Oh, Canada! Du bist nicht nur das zweitgrößte Land der Welt, sondern auch ein wahres Schatzkästchen an Bands, die handgemachte Musik unter’s Volk werfen. Neuestes Exemplar auf europäischem Boden: Shred Kelly. Folk aus den Bergen im Nirgendwo.

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Die Kanadier haben ein Händchen für gute Musik und in diesem Fall zum wiederholten Mal für Folk: The Crooked Brothers, Northcote, Royal Canoe, Jordan Klassen, The Dead South oder Federal Lights vertreten alle die Folk-Richtung, aber jeder auf seine eigene Art und Weise, fernab von jeglichem Mainstream.

Das aktuelle Album „Sing To The Night“ von Shred Kelly ist besonders hübsch: Darauf zu sehen ist die grafische Darstellung eines Sonnenuntergangs hinter einem Bergmassiv, umrahmt von Bäumen. Top-Artwork, aber wer ist die Band? Keine Sorge, der erste Eindruck trügt nicht: It’s Alternative Folk-Rock, hooray! Aber wer sind jetzt eigentlich Shred Kelly?

Shred Kelly sind Tim, Sage, Ty, Jordan art_shredkellyund Ian aus Fernie in British Columbia. In Fernie kann man eigentlich nicht viel mehr machen als skifahren (das dafür umso besser!). Aber was tun, wenn (vermutlich irgendwann im Juni) der Schnee zwischen den Gipfeln von Three Sisters und Mt. Hosmer in dem etwa 5000-Einwohner-Dorf schmilzt und man de facto nichts mehr zu tun hat?

Das dachten sich wohl auch die fünf Freunde von Shred Kelly und griffen zu ihren Instrumenten: Bass, Gitarre, Schlagzeug, Keyboard, Gitarre, Banjo und Ukulele. „Stoke Folk“ nennen sie ihren Stil selber – Alternative Folk, der ein bisschen durchdreht, würde ich es nennen. Oder aber auch traditionelle Folk-Einflüsse in neuem modernen Gewand! Klingt gut!

„Sing To The Night“ heißt das inzwischen dritte Album der Band, die bisher vor allem in Kanada bekannt ist. Elf Songs gibt’s darauf und viele davon sind sehr mitreißend und hinterlassen einen mitgerissenen, einen stoked Zuhörer.

Sänger Tim und Sängerin Sage teilen sich die Gesangsparts sehr fair auf, begleitet wird vieles von einem treibenden Banjo. Ab und zu kommt ein Synthie-Keyboard dazu, allerdings versuche ich persönlich das manchmal auszublenden. Das hätte es nicht gebraucht, die Songs klingen ohne Synthie-Kram gut genug. Allerdings heben sich Shred Kelly so natürlich auch von der letzten großen Woge der Indie-Folk-Bands, die immer noch zu uns schwappt, ab.

Alle Bandmitglieder verstehen ihr Handwerk, das Ganze klingt nach einer ehrlichen Band mit ehrlichen Songs. Wem bei Duetten wie „Going Sideways“ nicht das Herz aufgeht, der möchte bitte ab jetzt auch zum Lachen in ein Eckchen gehen.

Die Platte hat für jeden was: Die ruhigeren Duette und schnelle Songs wie zum Beispiel „Stereo„. Ich habe das Gefühl, dass da alle Bandmitglieder am Schluss mit blutigen Fingern an ihren Instrumenten standen, so sehr hauen Shred Kelly in die Tasten und Saiten. Das macht Spaß! Sie erzählen Geschichten wie die Leute von nebenan: von Zweifeln („Person Of Heart“), von Familie („Family Oh Family“) und von Umwegen, die das Leben nunmal so mit sich bringt („Walking Sideways“).

„Sing To The Night“ ist ein so schönes wie unaufgeregtes Folk-Album von einer durch und durch sympathischen Gang aus den Bergen Kanadas. Unaufgeregt, weil  sie sicher in allem sind, was sie uns da bieten, und sich damit auch gar nicht verstecken müssen.

Dass sie aus Kanadas Bergen kommen, hört man ihnen irgendwie immer an: Ob es an ihren „clawhammer banjo riffs“, dem mitreißenden Stampfrhythmus oder den wirklich komplett ausgeglichenen Männer-Frauen-Stimmen in den Songs liegt? Ich habe keine Ahnung. Wer sich selbst aber als Ski-Penner („ski bums“) mit einem „sincere distaste for work“ beschreibt, verdient nicht nur meinen höchsten Respekt, sondern gewinnt gleichzeitig auch all meine Sympathie.

Die Sympathie wird nun zu guter Letzt auch noch vom Video zum Titeltrack „Sing To The Night“ ins Unermessliche gesteigert: Passend zur Jahreszeit liefern Shred Kelly eine fetzige Choreo in Skischuhen, Ski, Schnee, Kicker und Sprungschanzen-Action und Klamotten, wie man sie sonst nur zum Monopalooza, der Meisterschaft im Monoski, aus dem Schrank holt. Aber seht selbst:

Wer sich nun von den Live-Qualitäten überzeugen möchte, kann dies zum Glück schon im Februar tun. Denn die Band, die sowohl eine kleine Bar in ihrem Heimatdorf als auch die Winterspiele 2010 in Vancouver zum Tanzen bringt bzw. brachte, kommt nach Deutschland. Hier sind die Daten:

18.02. München – Cord Club
20.02. Stuttgart – Café Gala
21.02. Berlin – Zukunft am Ostkreuz
22.02. Hamburg – Molotow
23.02. Hannover – Ruby Tuesday at Café Glocksee
27.02. Kiel – Prinz Willyee

„Sing To The Night“ von Shred Kelly ist am 22.Januar 2016 bei DanCan Music erschienen.

Foto: PR