Vor zwei Jahren verdrehte Maggie Rogers mit einem unfertigen Song Überproduzent Pharrell Williams den Kopf und avancierte daraufhin zum globalen Pop-Phänomen. Jetzt legt das Hippie-Girl, das Folk mit Electronica verbindet, ihr Debütalbum „Heard It In A Past Life“ vor. 

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„Niemand tanzt härter zu einem Maggie-Rogers-Song als Maggie Rogers“, schrieb ein Online-User unter das Video „Give A Little“ der US-Newcomerin. Und tatsächlich: In ihren Videoclips tanzt die junge Sängerin, als gäbe es kein Morgen. Zu Beats, die sicherlich nicht jeden zu derartigen Moves animieren würden. Oft scheinen die Bewegungen gar nicht richtig zur Musik, einer eigenwilligen Mischung aus eingängigem Dance Pop und Folk-Melodien, zu passen.

Maggie Rogers wirkt wie aus der Zeit gefallen, lässt sich nicht einordnen. Mal tanzt sie als Skatergirl nonchalant in Cowboy-Boots Girlband-Choreografien, mal hüpft sie durch einen Wald und flirtet mit Bäumen, bevor daraus ein Open-Air-Rave wird. Die junge Künstlerin fällt aus der Reihe, ohne dabei schrill oder aufdringlich zu wirken.

Einzigartige Kombination

Superstar Pharrell Williams bezeichnete ihren Sound als „einzigartig“, als er das erste Mal ihren Song „Alaska“ hörte. Dabei war das Stück noch gar nicht fertig. Maggie Rogers, damals 22, besuchte eine Meisterklasse am Clive Davis Institute of Recorded Music an der New York University. Das ist der Music-Business-Studiengang der Tisch School of the Arts, an der einst auch Lady Gaga ihr Handwerk lernte. In ihrem Jahrgang wurde Maggie Rogers „Banjo Girl“ genannt.

Verschiedene Nachwuchskünstler tüftelten in der Klasse an ihren Songideen. Ihre „Hausaufgaben“ spielten sie später einem Gast-Dozenten vor – Pharrell Williams. Der Super-Producer war beim Anhören von „Alaska“ sprachlos. Während der drei Minuten nickte er immer wieder anerkennend, schüttelte zwischendurch ungläubig den Kopf, während Maggie Rogers im Takt mit dem Kopf nickte und den prominenten Musiker schüchtern von der Seite anblickte.

„Ich habe dem nichts hinzuzufügen“, sagte Pharrell Williams am Ende. „Weil du dein eigenes Ding machst.“ Ihre Musik sei einzigartig und neu. Wie damals der Wu-Tang Clan: „Man konnte die Musik nicht greifen. Man mochte es, oder nicht. Aber es war mit nichts anderem vergleichbar.“ Tatsächlich erwähnte er den letztes Jahr verstorbenen schwedischen Hit-Produzenten Avicii, der Folk, Soul und EDM kombinierte.

Maggie Rogers macht zwar keine Clubmusik, ihre Arrangements sind zarter, zurückhaltender. Aber sie verbindet elektronische Beats mit Folk.

Countrygirl goes…

Bereits als Kind lernte die im ländlichen Maryland aufgewachsene Musikerin Banjo, Harfe und später Klavier sowie Gitarre spielen. Während eines Auslandssemesters in Europa hatte sie in einem Berliner Club ein „spirituelles Erlebnis“ mit elektronischer Musik. Fortan wollte sie die Künstlichkeit und Energie von Dance-Musik mit Folk-Harmonien zusammenbringen, wie sie sagt.

Auf ihren ersten Alben sind Maggie Rogers Banjo-Wurzeln nicht zu überhören. Bereits 2012 veröffentlichte sie ihr erstes Album „The Echo„, aufgenommen im Homestudio. Damit hatte sie sich am Clive Davis Institute beworben, wo im ersten Semester dann das im Sommer 2014 via Bandcamp erschienene Folk-Album „Blood Ballet“ entstand. Die beiden Longplayer sind deutlich von ihren Banjo-Wurzeln geprägt.

… Popstar!

Doch erst mit ihrem Hybrid-Sound von „Alaska“ schaffte Maggie Rogers den Durchbruch. Die Formel Hit-Produzent, Hippie-Girl plus grandioser Popsong ging auf. Plötzlich hatte sie Tausende neue Facebook-Fans. Über Nacht avancierte die Musikstudentin zum globalen Pop-Phänomen.

Maggie Rogers unterschrieb schließlich beim Majorlabel Universal Music. Im Februar 2017 veröffentlichte sie die EP „Now That The Light Is Fading“. Für die Single „Light On“ arbeitete sie mit Hit-Macher Greg Kurstin (Sia, Lily Allen, Pink) zusammen. Die Newcomerin schaffte es auf zahlreiche Newcomer-Hotlists, gab ihr TV-Debüt bei Jimmy Fallon und tourte durch Nordamerika und Europa.

„Ich war das ganze Jahr auf Tour. Und es ist ziemlich cool, diesen Satz sagen zu können“, grinst sie in der Doku „Back In My Body„, in der sie im nördlichsten US-Bundesstaat und Namensgeber ihrer Hit-Single versucht, zur Ruhe zu kommen.

Trotz des plötzlichen Ruhmsließ sie sich Zeit, veröffentlichte lediglich einzelne Singles. In den dazugehörigen Videos inszenierte sie weiterhin Freunde und Bekannte nach ihren eigenen Vorstellungen. Sie stellte sicher, auch mit Plattenvertrag das letzte Wort über ihren künstlerischen Output zu haben.

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Neuanfang

Zwei Jahre später, der Hype ist abgeflaut, legt Maggie Rogers nun ihr Debütalbum „Heard It In A Past Life“ vor. Sie wollte einen Neuanfang, sich vom Überraschungserfolg emanzipieren. Sie wollte mehr sein als die Musikstudentin, die Pharrell Williams verblüffte.

Neben den fünf bereits vorab veröffentlichten Songs „Give A Little“, „Alaska“, „On + Off“, „Fallingwater“ und „Light On“ finden sich auf dem Album sieben weitere Stücke. Alle Songs sind sehr poppig produziert. Flirrende Synthies, dazu zarte Beats und eingängige Melodien. Das erinnert mal an zeitgenössische Musikerinnen wie Feist und Björk, mal an Siebziger-Ikonen wie Joni Mitchell und Fleetwood Mac.

Lost in La-La-Land

Während sie in „Alaska„, einer Art Selbstfindungssong, von Gletschern und eisigen Strömen singt, verarbeitet Maggie Rogers in den Texten der jüngeren Titel die Entwicklungen der letzten Jahre. „Ich wusste zwischenzeitlich gar nicht mehr so genau, wie ich es schaffen sollte, dass sich das alles auch wirklich ‘nach mir’ anfühlt“, sagt die heute 24-Jährige.

Im melancholischen Uptempo-Song „Overnight“ geht es um plötzliche Veränderungen. „‚Cause people change overnight, things get strange, but I’m alright“, singt Maggie Rogers. Und in „Light On“ heißt es geradezu verzweifelt: „Oh, I couldn’t stop it, tried to slow it all down, crying in the bathroom, had to figure it out with everyone around me saying ,You must be so happy now'“.

Mehr Glamour als Banjo

Der Charme von „Alaska“ mit den blubbernden Beats verliert sich leider auf dem Album. Die Songs klingen austauschbar. Das Album ist ganz klar auf Mainstream getrimmt. Darüber können auch Maggie Rogers Schlaghosen und die schrägen Musikvideos nicht hinwegtäuschen. Der Pop glitzert greller als der Folk.

Das ist mal schräg, mal entzückend und immer ziemlich harmlos. Es macht zwar Spaß, Maggie Rogers zuzusehen, wie sie hart zu ihren Songs abtanzt. Eine selbstbewusste, clevere und gleichzeitig bescheidene junge Frau mit großem Potential.

Give A Little„, der Opener und vorab veröffentlichte Single, ist eine eingängige Dance-Pop-Nummer. Im dazugehörigen Video wirkt Maggie Rogers etwas verloren in dem trockengelegten Pool zwischen den lässigen California Girls. Sound, Optik und Attitüde erinnern an die Haim-Schwestern.

Die Inszenierung wirkt ein wenig nach Kleine-Mädchen-Fantasien. Bleibt abzuwarten, womit uns Maggie Rogers überrascht, wenn sie erwachsen geworden ist.

Maggie Rogers Tour 2019:
27.02. Köln, Gloria Theater
28.02. Berlin, Kesselhaus
02.03. Frankfurt am Main, Zoom
04.03. Hamburg, Mojo Club


Fotos: Olivia Bee, Universal Music