Sieht so unsere Konzert-Zukunft aus? Über 100 Musikerinnen und Musiker sangen beim „One World Festival“ zugunsten der WHO. In ihren Wohnzimmer, Heimstudios und Hinterhöfen. Hier einige Highlights aus dem achtstündigen Livestream.

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Tourneen werden abgesagt, Neuveröffentlichungen verschoben, Festival sind erstmal gestrichen. Wie geht es angesichts der Corona-Pandemie mit der Livebranche weiter? Einen kleinen Vorgeschmack lieferte womöglich das „One World Festival“, organisiert von der Plattform Global Citizen auf Anfrage der Vereinten Nationen und der Weltgesundheitsorganisation.

Unter dem Titel „One World: Together At Home“ spielten am 18. April über 100 Künstlerinnen und Künstler live von zu Hause aus, darunter zahlreiche Weltstars.

Bei Weltstars im Wohnzimmer

So sahen Millionen Musikfans auf ihrem Bildschirm Elton John am Flügel in seinem Garten in Los Angeles. Taylor Swift vor einer Blümchen-Tapete. Und das Popstar-Pärchen Shawn Mendes und Camila Cabello gemeinsam in Quarantäne am Klavier im Wohnzimmer.

Mit ihren „Ständchen“ honorierten die Entertainer die Arbeit der „wahren Helden“ der Coronakrise, den Beschäftigten im Gesundheitswesen, aber auch Lehrer, Supermarktmitarbeiter und Postboten. Streaming und Video-Programme, die viele von uns aus dem Homeoffice kennen, brachten die Stars in die Wohnzimmer von Millionen von Zuschauern nach Hause.

Acht Stunden Ständchen

Damit erinnert die Initiative an die „Live Aid“-Aktion, bei der 1985 bei zwei weltweit übertragenen Satelliten-Arenakonzerten in London und Philadelphia angesichts der Hungersnot in Äthiopien diverse Superstars auftraten. Der Unterschied: Damals standen die Künstler gemeinsam live auf der Bühne, dieses Mal befanden sie sich in Quarantäne.

Die einzelnen Live-Sets wurden vorab aufgezeichnet und dann zu einem achtstündigen virtuellen Konzertmarathon zusammengeschnitten. Der letzte zweistündige Hauptteil wurde in den USA von drei großen Sendern ausgestrahlt.

Unterbrochen wurden die musikalischen Darbietungen von Beiträgen rund um die globale Coronakrise – inklusive News, Footage- und Social-Media-Material. Die Talkshow-Hosts Jimmy Fallon, Jimmy Kimmel und Stephen Colbert sorgten während der fürs TV konzipierten Show für einen dramaturgischen Faden – und einen leichteren Ton.

Lady Gaga, die das Konzertereignis kuratierte und wegen der Pandemie die Veröffentlichung ihres sechsten Studioalbums „Chromatica“ verschoben hat, eröffnete den Hauptteil des virtuellen Lockdown-Festivals leider nicht mit einem neuen Stück, sondern dem Charlie-Chaplin-Klassiker „Smile“.

Darauf folgten unzählige Coverversionen. Billie Eilish wählte als Ablenkung von den derzeit täglichen Schlagzeilen rund um die Covid-19-Pandemie den optimistischen Song „Sunny“ (die meisten dürften die Discoversion von Money M. kennen).

Die 18-jährige Senkrechtstarterin machte aus dem Soulsong von Bobby Hebb aus dem Jahr 1966 eine zarte Popnummer. Begleitet wurde sie dabei von ihrem Bruder Finneas am Piano, der sogar ein paar Akkorde aus der prägnanten James-Bond-Melodie einbaute – ein Verweis auf ihre aktuelle 007-Single „No Time To Die“.

Drama, Baby

Dramaqueen Jennifer Lopez wagte sich an den Barbra-Streisand-Titel „People“ aus dem Musical „Funny Girl“ heran, theatralisch inszeniert vor einem mit Lichterketten geschmückten Baum. Und die vier Altrocker der Rolling Stones – jeder für sich in seiner Villa – spielten via Zoom-Splitscreen gemeinsam „You Can‘t Always Get What You Want“.

Neben weiteren Legenden wie Paul McCartney („Lady Madonna“) und Stevie Wonder, der mit „Lean On Me“ an den kürzlich verstorbenen Bill Withers erinnerte, trat auch Newcomerin Lizzo auf. Sie sorgte mit einer eindringlichen Version von Sam Cookes Bürgerrechtsbewegungshymne “A Change Is Gonna Come“ für Gänsehaut.

Berührend auch Billie Joe Armstrong (der dringend einen Haarschnitt braucht), der den Song “Wake Me Up When September Ends” seiner Band Green Day, unterlegt mit Bildern von leeren Städten, in einen neuen Kontext transferierte.

Die Soul-Stimmen von John Legend und Sam Smith harmonierten auch via Zoom bestens im Duett zu Ben E. Kings 1961er Klassiker „Stand By Me“.

Zum Abschluss gab es eine äußerst ungewöhnliche, aber leider belanglose Kollaboration von Celine Dion, Lady Gaga, Andrea Bocelli und John Legend, die, begleitet von Pianist Lang Lang, das pathetische Stück „The Prayer“ sangen (ein Duett von Dion und Bocelli aus dem Jahr 1999).

Liebe Grüße von Hawaii

Bereits vor dem Hauptteil gaben sich zahlreiche Künstler und Bands die Ehre. Die einstige Eurythmics-Frontfrau Annie Lennox sang gemeinsam mit ihrer Tochter Lola Lennox ihren Achtziger-Hit „Must Be Talking To An Angel“. Zuvor hatte die 65-jährige Schottin mit der elektrisierenden Stimme den Klassiker „I Saved The World Today„.

Jungtalent Christine And The Queens performte zweisprachig in ihrer Pariser Wohnung, während Jack Johnson mit „Better Together“ Feel-Good-Vibes von seinem Haus in Hawaii um die Welt schickte.

Straight Outta Kassel

Als einziger deutscher Liveact spielte das hessische Duo Milky Chance seinen Hit „Stolen Dance“ aus dem Heimstudio in Kassel.

Die irische Indie-Band Picture This, deren Mitglieder es sich – nicht ganz Social-Distancing-konform – zu viert auf einem Sofa gemütlich gemacht hatten, überzeugten mit einem leidenschaftlichen Set ihrer Singles „Troublemaker“ und „Winona Ryder“.

Den ansonsten opulenten Songs von The Killers, die zu zweit mit Gitarre und Keyboard vor einem Kamin spielten, tat die Reduzierung aufs Wesentliche ebenfalls gut.

Wie wohnen eigentlich diese Megastars?

Insgesamt dominierten Balladen die umfangreiche Setlist. Die Songs wurden angesichts der eingeschränkten Möglichkeiten größtenteils akustisch und ohne visuelle Inszenierung umgesetzt.

Da kann während acht Stunden die Musik schon mal in den Hintergrund rutschen. Stattdessen konzentriert man sich plötzlich mehr auf die Inneneinrichtung der Stars. So erhaschten Zuschauer einen kurzen Blick in Schlafzimmer, Küchen und Homestudios, die teilweise überraschend schlicht oder unaufgeräumt wirkten.

US-Sänger Charlie Puth zum Beispiel etwa spielte in einem Raum in seinem Elternhaus vor einem rustikalen Holzbett – auf dem undefinierbare Decken lagen. Im Musikzimmer/Fitenssstudio von Lady Gaga konnten man im Hintergrund auf dem Boden goldene Hanteln entdecken, während Zucchero sein kreatives Reich wohl in einem Gartenhäuschen untergebracht hat.

For real

Zurück auf den Boden der Tatsachen wurde man zwischendurch von Beyoncé und Alicia Keys geholt. Die beiden Diven sangen zwar nicht, lieferten in Videobotschaften aber starke Statements und machten auf die Lage der afroamerikanischen Bevölkerung aufmerksam, die besonders stark von der Pandemie betroffen sei. Deutliche Forderungen blieben jedoch aus.

Auch ob die vielen Lieder, die Herzchen und Emojis, die während des Live-Streams im Sekundentakt aus aller Welt gesendet wurden, etwas bewirken, sei dahingestellt. Immerhin sorgte das virtuelle Festival für Ablenkung während des Lockdowns. Und bot einen Vorgeschmack auf weitere Events dieser Art.