Anderson .Paak legt nach „Venice“ und „Malibu“ das dritte Album seiner „Beach“-Trilogie vor. Der Einfluss von Produzenten-Schwergewicht Dr. Dre ist auf „Oxnard“ nicht zu überhören. Leider klingen die luftigen West-Coast-Vibes nicht mehr ganz so sonnig. Im März ist der Rapper übrigens auf Deutschland-Tour.

Anderson_Paak_IsraelRamos

In seinen neongelben Sneakern scheint Anderson .Paak fast abzuheben. Ein federleichter Schwebezustand wie auf Wolke sieben. Der Sound des Senkrechtstarters ist im Gegensatz zu vielen seiner Rap-Zeitgenossen ziemlich gutgelaunt, freundlich und zugänglich.

Bereits die Vita von Brandon Paak Anderson liest sich nicht wie eine typische Street-Saga. Er stammt aus dem südkalifornischen Oxnard. Die Küstenstadt zeichnet angeblich für ein Viertel der kalifornischen Erdbeer-Ernte verantwortlich. Anderson .Paaks südkoreanische Mutter baute organische Erdbeeren an. Als kleiner Junge begann er Schlagzeug zu spielen und war in der lokalen Gospel-Band als Drummer aktiv. Klingt nicht unbedingt nach Ghetto-Gangster.

Völlig problemlos war seine Jugend dann doch nicht. „Mama was a farmer/papa was a goner“, rappte er bereits in „The Bird“. Sein Vater, der im Gefängnis saß, ist mittlerweile tot. Eine Zeit lang arbeitete  der junge Musiker auf einer illegalen Marihuana-Plantage und war sogar obdachlos. Mit 21 zog Anderson .Paak ins nahe gelegene nach Los Angeles.

Kreativer Output

Durch einen Bekannten erhielt er Zugang zu einem Tonstudio und nahm unter dem windigen Namen Breezy Lovejoy 2011 sein Debütalbum „O.B.E., Vol. 1“ auf.  Zwei Jahre später veröffentlichte er via bandcamp.com die grandiose Cover-EP „Cover Art“ unter seinem neuen Künstlernamen Anderson .Paak – der Punkt steht für seine Liebe zum Detail. 2014 folgte „Venice„, ein Album übers Kiffen und mit hübschen Frauen am Strand abhängen.

Zusammen mit dem Produzenten Knxwledge startete er das Nebenprojekt NxWorries, das 2015 die EP „Link Up & Suede“ veröffentlichte. Dr. Dre wurde auf das Nachwuchstalent aufmerksam und verpflichtete Anderson .Paak gleich für sechs Tracks auf seinem Comeback-Album „Compton„. Es folgten weitere Kollaborationen, etwa mit dem kanadischen Produzenten Kaytranada sowie mit dem letzten Herbst verstorbenen Rapper Mac Miller, mit dem der Hit „Dang!“ entstand.

Beach Life

Anderson_Paak_2018_564Im Januar 2016 erschien dann das zweite Studioalbum „Malibu„. Mühelos sprechsingt sich Anderson .Paak darauf durch Genres und Zeiten – von Jazz und Hip-Hop über Old-School-Soul und 90s R’n’B bis hin zu House. Das Resultat: eine frische luftige Version von West-Coast-Rap, befreit von hohlen Gangsta-Posen, dafür mit Malibu-Feeling. Diese innovative Mixtur brachte Anderson .Paak auch gleich zwei Grammy-Nominierungen in den Kategorien „Best New Artist“ und „Best Urban Contemporary Album“ neben Hochkarätern wie Beyoncé und Rihanna ein.

Einzelne Singles wie „Bubblin'“, das federleichte „‚Til it’s over“ sowie ein Beitrag für den „Black Panther“-Soundtrack folgten. Ähnlich wie Kendrick Lamar kombiniert Anderson .Paak Hip-Hop-Beats der G-Funk-Schule mit 70s-Soul und 90s-R’n’B und streut verspielte Jazz-Elementen ein. Nicht zuletzt dank seiner zugänglichen Nummern war der Shootingstar sogar mit Superstar Bruno Mars auf Europatour.

„Oxnard“ – Album Nr. 3

Nun schieben sich allerdings ein paar Wölkchen über den rosaroten Himmel: Auf seinem dritten Studioalbum „Oxnard“ zeigt der 32-Jährige eine vermeintlich männlichere Seite. Poppige Melodien sind selten, die Texte strotzen plötzlich vor Testosteron.

Das neue Album, das bereits im November 2018 erschienen ist, ist eine Hommage an seine Geburtsstadt Oxnard. Produziert wurden die Track von Hip-Hop-Legende Dr. Dre. Klar, eine Ehre für einen Nachwuchsrapper. Durch die geübte Hand an den Reglern bleibt jedoch auch der Charme von Anderson .Paak auf der Strecke. Der Untertitel des Album, „Andy’s Beach Club“, weist ins Leere. Auf eingängige Refrains wartet man – bis auf wenige Ausnahmen wie die Single „Tints“ – vergeblich.

Promi-Party

Überhaupt ist das Album rappelvoll mit anderen Stimmen. Lediglich vier von 14 Songs kommen ohne Gast-Features aus. Dabei ist Anderson .Paak in bester Gesellschaft. Neben Dr. Dre sind u. a. Kendrick Lamar, Snoop Dogg, J. Cole, Q-Tip, Pusha T mit von der Partie. Es sei eine Ehre für ihn gewesen, mit einigen dieser Leute im selben Raum sein zu können, gibt sich Anderson .Paak demütig.

Über seine Zusammenarbeit mit Kendrick Lamar für die Single „Tints“ schwärmt er: „Er ist der bescheidenste, selbstloseste, großartigste, fokussierteste Gentleman, der mir jemals begegnet ist. Es gibt Leute, bei denen du dich darauf verlassen kannst, dass du ihnen mal eben etwas zuschickst und etwas Brandheißes zurückbekommst.“

Dabei hat er sich womöglich selbst ein wenig aus den Augen verloren, sich zu sehr von den Ideen anderer beeinflussen lassen. Das Album fühle sich nach „Sonne, gutem Wetter und schönen Frauen“ an, meint Anderson .Paak selbst. Doch nur wenige Songs versprühen den leichtfüßigen, kalifornischen funky Vibe, der auf den ersten Alben omnipräsent war.

Tints„, in dem es um den Umgang mit Ruhm und den Wunsch nach getönten Autoscheiben geht, ist das eingängigste, poppigste Stück. Auch „6 Summers„, das ohne Kollaborationspartner auskommt, ist von einem tropischen Beat unterlegt. Hier täuscht die Unbeschwertheit: „Trump’s got a love child, and I hope that bitch is buckwild, I hope she sip Mezcal, I hope she kiss señoritas and black gals“, rappt Anderson .Paak im Refrain. Immer wieder richtet er sich direkt an den US-Präsidenten, deutet das brisante Thema Waffenkontrolle an. Doch es bleibt ein vages politisches Statement, das sich aber genau wie der etwas ziellose Song verliert.

Unverblümter Sexismus

Anywhere„, das mit Snoop Dogg entstand, beschwört die G-Funk-Ära herauf, plätschert aber unaufgeregt vor sich hin. Enttäuschend der hohle Sexismus in „Sweet Chick„. Anderson .Paak und BJ The Chicago Kid geben zu 70s-Funk-Beats die Über-Pimps. „We fuckin‘ us a sweet chick, she go vegan on the weekends, hell naw, you shouldn’t be eatin‘ dick“, heißt es da unter anderem. Weiter geht es mit einer „Freak Bitch“, einer „cougar Bitch“, einer „Skater Bitch“ und einer „Yogi Bitch“.

Berührend dagegen das von Percussion und Bläsern getriebene „Cheers„, das zusammen mit Q-Tip entstand. Ein Tribut an den verstorbenen Kollegen Mac Miller. „How do you tell a nigga ‘slow it down‘, when you’re living just as fast as him?” fragt Anderson .Paak.

Dr. Dre ist auf dem von Dancehall durchzogenen „Mansa Musa“ zu hören. Namensgeber ist ein König von Mali, unter dessen Regentschaft das Land erblühte. Eine typische Rapper-Pose, die Ruhm und Reichtum heraufbeschwört – und mit einem Beitrag von Rap-Gigant Dr. Dre unterstrichen wird.

Am Ende bietet „Oxnard“ viele Ideen, aber nur wenig bleibt hängen. Während wir auf das nächste Album oder Projekt des jungen Talents warten, bleiben zum Glück die alten Songs von Anderson .Paak wie mein persönlicher Dauerbrenner „Am I Wrong„.

Anderson .Paak Live 2019

Anderson_Paak_Press_Image_2018_11

Dieses Jahr präsentiert Anderson .Paak sein neues Material live. Die Welttournee startet am 11. Februar in San Francisco – einen Tag nach der Verleihung der Grammy Awards 2019, bei denen er mit dem Song „Bubblin'“ in der Kategorie „Best Rap Performance“ nominiert ist.

Anderson .Paak Tour 2019:
22.03. Berlin, Columbiahalle
23.03. Frankfurt, Jahrhunderthalle
26.03. München, Tonhalle

 

Fotos: Israel Ramos/Warner Music