nicht nur musikalisch, auch optisch würde man die junge Band, deren Mitglieder alle erst Anfang 20 sind, mit ihren langen Haaren und Schnurrbärten eher in den wilden Siebzigern einordnen. Durch ihre schrägen Outfits unterstreichen Parcels das nostalgische Flair. Eine exzentrische Mischung aus Steely Dan und MGMT.

Das Album entstand aber nicht unter der Sonne Australiens, sondern in Berlin. Und zwar im Winter. Rewind: Patrick Hetherington, Gitarrist Jules Crommelin, Keyboarder Louie Swain, Bassist Noah Hill und Drummer Anatole Serret lernten sich bereits als Teenager in Byron Bay kennen und spielten in unterschiedlichen Schülerbands – die Bandbreite reichte von Metal bis Folk. Die Debüt-EP „Clockscared“ entstand während des Schulabschlusses. Das Pariser Label Kitsuné nahm die Band schließlich unter Vertrag und veröffentlichte eine zweite EP. Derweil zogen die jungen Musiker in die deutsche Hauptstadt.

Sommerlicher Winter in Berlin

Parcels„Wir hatten über ein paar Freunde gehört, Berlin sei cool und billig“, sagt Patrick Hetherington. Die ersten Monate teilten sie sich ein Apartment. Als Straßenmusiker und mit Gelegenheitsjobs verdienten sie sich etwas dazu. Während der Aufnahmen war es bitterkalt. „Wir haben uns ständig an die Strände unserer Heimat imaginiert“, erinnert sich Patrick Hetherington an die Albumaufnahmen. Den Soundtrack dazu lieferten angeblich 60s-Surf-Rock aus Hawaii und brasilianische Tropicália.

Parcels wollten sich nach ihrem Überraschungshit von den französischen Post-Disco-Großmeistern emanzipieren. So ganz ist das aber nicht gelungen. Das Material klingt streckenweise wie eine Blaupause des letzten Daft-Punk-Albums. Ein Vergleich, den sie wohl vermeiden wollten.

„Parcels“ ist nicht der große Wurf. Eine Platte wie ein süßer, cremiger Cocktail. Im Moment köstlich, aber wenig Gehalt. Die Songs verflüchtigen sich. Immerhin transportieren die Wahl-Berliner eine sommerliche Unbeschwertheit. Eine schöne Erinnerung an einen langsam verblassenden Supersommer.

Parcels Tour 2018:

18.11. Köln, Live Music Hall
01.12. CH – Lausanne, Les Docks
02.12. CH – Zürich, Kaufleuten
05.12. Stuttgart, LKA Longhorn
06.12. Wiesbaden, Kulturzentrum Schlachthof
10.12. München, Muffathalle
11.12. Dresden, Alter Schlachthof
12.12. Berlin, Astra Kulturhaus

Fotos: Caroline/Antoine Henault